Die geballte Faust am Ende des Songs ist beredter Beweis: Roland Kaiser, Deutschlands bedeutendster und beliebtester Schlagersänger, beherrscht nicht nur sein bevorzugtes Genre virtuos, sondern auch jedes andere. Er eröffnet dafür sogar für ein paar Minuten den größten, intimen Club der Stadt. Setzt sich lässig auf einen Barhocker, während sich seine Musiker im großen Rund mit akustischen Instrumenten um ihn scharen. Und zwar für einen absolut außergewöhnlichen Moment: Roland ­Kaiser performt Elvis Presleys ikonischen Song „In the Ghetto“.

Zum 50. Bühnenjubiläum ist alles in Gold gehüllt und soll strahlen und funkeln

Während das Konterfei des 72-Jährigen in coolem Schwarzweiß auf die Videowalls gebeamt wird, glaubt man für einen kurzen Augenblick, das Original zu hören. Eine kleine Täuschung, denn Roland Kaiser phrasiert anders als bei seinen Schlagern, singt den Song phänomenal und gibt ihm viel Tiefgang.

Das Cover ist kein Gimmick am Rande, um mal eben seinen Auftritt aufzupeppen. Es war 1973 sein Türöffner in Musikbranche. Er hat den Titel damals vorgesungen und direkt danach seinen ersten Plattenvertrag unterschrieben. Der Song gehört also zu seiner Geschichte, zu seinen Lebensliedern. Und muss deshalb natürlich unbedingt auf die Setlist seiner „RK50. 50 Jahre – 50 Hits!“-Tour.

Roland Kaiser am Freitagabend in der Berliner Waldbühne.
Roland Kaiser am Freitagabend in der Berliner Waldbühne.© Getty Images | Adam Berry

Nur ein Highlight am ersten von zwei ausverkauften Abenden in der Waldbühne, die schon vor dem ersten Ton vor lauter Aufregung vibriert hat. Kein Wunder, wenn 22.000 Fans wie gebannt darauf warten, dass der goldene Vorhang fällt und ihr Schlagerstar dahinter zum Vorschein kommt. Und Roland Kaiser enttäuscht die Zuschauer nicht. Pünktlich auf die Minute geht es mit dem obligatorischen Willkommenssong „Gut, dass ihr da seid“ los. Auch die Bühne ist dabei in goldenes Licht getaucht. Denn zum 50. Bühnenjubiläum von Roland Kaiser ist alles noch etwas strahlender und funkelnder als sonst.

So viele Hits, dass sie gleich in drei Medleys gebündelt werden

Die Berliner Konzerte sind das Finale einer sensationellen Tour, die den Gentleman unter den Schlagersängern zum ersten Mal auch in Stadien geführt hat. In seiner Heimatstadt indes bleibt für den Wahl-Münsteraner alles beim Alten. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass er das in die Pichelsberger Murellenschlucht gebaute riesige Freiluftrund zwei Mal nacheinander bis auf den letzten Platz füllt.

Um die halbe Hundert auf der Bühne gebührend mit 50 Hits in nur zweieinhalb Stunden zu feiern, muss Roland Kaiser etwas tricksen. Deshalb gibt es drei Medleys. So bleibt musikalisch wirklich kein Wunsch unerfüllt, denn der Schlagerkönig hat alle seine Hits im Gepäck. Die verbindet er visuell mit seiner Laufbahn. Zu „Ich glaub es geht schon wieder los“ aus dem Jahr 1988 läuft ein Video mit dem damals 36-jährigen Sänger. Und zwar lippensynchron zum Live-Gesang.

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Roland Kaiser erzählt auch von den Stationen seiner Karriere. Die sei eher stotternd mit einigen musikalischen Ladenhütern gestartet, gesteht der 1952 in Berlin geborene Sänger. Nach ersten Single-Erfolgen etablierte Roland Kaiser sich 1980 endgültig mit seinem Nummer-Eins-Hit „Santa Maria“ als Künstler. Bis heute sein größter Erfolg.

Hier steht ein „Thin Lizzy“-Typ neben dem Kaiser-Hardcore-Fans

Live reißt der Song, der auf der Leinwand mit einer selbstverständlich goldenen Palme bebildert ist und musikalisch karibisches Feeling verströmt, die 22.000 umgehend von ihren Sitzen. Der Jubel ist so frenetisch, als würden Abba, die Rolling Stones und die Beatles zusammen auf der Bühne stehen. Mehr geht nicht! In der langsam untergehenden Sonne blinken dazu Tausende von Schlagerkrönchen in Pink und Blau im Takt mit, während alle aus voller Kehle mitsingen.

Das zeigt eindrucksvoll einmal mehr, dass Musik verbindet. Wie man es von Roland Kaisers Publikum kennt, steht der Typ mit „Thin Lizzy“-T-Shirt da friedlich neben dem Kaiser-Hardcore-Fan. Ein Paar schwelgt im flotten Discofox tanzend im Hit. Ein anderes liegt sich selig in den Armen. Gleich mehrere Generationen zelebrieren lautstark und begeistert ihr Idol.

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Roland Kaiser auf der riesigen Videowand bei seinem Konzert in der Waldbühne.
Roland Kaiser auf der riesigen Videowand bei seinem Konzert in der Waldbühne. © Getty Images | Adam Berry

Bei der heißen Partystimmung zu den hohen Temperaturen wird es selbst Roland Kaiser in seinem eleganten, hellgrauen Dreiteiler irgendwann zu warm. Er fragt: „Ihr seht alle so wunderbar sommerlich aus. Wärt ihr böse, wenn ich meine Jacke auszöge?” Eine Steilvorlage. Sofort wird laut „Ausziehen!“ skandiert. Mehr als das Jackett wird es allerdings nicht.

Auch ein neuer Song singen die Fans schon textsicher mit

Dafür ziehen Roland Kaiser und seine Band musikalische alle Register. Wie immer ist der Musiker mit voller Bandbesetzung angereist. Dazu gehören bei ihm auch eine Bläsersektion und Streicher. Der satte Sound bedient sich bei allen Genres. Für die rockigen Klänge sorgt wie gewohnt Gitarrist Jörg Weißelberg und für die gefühlig jazzigen Saxophonistin Tina Tandler. Beide haben längst ihre eigenen Fans unter den Zuschauern.

Om Fokus steht aber natürlich Roland Kaiser. Er hat diesmal sogar eine neue Single mit dabei. Doch wer glaubt, dass er das Publikum mit „Mein Geheimnis“ überraschen kann, wird schnell eines Besseren belehrt. Kaum erschienen, wird der Song von den Zuschauern schon textsicher mitgesungen. Ganz so, als gehöre er zum Repertoire. Und das kann man diesmal in voller Breite erleben. Von „Dich zu lieben“ bis „Manchmal möchte ich schon mit dir“ und „Schach matt“. Nicht zu vergessen das Erfolgsduett mit Maite Kelly: „Warum hast du nicht nein gesagt“. Bleibt die Hoffnung, dass es in zehn Jahren heißt „RK60. 60 Jahre – 60 Hits“.

Zum ersten seiner zwei ausverkauften Waldbühnen-Konzerte kamen am Freitagabend 22.000 Zuschauer.
Zum ersten seiner zwei ausverkauften Waldbühnen-Konzerte kamen am Freitagabend 22.000 Zuschauer.© Getty Images | Adam Berry