Aufschlussreiche Wortwahl: An diesem Abend im Konzerthaus fielen kein einziges Mal die Begriffe modern, progressiv oder avantgardistisch! Denn Christian Jost, der im Konzerthaus die Reihe „2 x Hören“ kuratiert, hat schon in seiner Studienzeit die Definitionsmacht der Ideologen über das zeitgenössische Musikschaffen in Frage gestellt. Er ist heute, neben Manfred Trojahn, der wichtigste deutsche Komponist, gewann mit seinen Opern und Orchesterwerken der E-Musik ein neues Publikum, wobei für E gelegentlich auch Entzücken und Ergötzen stehen kann.

Donnerstag
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Das im Werner-Otto-Saal präsentierte Klarinettentrio von Paul Schoenfield (1947-2024) besitzt diese Qualitäten zuhauf. Es ist kein Papiertiger, sondern ein reißendes Raubtier – das die Zuhörer von ihren Stühlen reißt, ihnen für Augenblicke die Sinne raubt. Das soll zeitgenössische Musik sein? Aber ja doch, das vor allem. Der Prozentsatz publikumsfeindlicher Elaborate, die unter den Direktiven der Kritischen Theorie verfasst werden, ist nämlich schon seit Jahrzehnten stark im Sinken begriffen.
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Paul Schoenfields Werke sind ein wirkungsvolles Antidot gegen Adorno & Co. Er war ebenfalls Jude, sah aber das Heil nicht in der Traditionsüberwindung, sondern in der Klezmermusik, die er wieder und wieder beschwor. Ein Antidot ist ein Gegenmittel zu toxischen Stoffen, das unter Umständen selbst zur Droge werden kann. Und genau so verlief die Karriere seines Trios für Klarinette, Violine und Klavier. Es entstand 1990, im Jahr seiner Übersiedlung von den USA nach Israel, und wurde seitdem häufig aufgeführt. Pablo Barragán, Noa Wildschut und Amadeus Wiesensee haben es auch schon ein Weilchen im Repertoire, spielten es allein bei einer Tournee durch Irland acht Mal.
Der Moderator resümierte ein unterhaltsames Chaos
Die Drei sind sozusagen Marktführer in Sachen Schoenfield, was ihr verblüffendes Zusammenspiel erneut bewies. Verblüffend, weil man eigentlich dieses Stück überhaupt nicht spielen kann, schon gar nicht zusammen: Es wird geradezu zerfetzt von unglaublichen solistischen Darbietungen, zwingt die Ausübenden zur totalen Konzentration auf ihren Part, der an Virtuosität seinesgleichen sucht – und muss doch zu einem gemeinsamen Ergebnis führen. Barragén, der Klarinettist, hat dieses Werk für sich und andere entdeckt; Wildschut, die Geigerin, stellte es unter das Motto Balagan, womit eine abgedrehte Party gemeint ist, ein wildes Durcheinander; Wiesensee hob hervor, dass er hier alle 88 Tasten bedienen müsse, und das jeweils mehrmals. Man dürfe sich bloß nicht von den enormen Schwierigkeiten hypnotisieren lassen wie „ein Reh im Scheinwerferlicht“, es gelte, unbeschwert aufzuspielen.
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Also kämpfte sich das Trio lustvoll durch die vier sehr unterschiedlichen Sätze: Freylakh (Frohsinn), Marsch, Niggun (wortloser Gesang) und Kosatzker. Christian Jost, der sich charmant und souverän mit den Solisten die rhetorischen Bälle nur so zuwarf, resümierte das Ganze als unterhaltsames Chaos. Gemeinsam entwickelten sie kuriose Assoziationen, die in einer ausufernden Hochzeitsfeier gipfelten, wo die letzten Gäste partout nicht gehen wollen und der Pianist längst unter dem Flügel liegt. Alle große Musik ist bildhaft, aseptisches Abrakadabra etwas für Nichtskönner. Wir bekamen die Erkenntnis auch an diesem Abend bestätigt. Und das gleich 2 x.






