Es liegt nahe, Lera Auerbach zu einem Gesprächskonzert der Reihe „2x Hören“ im Werner-Otto-Saal unter dem Dach des Konzerthauses einzuladen. Das Konzerthaus hat in dieser Saison einen Schwerpunkt mit der russisch-amerikanischen Komponistin, Pianistin, Dirigentin und Dichterin. Eine ihrer großen Sinfonien hat sie bereits im vergangenen Herbst präsentiert, eine weitere wird folgen. Allerdings ist es gar nicht so leicht für den Moderator Christian Jost, in seiner Veranstaltung mit der eher wortkargen 51-Jährigen in ein fluffiges Gespräch über ihre Musik zu kommen. Denn so ist diese Musik nicht.

Donnerstag

Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost

Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Was hören wir? Eine Violinsonate mit vier Sätzen: langsam – schnell – langsam – schnell. Eine langsame Einleitung, begonnen von der Violinistin Mihaela Martin, nach einigen Takten finster flankiert im tiefen Register von Komponistin Auerbach am Klavier. Die Violine stehe für das Individuum und seine Hoffnung auf Freiheit. Die Klänge des Klaviers aber verorteten dieses Individuum als gefangen in einem Käfig. So und so ähnlich wird Lera Auerbach diesen Anfang später im Gespräch mit Christian Jost beschreiben. Nun, eine solche Beschreibung mag schätzungsweise auf zwanzig bis dreißig Kammermusikwerke aller Epochen der letzten hundertfünfzig Jahre passen. Wer aber jetzt meint, er hätte das Stück schon fast vor Ohren, ohne dabeigewesen zu sein – der irrt.

Lesen Sie auch Thomas Quasthoff: „In der Klassik sieht man viel Eitelkeit“

Denn erstens würde ein fast gleich komponiertes Stück, sei es vor siebzig Jahren oder heute geschrieben, genau um diese zeitliche Differenz anders klingen trotz seiner formalen und gestischen Ähnlichkeit. Und zweitens ist Lera Auerbachs Musik zwar strukturkonservativ, aber nicht langweilig. Bemerkenswert ist nicht nur das irrsinnig ausdrucksvolle Spiel ihrer Geigenpartnerin ab dem ersten von Mihaela Martin in den Raum gestellten Einzelton aus der klangvollen Mitte des Instruments. Bemerkenswert ist über die 20-minütige Dauer der ganzen Sonate die Sparsam- und Überschaubarkeit von Lera Auerbachs musikalischem Material, mit welchem sie Licht und Nacht, Hoffnung und Trauer erzeugt. Keine extravaganten Spieltechniken hört man, nichts rein Technisch Gedachtes.

Christian Josts Fragen drehen sich um musikalische Substanz

Die Fragen von Moderator Christian Jost schwanken zwischen kaum Beantwortbarem wie jener, wie die Künstlerin zu bestimmten musikalischen Ideen inspiriert wurde – und der, wie es ist, nach einem Tschaikowski-Dirigat nun ein eigenes Werk zu spielen. Nun, es sind durchaus Fragen, die Christian Jost, selbst anerkannter Komponist, persönlich interessieren.

Lesen Sie auch Opernsänger Äneas Humm brennt für das Kunstlied

Aber er sollte aus dieser Expertise heraus ebenfalls wissen, dass Komponierende sich schwertun, über ihre eigene Musik zu sprechen – und er sollte sich dementsprechend anders nähern. Wo Jost dann doch richtig liegt: sich nicht auf das Technische der Komposition zu kaprizieren, sondern über die feinen Farbwechsel in der Musik zu reden, über die jähen Wechsel von Licht und Schatten. Denn wer die Augen schließt, hört ein extremes und extrem ausgeleuchtetes Werk – das letztlich so modern klingt und nur in der heutigen Zeit der früher undenkbaren Extreme komponiert sein kann.