Kaum einer könnte unverdächtiger wirken als der von Josh O’Connor, (dem Prince Charles aus der Netflix-Serie „The Queen“) verkörperte Familienvater, der in den ersten Szenen dieses Films mit seiner Familie durch das lokale Kunstmuseum einer Kleinstadt in Massachusetts schlendert. Ehefrau Terri (Alana Haim) scheint ermüdet und leicht genervt.

WIe immer kehrt Kelly Reichardt einen Genre-Film von außen nach innen

Die beiden Söhne sind entweder gar nicht oder zu sehr an der Umgebung interessiert. Einzig er, den man bei seinen Initialen JB ruft, verweilt vor den Bildern mit einer Intensität, die auf Kennerschaft schließen lässt. Wäre da nicht der pulsierende Soundtrack (Musik: Rob Mazurek), käme man nie auf die Idee, dass sich dieser Film bald in ein Heistmovie verwandelt, eine Erzählung über Planung, Durchführung und die komplexen Folgen eines Kunstdiebstahls.

Aber natürlich ist von einer Regisseurin wie Kelly Reichardt nicht wirklich ein Genre-Film zu erwarten. Die US-Amerikanerin, die 2019 mit ihrem Anti-Western „First Cow“ im Wettbewerb der Berlinale war, macht seit 30 Jahren Independent-Kino. Wo sie etablierte Genres aufgreift, wie etwa in „Meek’s Cutoff“, in dem Michelle Williams als Siedlerpionierin auf dem Weg nach Westen war, wendet sie diese gleichsam von außen nach innen. Mit minimalistischer Erzählweise, genauer Beobachtung und einem feinen Gespür für Landschaft und Stimmung gelingen ihr so eindringliche Porträts des amerikanischen Lebens.

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„The Mastermind“ spielt zu Beginn der 1970er-Jahre. Nixon ist Präsident, der Vietnamkrieg aktuell und der Protest dagegen ebenso. Die klassische Rollenverteilung wird vielerorts in Frage gestellt. Das Familienleben von JB und Terri scheint von alldem zunächst wenig berührt. Wo man bei Terri eine nagende Unzufriedenheit mit dem Eingezwängtsein in der Tradition ausmachen kann, wirkt JB willentlich arrogant gegenüber den Verhältnissen um ihn herum. Bemerkbar macht sich das unter anderem darin, mit welcher Fahrlässigkeit er seinen Kunstraub plant, ganz so, als halte er sich als weißer Mann der Mittelschicht für unverwundbar.

Der Film geht mehr unter die Haut, als man anfangs denkt

Das Setting in der Epoche vor Internet und Smartphone macht die Dinge einfacher. Sowohl für den Dieb, der mehr oder weniger mit den Bildern unterm Arm aus dem nur von gebrechlichen Pensionären bewachten Museum läuft, als auch für die Regisseurin, die den Überfall in ein komödiantisches Kleinod verwandelt. Zahlreiche zeitspezifische Details, wie der riesige Wendekreis, den die breiten Autos benötigten, lassen dabei die Zeit und ihren Ort auf fast haptische Weise lebendig werden.

Verläuft der Raubüberfall schon chaotisch, stellt sich die Phase danach als zwar langsames, aber doch unausweichliches Abschlittern ins Scheitern heraus. JBs Hochmut kommt fast schon zu Fall, als er die geklauten Bilder in einer Scheune verstecken will und es logistisch kaum hinbekommt, die großformatigen Bilder per Leiter auf den Heuboden zu befördern. Seine Versuche, Käufer zu finden, verlaufen genauso amateurhaft wie schließlich die Flucht, die er überhastet antritt und die ihn zunächst zu alten Freunden führt, die nur noch wenig von ihm wissen wollen.

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Mastermind
JB mit seinen Mitganoven, die sich als recht chaotisch und nicht sehr zuverlässig erweisen. © Mubi | Mubi

JB ist dabei eine relativ neue Figur in Kelly Reichardts Werk: ein Held, mit dem man immer weniger sympathisiert, je länger man ihm zuschaut. Josh O’Connor verleiht ihm eine Undurchsichtigkeit, hinter der man zunächst noch einen hellen Geist und einen Hang der Rebellion vermutet. Aber dann sind da die Telefongespräche mit seiner Mutter (Hope Davis), aus denen deutlich wird, dass JB bislang wenig zustande gebracht hat, dafür aber gern andere verantwortlich macht. Und auch die Skrupellosigkeit, mit der er die kleinen Söhne zu seinen kriminellen Machenschaften mitnimmt, ohne echte Sorge für sie zu tragen, lässt das Herz für diesen jungen Vater nicht gerade höher schlagen.

Zuerst hielt man ihn wegen seines Ungeschicks noch für einen liebenswerten Tollpatsch, dann stellt sich zunehmend heraus, dass man es vielleicht mit einem gefährlichen Soziopathen zu tun hat. So ganz ungetrübt ist die Freude über seine Demontage am Ende nicht, dafür geht er einem doch zu nahe, wie überhaupt der ganze Film mehr unter die Haut geht als zunächst gedacht.

Drama, USA 2025, 110 min., von Kelly Reichardt, mit Josh O’Connor, Alana Haim