Wie eine kostbare Handschrift aus dem Mittelalter ruht der Katalog des Versandhauses in einer von Edelhölzern gerahmten Vitrine. Kaum zu glauben, dass dieser telefonbuchstarke Papierblock einmal ein Standardutensil des alltäglichen Konsums war und man Seite 427 aufschlug, eine ellenlange Bestellnummer auf einer Karte notierte, diese zur Post brachte und sich dann einige Wochen gedulden musste, bis der ersehnte Haarföhn oder das neue Set Unterwäsche eintrafen.

Der Originalschriftzug des Beate-Uhse-Sexkaufhauses in Charlottenburg.
Der Originalschriftzug des Beate-Uhse-Sexkaufhauses in Charlottenburg. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Der Katalog ist nur eines von vielen sehenswerten Fundstücken, die das Buchstabenmuseum im Hansaviertel in seiner neuen Ausstellung „Final Sale – Vom Kaufhaus ins Museum“ von diesem Sonnabend an präsentiert. Da sind die Plastiktüten mit ihren aus heutiger Sicht kuriosen Mustern und Slogans wie „Ich freu’ mich drauf“. Da sind die verspiegelten Halbkugel-Wandelemente, die im Verkaufsraum so hübsch futuristisch wirkten, dem Personal aber auch die diskrete Überwachung der Kundschaft ermöglichten. Und da ist – endlich, möchte man sagen – die Entschlüsselung der ewig rätselhaften Durchsagen wie „Die 70 auf die 19, bitte“ , mit denen man vor den Ohren der Kaufhausgäste kommunizierte, ohne von diesen verstanden werden zu können. Überhaupt Durchsagen: Die Ausstellungsbesuch wird über Lautsprecher diskret mit der damals handelsüblichen Plingplongmusik untermalt, unterbrochen von kleinen Einwürfen des Sprechers und Schauspielers Pierre Sanoussi-Bliss. Die Illusion ist perfekt.

Hier wird einer Ära ein würdiges Abschiedslied gesungen. Mit Namen wie Horten, Quelle, Kaufhof und Karstadt erlebte der Boom der Kaufhäuser in den 1980er-Jahren seinen Höhepunkt – nun werden wir Zeugen ihres Niedergangs. Mit ihrem Verschwinden tauchen Fragen auf: nach der Zukunft der Angestellten, der Nutzung der Immobilien und der Zukunft der Innenstädte.

Lesen Sie auch:Kaufhof, Karstadt – Die Kaufhäuser unserer Kindheit

Auch die Galeria Kaufhof ist mit seinen Lettern vertreten.
Auch die Galeria Kaufhof ist mit seinen Lettern vertreten. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Verloren geht auch, das dokumentiert die Schau auf eindringliche Weise, ein riesiges Arsenal städtischer Beschriftung. Deren kulturhistorischer Wert geht weit über die Reklamefunktion hinaus, weil er die ästhetischen Vorlieben des Zeitgeistes in Buchstabengestalt konserviert. Das hat man im Buchstabenmuseum schon lange erkannt. Seit mehr als 18 Jahren sammelt der private Verein, der von der Kommunikationsdesignerin Barbara Dechant geleitet wird, Schriftzüge aus dem öffentlichen Raum, schwerpunktmäßig aus Berlin und Deutschland. So konnte die weltweit größte Sammlung an dreidimensionalen Buchstaben zusammengetragen werden: Rund 3000 Zeichen lagern in den S-Bahnbögen im Hansaviertel, darunter auch der schöne „Zierfische“-Schriftzug vom Frankfurter Tor. Das ehrenamtlich geführte Museum hält sich vor allem mit den Mitgliedsbeiträgen über Wasser und konnte während der Pandemie die Kosten für Miete, Strom und Heizung fast nicht mehr aufbringen. Dank einiger Zuwendungen von Senatsseite wurde nun zwar eine Neonwerkstatt eingerichtet, aber auf Unterstützung bleibt der Verein weiter angewiesen. Die neue Ausstellung zeigt, welchen Beitrag er zur Dokumentation der Stadtgeschichte leistet.