In fast jeder deutschen Stadt findet man auch heute noch mindestens eine Apotheke, die nach dem Einhorn benannt ist. Dem Horn des rätselhaften Wesens sprach man lange Zeit heilende Kräfte zu. Bis man um 1600 feststellte, dass die Wundermedizin gar nicht dem Einhorn, sondern dem langen Stoßzahn eines Wales, dem Narwal, zu verdanken war. Die Faszination für das Einhorn blieb gleichwohl ungebrochen.

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Niemand hat es je gesehen, gleichwohl ist das Tier omnipräsent, in der Popkultur, der Werbung, auf Schulranzen, in Kinderzimmern. Wie sehr das Fabelwesen die Fantasie anregt, zeigt sich seit Jahrhunderten in vielen Kulturen, in der christlichen wie der außereuropäischen Kunst, in Naturwissenschaft und Medizin. In einem Überblick, der gut 4000 Jahre umfasst, von der Antike bis zur zeitgenössischen Kunst wird dieses Thema nun erforscht und ausgestellt. „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ im Potsdamer Museum Barberini dürfte ein Publikumsrenner werden.

Das Einhorn in der Kunst
Ein Besucher vor dem Bild „Jungfrau mit Einhorn“ von Dario di Giovanni (um 1467/68).© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Wie schafft man eine Ausstellung über ein Wesen, das es gar nicht gibt? Nun, indem man rund 150 Werke, darunter Arbeiten von Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien, Arnold Böcklin, René Magritte und Rebecca Horn aus bedeutenden Museen wie dem Louvre, den Uffizien, dem Prado oder dem New Yorker Metropolitan, aber auch aus kleinen, fast unbeachteten Sammlungen nach Potsdam holt. Neben Gemälden und Grafiken auch Skulpturen, Manuskripte, großflächige Tapisserien, Kunsthandwerk, sakrale Gegenstände und Videoarbeiten. Was der Chefkurator Michael Philipp nach sechsjähriger Recherche, Forschung, Konzeption und Verhandlungen mit rund 80 leihgebenden Institutionen präsentieren kann, ist sensationell.

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Kraftvoll, martialisch begrüßt uns das Einhorn am Eingang des ersten von neun Themensälen. Auf dem Ölgemälde von Maerten de Vos von 1572 erinnern die Füße an die eines Elefanten, eigentlich ein Lieblingsgegner des Fabeltieres, gegen den er in einer anderen Abbildung, einer persischen Fliese, kämpft. Das Einhorn steht für Wildheit und Unbezähmbarkeit, für Reinheit und Keuschheit, für Natürlichkeit und Zuneigung. Ihren Ursprung hat die Legende in Indien. Von dort aus verbreitete sie sich nach China, über Persien und Ägypten schließlich nach Europa. Hier war man im Mittelalter fest von der Existenz dieses Tieres überzeugt. Immerhin wird es achtmal in der Bibel erwähnt. Auf einem großformatigen Gemälde von Hans Baldung Grien von 1533 erscheint es gemeinsam mit allen anderen Geschöpfen im Paradies, auf anderen Bildern geht es vor der Sintflut an Bord der Arche Noah.

Das Einhorn in der Kunst
Gezeigt werden rund 150 Werke. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Aus dem Musée de Cluny in Paris, Partner des Barberini, das die Ausstellung später in veränderter Form zeigen wird, stammt das im Mittelalter berühmte große Horn aus St. Denis, das von vielen Pilgern aufgesucht wurde. In der christlichen Bildwelt stand das Einhorn für Christus, wurde so zur Allegorie der Menschwerdung Gottes. Das Thema Einhorn und Jungfrau wiederum etablierte sich auch außerhalb des kirchlichen Bereichs.

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In die Erforschung mythischer Motive in der Kunst taucht man unter verschiedenen Gesichtspunkten ein. Wortwörtlich ein Glanzpunkt ist die nachgebaute kleine Wunderkammer, voller Pokale, Tafelaufsätze oder Trinkspiele. Aus der Malerei verschwand das Einhorn um 1600, Ende des 19. Jahrhundert wandten sich Künstler dem Fabeltier erneut zu. Einer der ersten Maler war Arnold Böcklin mit „Das Schweigen des Waldes“ 1885, das sich heute im Museum Posen befindet. Es gehört zu den vielen Ausstellungsstücken, die normalerweise nie auf Reisen gehen.

Einhorn
René Magritte: Der Meteor, 1964.© © VG Bild-Kunst, Bonn 2025 | Privatsammlung

Dass dieses Thema in dieser Tiefe und Breite erstmals überhaupt in einem Museum aufgegriffen wird, mit Forschungsergebnissen, die auch ein schwergewichtiger Katalog (Prestel Verlag) festhält, öffnete dem Kurator viele Türen. So hat das Staatliche Museum Schwerin das erwähnte „Einhorn“ von de Vos nach Potsdam gegeben, obwohl es kommende Woche nach langjähriger Renovierung endlich wieder eröffnet. Ohne sein Glanzstück.

Museum Barberini Potsdam, 25. Okt. – 1. Feb., Mi.–Mo., 10–19 Uhr. Informationen: museum-barberini.de