Sascha Rettig
Mascha Schilinski könnte das schaffen, was vor ihr noch keiner deutschen Regisseurin gelungen ist. Ja, mit Volker Schlöndorff und Wim Wenders gibt es überhaupt erst nur zwei Deutsche, die das geschafft haben: auf den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme zu gewinnen. Gegen Ende der 78. Ausgabe zählt ihr Beitrag „Sound of Falling“ im Kritikerspiegel zum breiteren Favoritenfeld. Stilistisch und erzählerisch so eigen wie außergewöhnlich, zeigt er über ein Jahrhundert hinweg das Leben auf einem Hof in der Altmark. Dabei konzentriert er sich auf die Schicksale von jungen Frauen und deren Traumata nach sexuellen Übergriffen.
Kommt Panahi in den illustren Kreis der Cannes-, Venedig- und Berlinale-Gewinner?
Schilinski war dieses Jahr eine von sieben Filmemacherinnen im Wettbewerb – eine gute Quote für das Festival, aber trotzdem noch ein Stück entfernt von einer Beteiligung auf Augenhöhe. Der Palmen-Konkurrenz hat aber dieser weibliche Blick auf Geschichten, Figuren und Körper gut getan. Die Schottin Lynne Ramsey etwa, ebenfalls eine Palmenfavoritin, ließ mit „Die, my Love“ ein Drama voller ungestümer Energie über postnatale Depression aufs Festivalpublikum los – mit Robert Pattinson, vor allem aber Jennifer Lawrence in Höchstform.
Unter den Regisseuren hingegen könnte der Iraner Jafar Panahi mit seinem offen Regime-kritischen „Un simple accident“ in den exklusiven Kreis von Robert Altman und Michelangelo Antonioni vorstoßen, die die Hauptpreise auf den drei großen Festivals in Berlin, Venedig und Cannes gewannen. Ansonsten aber war in den Beiträgen die herausfordernde Gegenwart mit ihren Brandherden, Konflikten und rechtspopulistischen Regierungen meist nur über Umwege Thema. So wie in Sergei Loznitsas Drama „Two Prosecutors“, in dem sich ein Staatsanwalt gegen das totalitäre System Stalins stellt und damit durchaus auch einen Bezug ins Hier und Jetzt findet.
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Vielmehr zeigte sich die Konkurrenz um die Goldene Palme vielseitig. Sie schweifte mal Richtung Historiendrama wie „History of Sound“ mit Paul Mescal und Josh O‘Connor, einer zurückgenommenen, aber ergreifenden Liebesgeschichte zwischen zwei Folkmusikern. Mal eher zum Genrekino wie Kleber Mendonça Filhos „O agente secreto“, einem Thriller zur Zeit der brasilianischen Militärdiktatur in den 1970ern. Immer wieder aber fanden Beiträge zurück zu zwischenmenschlichen Konflikten, vor allem in der Familie. Ein später Höhepunkt war in dieser Hinsicht Joachim Triers fein(-sinnig) inszeniertes und gespieltes Familiendrama „Sentimental Value“ im Schauspiel-Film-Milieu mit Renate Reinsve und Stellan Skarsgård.

Donnerstag
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Der 78. Festivaljahrgang war aber natürlich nicht nur Nabel der Filmkunstwelt, sondern wie immer auch Glamourspektakel. Trotz Nacktkleid-Verbot auf dem roten Teppich gab es an der Azurküste Starauftritte am laufenden Band: von Pedro Pascal über Kristen Stewart und Scarlett Johansson bis zur Tom-Cruise-Übermensch-Show mit „Mission: Impossible“. Der Wettbewerb blieb derweil mit neuen Werken der belgischen Dardenne-Brüder und von Kelly Reichardt auf den allerletzten Metern spannend. Ob die Cannes-erfahrenen Regie-Größen den Wettbewerb noch einmal auf den Kopf stellen und Präsidentin Juliette Binoche und ihre Jury überzeugen konnten? Vielleicht reicht es bei der Abschlussgala heute aber auch aus deutscher Sicht für eine große Überraschung.




