Um 11.40 Uhr telefoniert Moritz Bleibtreu in „Lola rennt“ in einer Berliner Telefonzelle, weil er dringend 100.000 DM braucht. Fünf Minuten später klammert sich Robert Powell in „Die 39 Stufen“ an den Minutenzeiger des Big Ben hoch über London. Während sich auf der anderen Seite des Ozeans Gary Cooper und Henry Fonda in verstaubten Westernstädten auf den „High Noon“ vorbereiten – einmal in Schwarzweiß, einmal in Farbe. Um Punkt 12 hängt sich der Glöckner in die Seile von Notre-Dame in Paris. Danach fällt die Spannung ab. Zehn Minuten später beißt Nicholas Cage in ein blutiges Steak. Denn schließlich ist Mittagszeit.

Donnerstag

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Die Neue Nationalgalerie wurde für „The Clock“ von Christian Marclay (geboren 1955 in Kalifornien) in ein ziemlich beeindruckendes Kino umgebaut. Zu sehen ist „eines der herausragenden Kunstwerke des 21. Jahrhunderts“, sagt Direktor Klaus Biesenbach: „Eine Hommage an das Kino des 20. Jahrhunderts, die sich extrem komplexen Fragen stellt, in der man sich aber auch im Hier und Jetzt einfach verlieren kann“. Das stimmt, man möchte gar nicht mehr aufstehen und immer weiterschauen, auch wenn der Magen knurrt zur Mittagszeit.

The Clock
Gezeigt werden Uhren aus Filmklassikern.© Courtesy White Cube, London | Christian Marclay

Die Zeiten im Film sind nämlich mit der Echtzeit im Kino synchronisiert. Christian Marclay hat drei Jahre lang die Filmgeschichte nach Sequenzen mit Uhren und Zeiten gesichtet und sie dann so montiert, dass ein Film mit 24 Stunden entstanden ist. Er empfiehlt aber nicht, durchzuschauen. Denn wir hätten Verpflichtungen und Bedürfnisse – die einzuplanen und darüber nachzudenken, was Zeit bedeutet, sei auch ein Aspekt des Kunstwerks. Ein großes Memento Mori nennt er sein Werk. Das Gegenteil von einem Film, der die Zeit vergessen lässt.

The Clock
Künstler Christian Marclay.© Courtesy White Cube, London | Christian Marclay

Das Paradoxe: Langweilig wird es dennoch nie. Weil sich ein inneres Quiz einstellt, das Fragen zu Film, Schauspielern, Drehorten und anderem stellt. Und weil die Schnitte so genial sind, die den Blicken der Schauspielenden folgen. Aber auch der Sound reißt mit, teils original Soundtrack, teils nachträglich bearbeitet, sodass die Sequenzen auf wundersame Weise ineinander übergehen. Marclay kommt ja auch von der Musik: Klaus Biesenbach erinnert an ein Konzert mit 180 Musizierenden, das er 1993 in Berlin in einem alten Straßenbahndepot aufführte.

The Clock
Langweilig wird es nie.© Courtesy White Cube, London | Christian Marclay

Christian Marclay gewann 2011 den Goldenen Löwen für das beste Kunstwerk in Venedig, im gleichen Jahr wie Christoph Schlingensief posthum für den deutschen Pavillon. Seither tourt er mit „The Clock“ durch die großen Museen der Welt und beantwortet endlich auch in Berlin geduldig die Fragen der Presse. Zum Beispiel, wie schwierig es wohl war, für jede Minute eine Sequenz zu finden: „Zwischen drei und fünf Uhr morgens sei nicht viel los, zum Glück aber gibt es Träume. Um fünf wachen dann alle auf“. Die Sequenzen sind unterschiedlich lang, einige Filme sind mehrfach zu sehen, denn auch in den Filmen geht die Zeit weiter. Gegen Mitternacht wechseln die Clips jede Sekunde. Ein Hinweis auf den sehr musikalischen Rhythmus des Films. Und einen geheimen Star gibt es auch: Big Ben, der immer auftaucht, wenn London Schauplatz ist. 

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Schöneberg. Geöffnet Di.–So., 10–20 Uhr. Bis 25. Januar 2026.