Zwischen handgefertigter Keramik, farbenfrohen Stoffen und dem Duft getrockneter Blätter lässt sich auf der Berlin Design Week eine kleine Weltreise erleben – und sie führt nach Guatemala. Die Delegation des zentralamerikanischen Landes bringt nicht nur eine modulare Pyramide – gestaltet vom Kreativstudio Idonika in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Amarillo Studio – mit in den Charlottenburger Amtsalon (Kantstraße 79). Das Bauwerk passt sich nicht nur dem jeweiligen Ort an, sondern überbringt eine klare Botschaft: Design aus Guatemala ist mehr als Dekoration. Es ist gelebte Kultur, verwurzelt in jahrhundertealten Techniken und offen für neue Perspektiven. Wir haben mit drei Vertretern gesprochen: Bianka Espósito und Anna Evelyn Valdéz vom guatemaltekischen Tourismusinstitut INGUAT sowie Esteban Paredes (Designer und Gründer des Estudio Cálido).

„Wir erzählen unsere Geschichte durch Design“

Wie unterscheidet sich Guatemalas Auftritt in Berlin von vorherigen Stationen wie Mailand oder Madrid?

Anna Evelyn Valdéz: Wir passen unsere Installation immer an den jeweiligen Ort an. Die modulare Pyramide verändert sich, neue Stücke kommen hinzu. Berlin ist die vierte Station nach der Mailänder Design-Woche, dem Design-Fest in Madrid und der Bienal Iberoamericana de Diseño (ebenfalls Madrid). Bei jeder Station lernen wir etwas über die Menschen, das fließt direkt in die Ausstellung ein.

Esteban Paredes: Bei jeder Station ist ein anderer Designer aus unserem Team dabei. Das bringt neue Perspektiven. Hier in Berlin sind einige Werke zum ersten Mal zu sehen. Ich selbst musste eine meiner Lampen reparieren, die beim Transport beschädigt wurde – das gehört dazu.

Bianka Espósito: Jede Station ist einzigartig. Und Berlin ist ein besonderes Bühnenbild für unsere Idee.

Guatemala im Überblick

  • Hauptstadt: Guatemala-Stadt
  • Einwohner: ca. 17 Millionen
  • Amtssprache: Spanisch, 22 indigene Sprachen
  • Wichtigste Wirtschaftszweige: Landwirtschaft, Tourismus, Textilien, Handwerk
  • Sehenswürdigkeiten: Tikal (Maya-Stätte), Antigua Guatemala, Atitlán-See
  • Webseite: visitguatemala.gt

„Design beginnt bei uns mit dem Herzen“

Was bedeutet Gestaltung in Guatemala?

Valdéz: Bei uns beginnt Gestaltung im Herzen – und findet über die Hände ihren Weg ins Objekt. Jede handgefertigte Arbeit erzählt eine Geschichte. Oft die einer ganzen Gemeinschaft.

Paredes: Handwerk ist bei uns tief verwurzelt. Viele beginnen aus Notwendigkeit mit Ton oder Textilien, um Alltagsgegenstände herzustellen. Diese Tradition wird über Generationen weitergegeben. Inzwischen fließt Design ein, aber das Fundament bleibt: kulturelle Identität und Funktion.

Espósito: In meinem Zuhause ist das ganz normal. Die Tasse für den Morgenkaffee, das Tischtuch – für andere ist es Design, für uns ist es Alltag und Wertschätzung unserer Herkunft.

Kleine Führung durch Guatemala in Kunstwerken

Guatemala Berlin Design Week
ESTUDIO FÁBRICA – „Silla Fútbol“: Ein Möbelstück aus einer Matratzenfeder, einem Fußball und Recyclingstoffen – inspiriert von Kindheit, Bewegung und Stadtleben. Die „Silla Fútbol“ kann als Stuhl, Hocker oder Skulptur dienen. Das Studio vereint Urbanität mit traditionellem Handwerk und nachhaltigen Materialien.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
ESTUDIO CÁLIDO – „Fungi Lamps & ‚Somos‘ Standing Lamp“: Diese Leuchtenkollektion vereint Naturmaterialien mit Lichtkunst. Terrakotta und Vulkangestein aus Guatemala erzeugen eine warme Atmosphäre. Die Stücke verweisen auf präkolumbianische Tonarbeiten und zeigen, wie Licht Räume verändert. Estudio Cálido gestaltet Designobjekte mit kulturellem Tiefgang.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
DIEGO OLIVERO STUDIO – „Tela de Barro Cuadrada“: Ein textiler Wandteppich aus Keramikscheiben. Jedes Element wird bei hoher Temperatur gebrannt und mit handgesponnener Wolle aus Guatemala verbunden. Die Arbeit steht für Materialexperimente und die Verbindung von Tradition und Innovation. Diego Olivero setzt sich für nachhaltiges Design und die Zusammenarbeit mit Kunsthandwerkern ein.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
CINCO X CINCO – „Columpio Chair & Pasamanos Lamp“: Die Schaukel als Designidee. Diese Möbelstücke verbinden traditionelle Materialien mit modernem Industriedesign. Die Lampe erinnert an ein Kinderspiel, die Stuhlform an Guatemalas typische Holzschaukeln. Handgewebte Baumwolle und Ton treffen auf klare Linien. Das Kollektiv arbeitet mit lokalen Handwerkern und interpretiert Kindheit neu.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
ITZA WOOD – „Templo Collection“: Aus nachhaltig geerntetem Holz der Maya-Biosphäre gefertigt, sind diese Schneidebretter mehr als Küchenobjekte. Sie sind ein Statement für Gemeinschaft, Natur und spirituelle Tischkultur. Jedes Stück ist handgeschnitzt und trägt die Energie des Regenwaldes in sich.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
RÖJ – „Juega Collection“: Spielerisch und funktional. Diese Kollektion greift auf traditionelle Spielelemente zurück und formt daraus Designobjekte. Aus Ton und Holz entstehen Stücke mit Erinnerungswert. Röj arbeitet mit indigenen Handwerkern und fördert kulturellen Austausch durch Gestaltung.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
NEBULA HANDMADE – „Beaded Bags“: Perle für Perle entstehen diese Taschen in reiner Handarbeit. Designerin Claudia Menéndez denkt Beadwork neu und hebt es vom Marktstand in die Designgalerie. Leuchtende Farben und aufwendige Muster machen jedes Stück zu einem tragbaren Kunstwerk.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
MIRA MIRA – „Oveja en Q’eqchí & Guacamaya“: Diese Keramiken feiern Tiere, Pflanzen und Wasser – die Grundelemente des Lebens. Inspiriert von den Hochländern Guatemalas verbinden sie uralte Techniken mit zeitgemäßer Formensprache. Die Stücke laden zum Innehalten ein.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
MAYÚ HANDMADE – „Tequila Kit“: Aus recyceltem Glas geblasen, erinnert dieses Set an die Farben der heimischen Vogelwelt. Mayú kombiniert Nachhaltigkeit mit ästhetischem Anspruch und gibt Kunsthandwerkern eine faire Perspektive. Jedes Stück ist ein Unikat.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
MEÜS – „Societas Collection“: Schlichte Schnitte, tiefe Symbolik. Diese Modekollektion ist in Kooperation mit Weberkooperativen entstanden. Der Fokus liegt auf sozialer Wirkung, fairer Produktion und zeitlosem Design. Handgewebte Baumwolle und Perlenstickerei machen jedes Teil einzigartig.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
CASA EDEL – „Grandma’s Picnic“: Diese verspielte Kollektion erinnert an Picknicks im Garten der Großmutter Edelmira. Häkeldetails, traditionelle Karostoffe und Stickereien vereinen sich zu charmanten Accessoires. Die handgefertigten Stücke bringen Wärme, Nostalgie und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit auf jeden Tisch. Casa Edel steht für familiäre Werte und nachhaltige Produktion.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
INDIGO BY OLGA REICHE – „Kimono Bicolor“: Mit Naturfarben und handgewebten Stoffen bringt diese Kollektion Maisfaser und indigoblaue Baumwolle in Form. Der Kimono vereint Innovation mit jahrhundertealtem Wissen und steht für nachhaltige Mode aus Guatemala. Olga Reiche arbeitet eng mit Weberinnen in den Hochländern zusammen.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
CHIVAS & CHIVAS – „Día y Noche & vielseitiger Textilstoff“: Die Stücke zeigen die Verbindung von Alltag und Spiritualität. Inspiriert vom traditionellen Huipil, steht „Día y Noche“ für den Lebenszyklus. Alle Textilien werden in der aufwändigen Chiva-Technik gewebt. Das Projekt bewahrt altes Wissen und schafft faire Arbeitsplätze für indigene Weberinnen.© INGUAT
Guatemala Berlin Design Week
NADA DUELE – „Pōhaku & Galías Wine Glasses“: Stein und Glas verschmelzen in diesen Objekten zu einer Ode an die Natur. Der Name „Nada Duele“ (Es tut nicht weh) steht für ethisches Design, das niemanden ausbeutet. Jeder Weinkelch ist ein handgefertigtes Einzelstück mit organischer Form.© INGUAT

„Wir arbeiten mit ehrlichen Materialien“

Wie reagieren Sie auf Themen wie Nachhaltigkeit oder Ökologie?

Paredes: Viele unserer Prozesse sind ohnehin nachhaltig. Wir verwenden natürliche Materialien, arbeiten umweltschonend. Die Herausforderung ist eher, dass Handwerk Zeit braucht. Es steht der industriellen Massenproduktion gegenüber. Wir hoffen, dass Menschen wieder Produkte mit Seele zu schätzen wissen.

Valdéz: Unsere Ausstellung zeigt das. Die Naturgeräusche, die Gerüche, die Geschichten in den Mustern – das ist unser „Common Sense“, wie das diesjährige Motto der Berlin Design Week.

„Die Szene ist klein, aber offen“

Wie inklusiv ist die Designszene in Guatemala?

Espósito: Viele geben ihr Wissen über Generationen weiter – Geschlecht oder Herkunft spielen keine Rolle. Zusammenarbeit ist bei uns gelebter Alltag.

Paredes: Die Szene ist noch klein, aber lebendig. Auch Menschen ohne klassischen Designhintergrund bringen sich ein. Es geht ums Miteinander.

Und wie steht es um digitale Techniken?

Paredes: Die gibt es, aber noch selten. 3D-Druck und Rendering sind Ausnahmen. Viele Handwerker arbeiten analog, und das funktioniert auch nicht einfach mit digitalen Tools. Die jüngere Generation wird das verbinden.

Valdéz: Was wir hier zeigen, ist zu 100 Prozent analog. Aber das wird sich ändern. Neue Generationen von Architekten und Interior-Designern arbeiten heute zwar verstärkt mit digitalen Werkzeugen, aber das Handwerker wird weiterhin mit dem Herzen gestaltet – durch menschlicher Hände Arbeit.

Guatemala Berlin Design Week
Der „Telar de cintura“ ist ein traditioneller Rückengurt-Webstuhl, der seit Jahrhunderten von indigenen Maya-Frauen in Guatemala verwendet wird. Mehr als nur ein Werkzeug, steht er für kulturelle Resilienz und kollektives Wissen. An der Ausstellung beteiligt sind die Weberinnen Ana Leticia Pocón Buch (San Pedro Sacatepéquez), Rosalía Asig Cho (Kooperative Ixxoq aj Kemool, Alta Verapaz Cobán) und Milvian Aspuac Cón, Leiterin der Frauenorganisation AFEDES und Sprecherin für indigene Rechte.© INGUAT

Berlin Design Week 2025

Die Berlin Design Week ist eines der wichtigsten internationalen Designfestivals Europas. Sie präsentiert aktuelle Trends, Innovationen und nachhaltige Ansätze aus den Bereichen Design, Architektur und Forschung. Das Festival versteht Design als treibende Kraft für gesellschaftlichen Wandel und nachhaltige Entwicklung und bietet eine Plattform für Designer, Unternehmen, Agenturen, Museen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen

  • Zeitraum: 15.-18. Mai 2025
  • Veranstaltungsorte: über 50 Spots in ganz Berlin
  • Motto: „Common Sense“
  • Ziel: Design als Impulsgeber für gesellschaftliche und ökologische Transformation
  • Beteiligte: internationale Studios, Institutionen, Länderpavillons
  • Viele Programmpunkte sind kostenfrei
  • Webseite: berlindesignweek.com

„Tourismus ist für uns kultureller Austausch“

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Paredes: Mehr Sichtbarkeit. Wir wollen eine eigene Designsprache etablieren – wie Italien oder Mexiko, aber auf unsere Art. Dafür brauchen wir Zeit und Generationen.

Espósito: Der Tourismus kann helfen. Wenn Menschen Guatemala besuchen, sollen sie Kultur erleben. Unsere Aufgabe ist es, sie einzuladen: zu riechen, zu fühlen, zu schmecken. Kunst ist der Einstieg.

Valdéz: Wir sind stolz auf unsere Designer und Kunsthandwerker. Sie verbinden Vergangenheit und Zukunft.

Und wie ist die Stimmung im Land?

Espósito: Nach Jahren des Stillstands gibt es eine neue Dynamik. Die Regierung setzt auf Austausch, Sichtbarkeit und neue Kooperationen. Wir möchten zeigen: Guatemala ist offen für Begegnung.

Was sollen die Berliner mitnehmen?

Paredes: Neugier. Sie verbindet Menschen und Kulturen.

Valdéz: Und Authentizität. Dafür steht Guatemala.

Herzlichen Dank für das Gespräch und auf eine erfolgreiche Präsentation!

Guatemala Berlin Design Week
Anna Evelyn Valdéz, Bianka Espósito (INGUAT) und Esteban Paredes (Estudio Cálido, v.l.n.r.) im Interview unterm Pyramidendach.© INGUAT