Zu glauben, dass ein Theaterstück die Kraft besäße, seine Zuschauer zu besseren Menschen zu machen, gilt bestenfalls als naiv. Dass das Rezitieren von Shakespeare besondere Einblicke in die Psychologie vermittle, ist ebenfalls leichter behauptet als umgesetzt. Aber was dem US-Independent-Regisseur Greg Kwedar in seinem Film „Sing Sing“ neben vielen anderen Dingen gelingt, ist tatsächlich ein neues Interesse am Theater zu wecken. Daran, was es bewirkt, für diejenigen, die es anschauen, besonders aber für diejenigen, die es aufführen.

Donnerstag
Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
„Sing Sing“ erzählt nicht die übliche „wahre Geschichte“. Dennoch ist die Handlung inspiriert von realen Ereignissen. Jedoch nicht von Erfahrungen einer einzelnen Person, sondern eines „Programms“. Seit bald 30 Jahren ermöglicht die „Rehabilitation Through the Arts“- Organisation im New Yorker Gefängnis Sing Sing Häftlingen in selbstbestimmten Workshops, Theaterstücke zu entwickeln und aufzuführen.
Natürlich begründet das Programm seine Förderwürdigkeit mit dem pädagogischen Effekt der Kunst: Wie viele Studien nachgewiesen haben, holen Teilnehmer am Theater-Programm eher ihre Ausbildung nach. Besonders beeindruckend ist der Vergleich der Rückfallquoten: Für den Durchschnitt der Inhaftierten in den USA beträgt sie 60 Prozent, für jene, die am RHTA-Programm teilgenommen haben, nur drei Prozent. Macht Kunst also doch bessere Menschen?
Der Wunschkandidat wird zum Rivalen
In „Sing Sing“ verkörpert Colman Domingo einen Inhaftierten, den sie „Divine G“ nennen. Man sieht ihm an, dass er bereits einige Jahre im Gefängnis hinter sich hat. Für welche Tat er sitzt, erfährt man nie, nur, dass er beteuert, unschuldig zu sein, und einen stillen, einsamen Kampf austrägt, seine Unschuld zu beweisen oder begnadigt zu werden.
In der rauen, wenn auch durchorganisierten Umgebung von Sing Sing erscheint Divine G als Intellektueller. Er liest und schreibt. Im Theater-Workshop, den Brent (Paul Raci) leitet, hat er sich eine Führungsposition erarbeitet, und man merkt ihm an, dass das Theater für ihn etwas Essenzielles wurde.
Lesen Sie auch: Berlinale 2025 - Erneut eine seltsame Bären-Vergabe

Da zum Theatermachen aber immer ein Kollektiv gehört, halten er und Brent stets Ausschau nach neuen Mitwirkenden. Divine G spricht deshalb „Divine Eye“ (Clarence Maclin, ein ehemaliger Insasse von Sing Sing und Absolvent des Theaterprogramms) an, dem man auf den ersten Blick anzusehen meint, dass er nicht zu denjenigen gehört, die unschuldig einsitzen.
Colman Domingo: Eine ungewöhnliche Karriere als Spätentwickler
Jemand wie er misstraut allen, erst recht Männern wie Divine G, weshalb er dessen Vorschlag, beim Theater mitzumachen, erst mal ablehnt. Aber nicht mit der Klischee-Haltung des Ungebildeten, der Kunst als verschwendete Zeit ansieht. Die Art, wie er im Gespräch mit Divine G „König Lear“ zitiert, zeigt diesem mit Nachdruck, dass Divine Eye ein sehr genaues Ohr fürs Versmaß besitzt.
Letztlich fängt er doch Feuer für die Möglichkeit, auf der Bühne zu stehen. Beginnt jedoch, seine eigenen Bedingungen zu diktieren – und der Vormachtstellung von Divine G Konkurrenz zu machen. Womit ein Konflikt zwischen den Männern beginnt, der seine Tiefgründigkeit erst nach und nach entfaltet – und es sich mit dem Weg zur schlussendlichen „wunderbaren Freundschaft“ nicht einfach macht.
Lesen Sie auch: Schauspieler Albrecht Schuch: „Beinahe hätte ich hingeworfen“

Dass ein Film wie „Sing Sing“ mit drei Nominierungen ins Oscar-Rennen geht, ist außergewöhnlich. Zwar werden Colman Domingo in der Kategorie Bester Hauptdarsteller nur Außenseiterchancen zugestanden, dennoch kann der Ausnahmeschauspieler allein mit der Nominierung und zahlreichen damit verbundenen Auftritten weiter seine ungewöhnliche Karriere als Spätentwickler unterstreichen.
Der 55-Jährige war bis vor kurzem allenfalls Fans der Serie „Fear the Walking Dead“ bekannt. Nachdem er im vergangenen Jahr bereits für „Rustin“ im Oscar-Rennen war, ist „Sing Sing“ nun seine zweite Nominierung in Folge. Nominiert ist auch sein Schauspiel-Gegenüber Clarence Maclin, allerdings nicht für seine beeindruckende Darstellung, sondern für seine Ko-Autorschaft am Drehbuch, einer Kategorie, bei der „Sing Sing“ ganz gute Chancen eingeräumt werden, ebenso wie beim Besten Song.
Drama USA 2024, 107 min., von Greg Kwedar, mit Colman Domingo, Clarence Maclin, Sean San Jose, Paul Raci




