In der Regel sickern Trends und Vorlieben von oben nach unten, von der Ober- in die Mittelschicht. Lachs zum Beispiel, Flugreisen oder Golf. Genau andersherum ist es bei Tätowierungen. Während vor langer Zeit vor allem Seeleute oder Gefängnisinsassen Tätowierungen trugen, zeigen mittlerweile Prominente wie Fußball-Millionär Toni Kroos das Gesicht seines Sohnes auf dem Unterarm oder König Frederik von Dänemark einen Hai auf der Wade. „Tattoos sind heute in fast allen gesellschaftlichen Kreisen akzeptiert“, sagt Holm Friebe. Nur die Kunstszene im engeren Sinne habe Berührungsängste. Unter den Sammlern, die etablierte Künstler kaufen, gebe es nicht viele, die sich mit Tattoos auseinandergesetzt haben.

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Doch das ändert sich. Friebe – Publizist, Dozent für Designtheorie an Kunsthochschulen und Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur – sieht Anzeichen dafür, dass sich die Tätowier- und die Kunstszene aufeinander zu bewegen. Dabei redet er nicht von Menschen, die ihr Handwerk sehr gut verstehen und Drachen über Wolken in die Haut stechen. Nein, Friebe meint eine Szene mit Künstlern, die mit ihrer Kunst erfolgreich sind und gleichzeitig tätowieren. Die gar nicht sagen können, was wichtiger ist.

Ein Team rund um Annette Walter und Friebe hat ein Format entwickelt, das Kunstwerke auf die Haut bringt: „Works On Skin“. Die Idee dahinter: Originalkunstwerke von weltbekannten, etablierten, aufsteigenden Künstlern, die erst auf der Haut realisiert werden. „Wir bringen ein neues Format in die Welt, das aber gleichzeitig ein sehr altes ist“, so Friebe. Schaut man in die Geschichte, gab es bereits Kunst auf Stein, auf Holz, auf der Leinwand, auf Papier. Jetzt gibt es sie eben auf der Haut.
Das Konzept klingt kompliziert, ist aber eigentlich ganz simpel. Am Sonnabend um 12 Uhr startet der Verkauf von Zertifikaten für 17 originale Kunstwerke, die man sich stechen lassen kann. Die Anzahl ist auf 100 limitiert, erwerben kann man nur eines pro Künstler. Mit der Post erhält der Käufer eine signierte Urkunde, das Motiv als Fine-Art-Print und auf einem Transferpapier – damit kann es originalgetreu übertragen werden. Erst dann ist das Kunstwerk realisiert.
Das Kunstwerk von einem der 17 Berliner Kunstschaffenden. Friebe beschreibt sie als „best of berlin“. In der Tat stehen auch etablierte Namen auf der Liste. Allen voran Timm Ullrichs, der sich schon 1981 die Wörter „THE“ und „END“ auf sein Augenlid tätowieren ließ. Als Motiv bietet er seine Unterschrift an, sodass 100 Menschen die Möglichkeit haben, sich vom Künstler signieren zu lassen. Übrigens: Der Works-On-Skin-Künstler Lukas Troberg wurde zum menschlichen Kunstwerk, indem er sich von Ullrichs persönlich die Innenseite seiner Unterlippe tätowieren ließ.

Neben Gregor Hildebrandt ist auch Bettina Semmer bei der Aktion dabei. Ihr Werk sticht heraus: „Von Narben gezeichnet“ ist der Titel. Man soll sich Narben tätowieren, um zu zeigen, dass man gelebt hat. Einen besonderen Berlin-Fokus haben die Arbeiten von Tracey Snelling „Brutal Berlin“. Die amerikanische Künstlerin hat Zeichnungen ihrer liebsten brutalistischen Berliner Gebäude angefertigt. Darunter der Bierpinsel oder der Mäusebunker. Von dem Erlös bekommen die Künstler 50 Prozent.
Hinter dem Projekt steckt auch die Idee, den Künstlern ein permanentes Einkommen zu generieren, erklärt Friebe. Works On Skin ist ein Folgeprojekt auf die Direkte Auktion. Während der Coronapandemie veranstaltete Friebe mit seinem Team Auktionen mit 700 Künstlern. „Daraus sind unendlich viele Verbindungen entstanden“, sagt er.
Der Verkauf bei Works On Skin startet bei 100 Euro pro Werk, alle zehn verkauften Werke springt der Preis. Dabei konnten sich die Künstler in Kategorien einteilen, bei manchen kosten die letzten zehn Werke 300 Euro, bei anderen 2000 Euro.

„Vor etwa 100 Jahren gab es in Deutschland die Idee, Kunst für die breite Gesellschaft zugänglich zu machen“, sagt Friebe. Das war die Griffelkunst-Vereinigung in Hamburg, die Druckgrafiken an die Leute brachte. Eigentlich sehe sich die Initiative auch nicht in der Tradition der Tätowierungen, sondern eher in der der Editionen, meint Friebe. Sie wolle die Kunst erschwinglich machen und die Lücke füllen zwischen den reichen Sammlern aus dem Grunewald und den durchschnittlichen Bürgern, die ihre Kunst bei Ikea kaufen. Dazu gehört auch die gleiche Auflage, die bereits die Griffelkunst stellte: die Kunst nicht weiter verkaufen zu dürfen. Erwirbt man ein Werk bei „Works On Skin“, darf es bis zu drei Mal verschenkt werden. Vererbt übrigens auch. Erst danach erlischt das Zertifikat.
Wer sind die Menschen, die ihr Leben mit dem Werk eines Künstlers auf der Haut verbringen sollen? „Wir verkaufen Tattoos von Menschen, die keine Tattoos machen, sondern Kunst an Menschen, die in erster Linie keine Tattoos haben wollen, sondern Kunst“, erklärt Friebe. Sich ein Leben lang an das Werk eines Künstlers zu binden, das ist ein Commitment. Es ist eine Frage danach, wie ernst man es letztendlich mit der Kunst meint. Holm Friebe meint es ernst. Deshalb hat auch er seit kurzem zwei Tattoos. Auf seine Hand ließ er sich einen Punkt stechen. „Mein Sohn zeichnet mir immer Smileys auf die Hand“, sagt Friebe. Der Punkt stellt die Nase dar, jetzt muss er nur noch den Rest malen. Sein zweites Tattoo ist nur klein auf seinem Oberarm zu entdecken. In blauer Farbe steht dort das Wort „SKIN“. Der erste Teil des Logos. Der nächste Teil wird folgen – aber erst in der zweiten Runde.
Verkauf ab 31. August ab 12 Uhr unter worksonskin.com




