Wer in den letzten Tagen, die für ihre unkomplizierte und höfliche Kommunikation bekannte, Verkaufsplattform Kleinanzeigen bemühte, um noch Karten für das ausverkaufte Sam-Fender-Konzert in der Uber Eats Music Hall zu ergattern, der schaute meist in die Röhre. Zwar gab es einige wenige krass überteuerte Eintrittskarten, aber besonders auffällig war, dass erstaunlich wenige Menschen, ihr Konzert-Ticket überhaupt loswerden wollten.

Donnerstag

Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost

Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Meist gibt es selbst bei den größten Weltstars ein paar arme Schlucker, die kurzfristig krank oder feige werden oder doch den neusten Tatort in der ARD nicht verpassen wollen. Also wer ist dieser Dude, der kaum fünf Jahre nach seinem Debüt-Album plötzlich in ganz Europa Arenen füllt und dessen Schwarzmarkt-Präsenz anscheinend rarer ist als eine Glitzer-Glurak-Pokémon-Karte der ersten Generation?

Eine Erklärung: Gefühlt die halbe Halle scheint aus Großbritannien angereist zu sein. Kleinanzeigen ist dann einfach doch ein etwas sperriger Begriff für den internationalen Black Market. Die zahlreichen Menschen im Newcastle-United-Trikot haben an diesem Abend gleich doppelt zu feiern. Den ersten nationalen Titel ihrer Mannschaft seit 70 Jahren und wie es Vor-Act „CMAT“ sagt: „Die beste Rock’n’Roll-Show seit Jahren“.

Die Sam Fender und Band dann gleich ebenfalls im Newcastle-Shirt feiern. Die erste offizielle Titelfeier steigt in Berlin. Aber reicht es vom nationalen Titelträger auch zum ersten internationalen Format?

Sam Fender in Berlin: „Bruce Springsteen der Generation Z“ oder doch eher „The Killers ohne The“?

Das Prädikat Weltstar befeuert eine kurze Umfrage im Freundeskreis zumindest diesmal noch nicht: „Sam Fender? Ist das nicht der Typ, der diese teuren Gitarren baut?“ Dabei provoziert der 30-Jährige aus einem kleinen Nest bei Newcastle schon die ganz großen Vergleiche. „Bruce Springsteen der Generation Z“ schrieb jüngst die Süddeutsche über sein Konzert in München. Wobei das eine Stadion-Rock-Kohorte zu hoch gegriffen erscheint.

Nachdem Konzert in der kleinen Uber Hütte in Berlin am Sonntag könnte man auch sagen: Sam Fender ist „The Killers ohne ,The‘ und mit weniger Glitzer“. Wobei eigentlich auch der Brite ein mächtiges „The“ im Rücken hat. Denn von der Erwartung eines Solo-Künstlers bleibt zunächst nicht viel übrig. Sieben Musiker stehen mit ihm auf der Bühne: Drei Gitarren, Keyboard, Bläser, Drums, Bass und Background-Sängerin. Und auch wenn der Sound warm und einnehmend ist, taugen die Themen, über die Fender singt, auf den ersten Blick gar nicht für Stadion-Rock.

Sam Fender in Berlin: Schwere Themen und eine ganz große Show

So dreht sich „Dead Boys“ um männliche Suizide. Dabei driftet die Musik aber nie ins Melancholische ab. Im weiteren Verlauf des Abends wird deutlich, warum der Name Sam auf den Postern steht und nicht „The Fenders“. Viele Songs entpuppen sich als intime Skizzen eines keineswegs einfachen Lebens. Hinter dem Musiker erscheinen bunte Polaroids und fügen sich mit der Musik Stück für Stück zu einer Lebensgeschichte zusammen.

Es geht in den Songs um seinen Vater, die Geschichte einer schwierigen Kindheit und den Tod nahestehender Personen. Einen Song über den eigenen Vater zu schreiben und eine Halle, die sonst zumindest ein Binnenmeer weit weg ist, zum Mitsingen zu bringen, ist schon Champions League. Und das Tolle ist: Fender versöhnt sich mit diesen Dämonen und fordert das Publikum auf, es auch zu tun. Und das gelingt verdammt gut. Wer mit „Seventeen Going Under“, ein Song über häusliche Gewalt und Missbrauch, das Publikum dazu bringt, minutenlang den „Ohohoh-Chor“ weiterzusingen, der muss einen Nerv getroffen haben.

Fender singt über schwere Themen, liefert aber auch gleich den Mut mit, darüber zu sprechen. Und vielleicht macht ihn genau das zur Stimme dieser Generation. Denn während Boomer-Väter Gefühle nur quartalsweise auf Springsteen-Album- und Bierglaslänge zeigen konnten, Millennials vertonte Glückskeks-Sprüche für Therapie hielten, meint es dieser Fender wirklich ernst. Redet darüber. Singt darüber. Immer, überall. Dann sind auch die schweren Momente Anlass, sich in den Armen zu liegen, wie das Publikum am Sonntag in Berlin. „I love you all and have a wonderful day“ und „Look after your mates“ sind dann auch die einzigen Sätze, die dieser Abend noch braucht.