Nur keine falsche Bescheidenheit. „Die Geschichte des Fahrrads muss neu geschrieben werden“, tönt die Manufaktur Hobrecht & Hobrecht vor der mit viel Tamtam inszenierten Präsentation ihres neuesten Drahtesels. Doch dann fällt im neuen Münster-Tatort „Die Erfindung des Rades“ eine tiefgefrorene Leiche aus der Kiste, in der eigentlich das „First Bike“ stehen soll. Gut nur, dass Thiel (Axel Prahl) und Boerne (Jan Josef Liefers) mehr oder weniger zufällig im Premierenpublikum stehen. (Sonntag, 7. Dezember, 20.15 Uhr, ARD)
Tatort „Die Erfindung des Rades“ : Eine dysfunktionale Familie mit vielen Verdächtigen
Der Tote ist Albrecht Hobrecht (Heinrich Giskes), schwarzes Schaf der Familie und Bruder des aktuellen Firmenchefs Kurt (Hannes Hellmann). Verdächtige gibt es viele. Da ist Kurts Sohn Konstantin (Franz Hartwig), der der Verwandtschaft in einer Art Hassliebe verbunden ist. Oder Tochter und Dramaqueen Karla (Karolina Lodyga), die ihren Ledermaske tragenden Liebhaber gerne an der Hundeleine spazieren führt. Nicht zu vergessen Enkel Kurt jr. (Simon Steinhorst), der das Leben fast ausschließlich durch seine Videokamera sieht und ansonsten scheinbar nicht die hellste Kerze auf der Torte ist.
Eine recht dysfunktionale Familie also, die sich gegenseitig nicht die Butter auf dem Brot gönnt. Vater Kurt scheint noch der Normalste zu sein, hat allerdings beim Anblick des tiefgefrorenen Bruders einen Herzinfarkt erlitten und liegt erst einmal im Krankenhaus. Dass ihn dort ausgerechnet Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) besucht, hat allerdings nur am Rande damit zu tun, dass der Firmenchef im Laufe der Ermittlungen unter Verdacht gerät.

Während Thiel und Assi Mirko Schrader (Björn Meyer) sich in teils längeren Vernehmungen durch ein Geflecht aus Lügen kämpfen, nehmen Boerne und Silke Haller (Christine Urspruch) das aufgetaute Opfer unter die Lupe. Warum hat man dem Toten alle zehn Finger gebrochen? Woher kommen die Holzsplitter in seinem Bein? Und wie lange ist der Mann überhaupt schon tot? Bei der Lösung dieser Fragen kommt das ungleiche Duo einem alten Familiengeheimnis Hubrechts auf die Spur.
Es gibt falsche Geständnisse und teils weit hergeholte Wendungen. Und eine Staatsanwältin, wie man sie noch nie gesehen hat. Ohne Zigarette zwischen den Fingern, aber Champagner schlürfend im langen roten Kleid. Mit dem Satz „Kurt Hobrecht war die erste große Liebe meines Lebens“ vertraut Klemm nach gut einer TV-Stunde Thiel ein Geheimnis an, das die meisten Zuschauer zu diesem Zeitpunkt längst kennen. Vor 50 Jahren hat er ihr einen Antrag gemacht, sie lehnte ab, man verlor sich aus den Augen. Nun knistert es wieder. Noch schlimmer ist für den Kommissar allerdings die Nachricht, dass seine Vorgesetzte die Robe an den Nagel hängt. Nicht weil sich die Beweise gegen den wiedergefundenen Liebsten verdichten. „Ich bin“, erklärt sie Thiel, „zu alt für diesen Scheiß.“
Tatort Münster: Ein würdiger Abschied für die Frau Staatsanwältin
Ja, die Geschichte ist verworren, manchmal etwas unlogisch und mit optisch gut gemachten Rückblicken durchsetzt. Schon ein ganzes Stück vor dem Ende sind zwei Verbrechen aufgeklärt. Der Weg dahin ist über weite Strecken sehr unterhaltsam, weil er mit den üblichen guten Dialogen und vielen kleinen Gags im Drehbuch gepflastert ist. Thiel und Boerne gehen fast schon freundschaftlich miteinander um, überhaupt herrscht viel Harmonie bei der Stammbesetzung. Selbst Vadder Thiel (Claus Dieter Clausnitzer) ist extrem pflegeleicht, hilft sogar bei den Ermittlungen. Natürlich ist der Münster-Tatort immer mehr Komödie als Krimi. Als Komödie ist er auch dieses Mal nicht schlecht, als Krimi aber in etwa so spannend wie eine Warteschlange beim örtlichen Finanzamt.

Vielleicht liegt das auch daran, dass man Mechthild Großmann, die freiwillig aus dem Münster-Tatort aussteigt, einen vernünftigen Abschied geben wollte. Der ist in der Tat gelungen. Es wird nicht traurig, wird nicht albern. Es wird nicht mal wirklich kitschig, obwohl es so etwas wie ein klassisches Happy End gibt. Aber vor dem Bildschirm ahnt man trotzdem, dass einem die einst kettenrauchende Juristin mit der unverkennbaren Stimme fehlen wird. „Gute Arbeit, Frau Klemm“ – 23 Jahre lang.
Bewertung: Drei Sterne
Sonntag, 7. Dezember 2025, 20.15 Uhr, ARD



