„Maßnahmen des totalen Kriegseinsatzes stellen auch die Rechtspflege vor gewaltige neue Kriegsaufgaben“, hieß es 1944 im „Richterbrief“, einem Publikationsorgan des Reichsjustizministeriums. Darum, was wir heute unter Recht und Rechtspflege verstehen, ging es unter den Nationalsozialisten schon lange nicht mehr. Vielmehr um die Instrumentalisierung im Interesse von Partei und Staat. Als Sinnbild des NS-Justizterrors gilt der „Volksgerichtshof“, 1934 ins Leben gerufen. Allen voran die bellende Stimme von Roland Freisler, dem Präsidenten des Gerichts, in den Verhandlungen verbindet man heute mit der menschenverachtenden Willkür „im Namen des deutschen Volkes“.
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Weniger wahrgenommen wurde bislang, dass dieses Gericht ab 1936 ein militärisches Pendant hatte. Das Reichskriegsgericht war nicht nur für Strafverfahren gegen Angehörige der Wehrmacht zuständig. Während des Zweiten Weltkrieges verhandelt dieser oberste Gerichtshof der Wehrmacht in Arbeitsteilung mit dem „Volksgerichtshof“ gegen mehrere tausend Mitglieder von Widerstandsgruppen in den nach 1939 besetzten Ländern Europas. Mehr als 120 Juristen und etwa 40 Offiziere wurden somit ein wesentliches Instrument zur Durchsetzung der Besatzungs- und Repressionspolitik.
Seit 2019 erarbeitete die Gedenkstätte Roter Ochse in Halle (Saale) mit Kooperationspartnern im In- und Ausland eine Wanderausstellung. Sie macht nun erstmals Station in Berlin und ist in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand eine sehenswerte Ergänzung zur ständigen Ausstellung am historischen Ort des Bendler-Blocks. Fotos, Dokumente und Medienstationen, Videos mit Zeitzeugen und Angehörigen verdeutlichen Entwicklung, Bedeutung und Auswirkungen des Kriegsgerichts. Großen Wert legt die von Lars Skowronski kuratierte Schau auf Personen, die dieses Unrechtssystem am Laufen hielten. Und besonders auf Lebenswege jener Menschen, die unter dem Kriegsgericht zu leiden hatten.
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Eine eigene Gerichtsbarkeit für Militärangehörige hatte es bereits im Kaiserreich gegeben, sie war in der Weimarer Republik abgeschafft worden, wurde aber von Nationalsozialisten sofort wieder eingeführt. Am 1. Oktober 1936 wurde das Reichskriegsgericht einberufen, es tagte bis 1943 im heute noch existierenden Gebäude an der Witzlebenstraße in Charlottenburg, ab 1943 auch im sächsischen Torgau und anderen Städten in Deutschland und Europa. 1300 Todesurteile gehören zur Bilanz des Gerichts. Der erste Verurteilte, Ernst Oppitz wurde am 31. Juli 1937 in Berlin-Plötzensee hingerichtet, die Ausstellung zeigt den Wehrpass, in den die Exekution eingetragen wurde, auch einen Brief an die Witwe mit einem Medaillon ihres Mannes.
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Zuchthaus, Strafbataillone, Konzentrationslager, das alles gehörte zu diesem Repressionssystem. Es galt Generälen wie einfachen Soldaten und Zivilisten, Männern und Frauen in Deutschland wie in Europa bis ins besetzte Tunesien. Es verfolgte Menschen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen gegen die Tyrannei gestellt hatte, wegen „Wehrkraftzersetzung“, Kriegsdienstverweigerung oder Widerstand wie die heute bekannte „Rote Kapelle“. Bislang weniger wahrgenommene Schicksale werden erfahrbar, befasst man sich eingehender mit den Exponaten. Etwa von Maria Pinet, einer Hausfrau aus Lüttich, die als Kurier für den Widerstand gearbeitet hatte. Zehn Stationen umfasste der Haftweg, über Berlin und Torgau bis in die Konzentrationslager Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen, wo die Frau am 7. Mai 1945 kurz nach der Befreiung starb.
Bis 10. Januar, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Stauffenbergstraße 13-14, 10785 Berlin. Mo-Fr, 9-18 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr






