Max Giesinger wurde 2011 durch seine Teilnahme bei „The Voice of Germany“ bekannt, 2016 gelang ihm mit dem Hit „80 Millionen“ der Durchbruch. Seither zählt er zu den erfolgreichsten deutschen Popmusikern. Nun meldet sich der 36-Jährige mit seinem neuen Album „Glück auf den Straßen“ zurück – und spricht im Interview über Freiheit beim Songschreiben, seine wechselhafte Beziehung zu Berlin und darüber, warum ihn kleine Momente mehr bewegen als große Gesten.
Berliner Morgenpost: Max, du hast gerade ein neues Album veröffentlicht. Welcher Song bedeutet dir persönlich am meisten?
Max Giesinger: „Wimpernschlag“ ist für mich der stärkste Song. Da verzahnen sich Text, Melodie und Produktion in einer schieren Perfektion. Das habe ich nur ein paar Mal erlebt, dass ich einen Song fertiggestellt habe und dachte: „Da ist alles wirklich genau da, wo es hingehört. Da ist keine Textzeile, wo man vielleicht nochmal was anderes hätte finden können.“ Im Songwriting war ich aber auch komplett im Hier und Jetzt. Ich habe all den Kram losgelassen, der mich sonst irgendwie stresst. Da gibt es einzelne Zeilen, die mich einfach sehr berühren: „Und die Häuser werden lila. Und du drehst dich zu mir rüber.“ Und ich finde, in diesem kleinen Moment steckt so viel Leben drin.
Warst du beim Schreiben in einer ähnlich sorglosen Stimmung, wie sie im Song beschrieben wird?
Schon. Wir waren damals in so einem mega Flow. Wir haben versucht, wieder so eine Hymne zu schreiben – wie früher – und haben dann aber gemerkt, dass wir uns irgendwie wiederholen. Und das Schöne war: Wir haben nicht mehr darüber nachgedacht, wie etwas fürs Radio klingen sollte. Ich habe mich freigeschwommen von Erwartungen und einfach das gemacht, was sich für mich gut anfühlte. Am Ende sind die Songs auch so im Radio gelandet – aber die Haltung dahinter war eine andere.
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Du bist bekannt für Hits wie 80 Millionen. Stimmt es, dass dieser Song in Berlin entstanden ist?
Ja, keine 100 Meter vom Senefelderplatz, in einem Studio-Komplex. Es war der 31.08.2015, der letzte Tag einer langen Songwriting-Phase – ich hatte bestimmt schon 45 Songs geschrieben – und ich hatte eigentlich keine Lust mehr. Aber der „Hit“ fehlte noch. Und plötzlich war 80 Millionen da. Ich war am Anfang gar nicht überzeugt, fand ihn fast zu poppig. Aber am nächsten Morgen rief mein Manager an: „Max, wir haben ihn – den Türöffner .“ Ab da nahm alles Fahrt auf.
Dein neues Album klingt deutlich organischer, fast wie ein Roadtrip. Warum dieser Schritt?
Ich wollte zurück zu etwas Handgemachtem, weniger glatt. Alles schön organisch, Akustik-Gitarren, Mundharmonika, Fleedwood Mac Vibes. Für mich war klar: Es muss freier werden, auch als Gegenentwurf zu all den Formeln, die man heute oft in Songs hört. Ich wollte ein Album machen, das nicht nach Algorithmen klingt, sondern nach echtem Leben.
Wie erlebst du den Druck, immer wieder Singles liefern zu müssen, die auch auf Social Media funktionieren?
Es ist anstrengender geworden. Früher hat man Songs rausgebracht, heute hängt gefühlt 70 Prozent an TikTok und Instagram. Das macht den Prozess komplexer, aber ich lasse mich davon nicht bestimmen. Mir war wichtig: Dieses Album soll genau das widerspiegeln, was mich gerade glücklich macht – nicht, was ein Algorithmus verlangt.
Viele deiner Songs handeln von Beziehungen, Loslassen und Neuanfängen. Sind die Texte autobiografisch?
So nah wie möglich. Ich schreibe über das, was ich wirklich erlebt habe. Wenn ich Songs dann performe, kann es passieren, dass ich beim Singen selbst Gänsehaut bekomme, weil ich sofort wieder in diesem Moment bin – verliebt, verletzt, was auch immer. Das ist das Schönste an Musik: wenn man sich selbst emotional zurückkatapultieren kann.
Du hast auch eine besondere Geschichte mit Berlin. Was bedeutet die Stadt dir heute?
Ich habe hier schon mal vier Monate gewohnt – ausgerechnet in einem der härtesten Winter. Minus zwölf Grad, Ostkreuz, niemand kannte mich, keiner interessierte sich für meine Musik. Ich kam vom Dorf, wo jeder jeden grüßt, und hier war plötzlich Anonymität. Am Anfang hat mich die Stadt nicht umarmt, ganz im Gegenteil. Ich war erstmal berlin-geschädigt, aber mit der Zeit habe ich über Freunde und Konzerte die Liebe zu Berlin wiederentdeckt. Heute freue ich mich, immer wieder hier zu sein. Berlin ist eine Wahnsinns-Stadt – man kann dort aber auch verloren gehen, wenn man nicht aufpasst.
In einem Song singst du, dass du manchmal lebst, „als ob das Leben für immer wäre“. Siehst du das als Stärke oder Schwäche?
Naja, wenn man so lebt, schiebt man vieles auf – Reisen, Träume, Dinge, die man wirklich machen möchte. Aber irgendwann ist man 70 und merkt, dass man manches nicht getan hat. Deshalb versuche ich inzwischen, bewusster zu handeln. Mit meiner Musik habe ich schon mit Ende 20 alles erreicht, was ich irgendwie wollte. Ich glaube, ich werde also mit 80 nicht zurückblicken und denken: „Zum Glück habe ich meine Dreißiger komplett im Tourbus verbracht.“ Sondern eher: „Geil, dass ich mir die Urlaube gegönnt habe. Dass ich in Kolumbien war, in Neuseeland mit dem Camper.“ Am Ende geht‘s doch um eine gesunde Balance aus beiden Welten.
Das neue Album Glück auf den Straßen erschien am 26. September.



