Es ist ein heller Tag Mitte November. Mit 14 Grad fast zu warm für diese Jahreszeit. Wir treffen uns auf der Sonnenallee, am ehemaligen Grenzübergang. Hier gehört die Straße noch zum Ortsteil Baumschulenweg, Neukölln ist noch ein gutes Stück weit weg. Auf einer Stele ist zu lesen, dass die „Grenzübergangsstelle Sonnenallee, die sich von der Bezirksgrenze Neukölln/Treptow in östlicher Richtung fast bis zum Heidekampweg erstreckte“, in den Jahren der Teilung verglichen mit anderen Übergangsstellen nur wenig Aufsehen erregte.

Donnerstag

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Sophie Kirchner, Jahrgang 1984, aufgewachsen in Baumschulenweg, hat diesen Grenzübergang allerdings ganz anders in Erinnerung. Sie war fünf, als die Mutter mit ihr und ihrer drei Jahre älteren Schwester einige Tage nach der Maueröffnung genau hier die ersten Schritte in den Westen wagte. „Die Leute haben gefeiert, meine Mutter hat fremde Menschen umarmt und war ganz außer sich vor Freude“, sagt sie. Ihr dagegen war die Euphorie der Erwachsenen nicht geheuer: „Ich hatte vor allem Angst, meine Mutter in dem Gewimmel zu verlieren.“

Spaziergang mit Sophie Kirchner
Morgenpost-Autorin Regina Köhler und Sophie Kirchner beim Spaziergang.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Das ist 36 Jahre her, der Ort für Sophie Kirchner bis heute etwas Besonderes. Sie hat ihn auch deshalb als Treffpunkt für unseren Spaziergang vorgeschlagen, weil das Thema Maueröffnung viel mit dem zu tun hat, was ihre Arbeit als Fotografin bestimmt. Viele ihrer Projekte beschäftigen sich mit den Folgen der Wiedervereinigung, wobei ihr Fokus auf Ostdeutschland liegt, auf den Menschen, die dort leben. „Deren Geschichten werden noch immer vor allem aus westdeutscher Perspektive erzählt“, sagt sie, „nicht zuletzt deshalb, weil viele der großen Medienhäuser im Westen ansässig sind und in den Redaktionen überwiegend Journalistinnen westdeutscher Biografie die Themen setzen.“ Deren Erzählweise sei nicht grundsätzlich negativ, aber anders als die von Ostdeutschen. „Weil sie keine Erinnerungen an diese Zeit haben.“

Zur Person

Aufgewachsen in Ost-Berlin, bewarb sich Sophie Kirchner nach dem Abitur 2005 an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Als prägend für sie und ihre Arbeit nennt sie Professor Vincent Kohlbecher. 2012 absolvierte sie ihr Diplom im Bereich Fotografie.

Einen Teil ihres Studiums absolvierte sie an der Partnerhochschule in den USA. Sie war für ein Semester am Maryland Institute College of Art in Baltimore. Um Zugang zu ihrer Arbeit zu bekommen, herauszufinden, wie sie arbeiten will, ging Kirchner nach dem Studium zunächst für zwei Jahre nach Kanada.

Seit Ende 2015 ist sie wieder in Berlin. Um sich als Frau in dem noch immer deutlich von Männern dominierten Sektor Fotografie zu behaupten, gründet sie gemeinsam mit anderen Kolleginnen ein Netzwerk. Die darin organisierten Fotografinnen unterstützen sich gegenseitig. Neben ihren freien Projekten fotografiert Sophie Kirchner für Medien wie Die Zeit, die FAZ, den Spiegel, die TAZ und auch in der freien Wirtschaft.

Vom ehemaligen Grenzübergang laufen wir nun in Richtung Britzer Verbindungskanal. Von dort aus will Kirchner eine Runde durch Baumschulenweg gehen. Hier ist sie groß geworden, hier lebt sie inzwischen wieder. „Wenn ich davon erzähle, merke ich oft, dass viele Leute gar nicht wissen, wo das ist“, sagt sie. Das müsse sich ändern. Der Kiez habe schließlich einiges zu bieten, viel Grün zum Beispiel. Und bis in die Mitte Berlins sei es auch nicht weit. Den Weg am Kanal entlang geht Sophie Kirchner oft. „Es ist schön ruhig hier, ideal zum Abschalten“, sagt sie. Auf einem Abschnitt des Weges stehen sogar noch ein paar alte Bogenlampen, Lichttrassenmaste hießen die im DDR-Jargon. Sie waren Teil der Grenzanlage.

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In ihrer Familie seien in ihrer Kindheit und Jugend nicht viele Geschichten über die DDR erzählt worden, sagt Kirchner. Sie selbst habe ja nur die ersten fünf Lebensjahre noch in diesem Land verbracht und könne sich deshalb vor allem an Dinge erinnern, für die sich kleine Kinder eben interessieren – wie Spielzeug, Kinderbücher oder Geschirr, aber auch Gerüche wie der von Kohlebriketts. Ihre DDR-Herkunft habe sie dennoch sehr geprägt.

Später, da war sie längst Fotografin, hat sie dann beschlossen, sich die Geschichten über das untergegangene Land von woanders herzuholen. „Träume aus Papier“ hieß ihr erstes freies Projekt. „Ich habe Annoncen geschaltet und die Leute aufgefordert, mir zu zeigen, was sie sich von den 100 Westmark gekauft haben, die es nach der Wende für jeden DDR-Bürger gab.“ Das Interesse sei riesig gewesen. Viele Menschen wollten ihre Geschichte erzählen, selbst dann, wenn sie die Gegenstände gar nicht mehr besaßen, aber eben noch die Erinnerung daran. „Da war mir klar, es braucht ein Gefäß für diese Geschichten. Auch deshalb ist der Blick auf Ostdeutschland mein Thema geworden.“

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Wir haben den Weg am Kanal verlassen und laufen jetzt die Radenzer Straße entlang, vorbei an der Sonnenblumen-Grundschule. Sophie Kirchner hat sie nach dem Mauerfall besucht. Zeichnen war ihr Lieblingsfach und die Pflege der Hasen, die zur Schule gehörten. Von der Schule ist es nicht weit bis zum Familienzentrum Rumba, das sich an der Baumschulenstraße, gegenüber der imposanten Kirche zum Vaterhaus befindet. „Jugendclubs wie die Rumba oder der damalige Jugendclub auf der Insel der Jugend waren für uns wichtige Anlaufstellen. Sie waren Orte der Begegnung, des Austauschs und boten uns Räume zur Entfaltung“, sagt Kirchner.

Nach dem Mauerfall, sagt sie, hätten sich die Menschen in Ostdeutschland in einer Umbruchszeit befunden, einer Wechselzeit zwischen zwei Systemen. „Unsere Eltern hatten verständlicherweise damit zu tun, sich in den neuen Umständen zurechtzufinden. Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf uns Kinder. Auf alle Familien im Osten. Es war nicht nur ein Umbruch, für die allermeisten war es ein kompletter Bruch.“ Jetzt, nach der Pandemie, sei die Situation ganz ähnlich. Daher sei es besonders wichtig, solche Orte wie die Rumba zu erhalten. „Es macht mich traurig zu sehen, dass viele Jugendclubs jetzt so sehr ums Überleben kämpfen, unter anderem Rumba.“

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Wir gehen weiter Richtung S-Bahnhof. An der Ecke Kiefholzstraße setzen wir uns ins Café Blüte. Dort reden wir darüber, weshalb die Ostdeutschen mit ihren Befindlichkeiten und Geschichten gerade ein großes Thema sind, wenn es darum geht, deutsche Gegenwart zu beschreiben. Über den Osten werde tatsächlich gerade viel geredet und geschrieben, sagt Sophie Kirchner. Hinfahren aber würden nur wenige. Dabei sei es so wichtig, genau hinzuschauen und mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. So wie das beispielsweise Simon Strauß für das Feuilleton der FAZ gemacht habe, mit dem sie als Fotografin im vergangenen Jahr monatelang immer wieder in der uckermärkischen Kleinstadt Prenzlau unterwegs gewesen ist. „Wir haben mit dem Bürgermeister gesprochen, mit Vertretern von AfD und Linken, mit der Pfarrerin. Wir haben die Bundeswehrkaserne besucht und auch die Polizei. Auf diese Weise sind im Kleinen alle großen Themen verhandelt worden, die im Hinblick auf die Landtagswahlen im Osten die Republik bewegt haben.“

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Es gebe vor allem unter den Älteren eine gewisse Grundenttäuschung bezüglich des Einigungsprozesses, sagt Kirchner. Viele fühlten sich nicht wahrgenommen, nicht einbezogen. „Auf der anderen Seite werden sich Ostdeutsche meiner Generation wie auch jüngere ihrer Herkunft mehr und mehr bewusst. Das sind so Identitätsfragen, denen wir uns zuwenden: Woher komme ich, wie haben meine Eltern gelebt?“ Viele würden auf diese Weise ein neues Selbstbewusstsein entwickeln.

Auch mit ihrem jüngsten Projekt, das in der Gemeinschaftsausstellung „Ostblicke“ im Museum in der Kulturbrauerei zu sehen ist, blickt Sophie Kirchner wieder nach Ostdeutschland. „Bleiben“ heißt die Serie, in der sie seit 2011 ostdeutsche Männer in den ostdeutschen Bundesländern porträtiert. Ihre eindrücklichen Fotos werden in der Ausstellung durch Zitate ergänzt, die aus Gesprächen stammen, die sie mit ihren Protagonisten geführt hat: Warum sind sie geblieben, was bedeutet ihnen die Heimat? Auch über politische Einstellungen wird gesprochen, über gesellschaftliches Engagement in Vereinen und Subkulturen.

Ostblicke
Ein Bild von Sophie Kirchner: Malte schwimmt nach der Arbeit im Hafenbecken von Sassnitz, Rügen, 2022.© . | SOPHIE KIRCHNER

Statt die ostdeutschen Männer als Verlierer darzustellen, die es nicht geschafft haben, wegzugehen – so wie es in der Vergangenheit oft getan worden ist – zeigt Sophie Kirchner junge Männer, die geblieben sind, weil sie etwas bewirken wollen. So wie Florian, 32, Fischer auf Rügen, der den Betrieb seiner Eltern weiterführen will oder Phillip, 25, aus Zwickau, der sich an kulturellen Projekten beteiligt. Andere bleiben, weil sie verwurzelt sind und viele Freunde haben wie Maximilian, 27, aus Zwickau. Kirchners Arbeit wird zusammen mit Arbeiten des Zeitzer Fotografen Philipp Baumgarten gezeigt und ist noch bis zum 12. April 2026 zu sehen.

Durch die Arbeit an ihren Projekten sei ihr klar geworden, dass „das, was wir jetzt haben, mit früher zu tun hat, damit, wie die Wende gelaufen ist“, sagt Sophie Kirchner. Das ostdeutsche Thema sei noch immer emotional sehr aufgeladen, nicht nur für sie selbst. „Gleichzeitig ist es auch ein großer Schatz, der geborgen werden muss, das spüre ich, dazu will ich beitragen.“ Mit ihren Arbeiten will sie den Menschen, von denen sie erzählt, eine Plattform geben. „Ich will ihnen zeigen, dass ich sie sehe, dass ich sehe, was sie Tolles machen. Das möchte ich hinaustragen in die Welt und so eine weitere Facette zum Bild über den Osten hinzufügen.“ Das Thema sei zudem eng mit ihrer Biografie verwoben. „Auch deshalb mache ich das.“

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Schließlich sei sie Porträt- und Dokumentarfotografin, sagt Kirchner. „Ich liebe es, im Moment zu sein. Das Abbilden von Realität, von etwas, das gerade geschieht, fasziniert mich. Außerdem bin ich gern mit Menschen im Gespräch, neugierig auf ihre Geschichten.“ Besonders spannend sei es, wenn sie bei ihrer Arbeit in Bereiche käme, für die es zwar Bilder, aber noch keine Worte gibt.

Inzwischen ist es draußen dunkel geworden. Sophie Kirchner erzählt noch, dass sie im Dezember plant, nach Zeitz in Sachsen-Anhalt zu fahren. Dort will sie unter anderem ihren Kollegen Philipp Baumgarten für ihr Projekt „Bleiben“ fotografieren. „Philipp ist nämlich auch zurückgekehrt in seine Heimat“, sagt sie. Und Sachsen-Anhalt fehle ihr noch in ihrer Serie als ostdeutsches Bundesland. Ein neues Projekt habe sie auch schon im Kopf. Darüber könnten wir beim nächsten Mal reden.