Es ist schon nach halb zehn am Mittwochabend im Berliner Olympiastadion. Bruce Springsteen hat nach zweieinhalb Konzertstunden endlich seine Tweed-Weste ausgezogen, und auf den Videowänden ist gut zu erkennen, wie verschwitzt das Hemd darunter ist.

Donnerstag
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Ein letztes Mal läuft er von der Bühne, geht am Sperrgitter auf Tuchfühlung mit den Fans, es ist nun Zeit für eine Erfrischung. Springsteen greift sich den von einem Zuschauer angebotenen Bierbecher und nimmt einen kräftigen Schluck.
Nach 30 Konzerten: Besucherin bekommt exklusive Umarmung vom Boss
Zuvor hat er während der Show schon eine Mundharmonika verschenkt und einer Zuschauerin eine Treueprämie gewährt: Sie stand in den vorderen Reihen und hatte ein Schild hochgehalten: „30 Shows – Time For A Hug“. Der Frau kann geholfen werden, natürlich bekommt sie die exklusive Umarmung.
Jedziemy 😀🔥🎸🇺🇸
— ʀᴀᴠ & ... ᴇɴᴏᴜɢʜ (@RavAndEnough) June 11, 2025
The Boss in Berlin#BruceSpringsteen pic.twitter.com/w300Galpwi
Bodenständig, nahbar und unfassbar energiegeladen präsentiert sich der Boss bei seinem Berlin-Auftritt vor 75.000 Zuschauern. Springsteen ist im vorigen September 75 geworden, seine Europatour (16 Shows in zehn Städten) ist altersgerecht organisiert, nach jedem Auftritt sind zwei Ruhetage eingeplant.
Drei-Stunden-Show: Singen bis zur totalen Erschöpfung
Doch wenn er dann mit der erweiterten E-Street Band (mit Chorsängerinnen und Bläser-Sektion 17 Leute) auf der Bühne steht, ist Springsteen nicht zu bremsen. Und singt bis zur totalen Erschöpfung.

Wie macht er das bloß, auch den Menschen in den hintersten Reihen des Oberrangs das Gefühl zu geben: Der spielt heute nur für mich? Und das, obwohl sie im weitläufigen Olympiastadion mehr als 100 Meter entfernt sitzen.
Die E-Street Band ist eine große Familie – seit vielen Jahren
Ein Teil des Zaubertricks könnte sein, dass der Kern der E-Street Band auf der Bühne daherkommt wie eine große Familie. Viele Musiker wie Drummer Max Weinberg und Bassist Garry Tallent sind schon seit mehr als 50 Jahren Teil der Bruce-Karawane. Als 2011 der soundprägende Saxophonist Clarence Clemmons starb, engagierte Springsteen dessen Neffen Jake als Ersatz. Viele Refrains singen Springsteen und Gitarrist Little Steven Arm in Arm in ein Mikrofon.
Politischer Prolog – und dazu deutsche Untertitel
Doch bevor es mit der Musik losgeht, gibt es ein Vorwort zur Lage der amerikanischen Nation, aus der Sicht eines beleidigten Patrioten. Nichts davon entspringt spontaner Wut. Es ist vielmehr so gut vorbereitet, dass Springsteens Einlassungen deutsch untertitelt werden.

Das wiederholt sich im Laufe des Abends mehrfach, sogar zu einigen Songtiteln wie „Rainmaker“ gibt es eine Übersetzung. Wenn er sein deutsches Publikum schon missioniert, dann soll‘s bitte auch barrierefrei sein.
Der Scharlatan verspricht den Bauern Regen
Dieser Regenmacher, den verzweifelte Farmer nach einer Dürre zu Hilfe rufen, ist, wie könnte es anders sein, ein dummdreister Scharlatan. Getextet hat Springsteen das Stück während Trumps erster Amtszeit. Um den (O-Ton Springsteen) „unfähigen Präsidenten“ und dessen „Schurkenregierung“ kreisen die Ansprachen des Abends.
Springsteen verwendet fast wortgleich die Formulierungen vom Tourstart in Manchester, mit denen er Donald Trumps Wutlevel und Blutdruck Mitte Mai in bedenkliche Höhen getrieben hatte. Fast schon detailversessen listet der Sänger dessen Verfehlungen auf, die Kumpanei mit Diktatoren, die Schikanen gegen Universitäten und so weiter.
Die Aufzählung mündet immer wieder in den Kehrvers „This is happening now“ (All das passiert gerade jetzt). Nach Barack Obama ist Springsteen womöglich der beste amerikanische Redner zurzeit.
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„The Audacity of Hope“ (Hoffnung wagen) hieß Obamas erstes Buch, und dieser Titel trifft auch Springsteens Amerika-Bild gut. Das Land, über das er schon so lange singt und das er liebt, liege zwar in den Händen eines durchgedrehten Tyrannen, so die Essenz. Aber Menschlichkeit und Empathie würden sich dennoch am Ende durchsetzen.
Springsteen und die E-Street Band haben in Berlin Funken geschlagen
Das hören die Berliner Zuschauer fast so gerne wie Springsteens gesammelte Hits, beginnend mit dem euphoriesatten „Hungry Heart“ und dem todtraurigen „The River“ im regulären Set.
Im Zugabenblock folgen unter anderem die Klopper „Dancing In The Dark“, das von Ronald Reagan und anderen kolossal missverstandene „Born in the USA“ sowie „Born to Run“, der Titelsong des ersten kommerziell erfolgreichen Albums von 1975. Damals schwärmte der Musikjournalist Jon Landau, er habe die „Zukunft des Rock’n‘Roll“ gesehen, und ihr Name sei Bruce Springsteen. Landau wurde danach übrigens sein Manager.

Einige berühmte Springsteen-Verse wie „We gotta get out while we‘re young“ haben Patina angesetzt. Es klingt etwas seltsam, wenn ein grauhaariger Mittsiebziger sie singt. Zeitlos gültig allerdings ist: „You can‘t start a fire without a spark“. Springsteen und die E-Street Band haben am Mittwochabend in Berlin Funken geschlagen. Wieder einmal.
Springsteen covert Bon Dylan - wie schon 1988 in Weißensee
Kurz vor zehn ist Bruce Springsteen dann bei Bob Dylan angekommen. Er covert „Chimes of Freedom“, was er seit auf der „Tunnel of Love“-Tour nicht mehr getan hat. Damals im Summer of 88, am 19. Juli, spielte die E-Street Band auf der Radrennbahn Weißensee, auf der anderen Seite der Mauer.
160.000 Tickets waren verkauft worden, etliche Zehntausend strömten ohne Eintrittskarte auf das Gelände. Es war das größte Einzelkonzert in der Geschichte der DDR.
Auch damals äußerte sich Bruce politisch, allerdings in gebrochenem Deutsch. Den Text las er von einem Zettel ab, den sein Chauffeur Georg Kerwinski für ihn geschrieben hatte. „Es ist schön, in Ostberlin zu sein“, sagte Springsteen. „Ich bin hier nicht für oder gegen irgendeine Regierung. Ich bin gekommen, um Rock’n’Roll zu spielen, für euch Ostberliner - in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden.“
In der Ausstrahlung des Auftritts im DDR-Fernsehen wurde der letzte Halbsatz herausgeschnitten.






