„Wenn ich die Dinge nicht aufschreibe, sind sie nicht zu ihrem Ende gekommen, sondern wurden nur erlebt.“ Dieses Motto stellt Annie Ernaux ihrem neuen Buch voran, einer kurzen Erzählung über die Affäre einer Schriftstellerin mit einem 30 Jahre jüngeren Mann. Getrost darf man die Ich-Erzählerin dabei mit der Autorin gleichsetzen: Ihr Leben literarisch zu verarbeiten ist Ernaux’ Programm. Gespiegelt ist in „Der junge Mann“ ein anderes Buch der Nobelpreisträgerin, „Das Ereignis“. Darin beschreibt sie die Odyssee einer illegalen Abtreibung in den 1960er-Jahren, als 23 -Jährige. Brutal ist das Erlebnis, ungeschönt wird es geschildert. Drei Jahrzehnte später hat die Erzählerin nun die Gelegenheit, die Erniedrigung, die damalige Angst und Verzweiflung zu transformieren. Therapeutisch könnte man das nennen, wenn das nicht an Ernaux’ stählern federndem, brennglasgenauem und gewitztem Schreiben vorbeiginge.

Annie Ernaux: Der junge Mann. Suhrkamp, 48 Seiten, 15 Euro.
Annie Ernaux: Der junge Mann. Suhrkamp, 48 Seiten, 15 Euro. © Unbekannt | Suhrkamp

A., der Student, lebt in Rouen. Direkt gegenüber seiner kleinen, kalten, kargen Wohnung liegt das Krankenhaus, in das die Ich-Erzählerin eingeliefert wurde, als sie nach der laienhaften Abtreibung in einer Privatwohnung eine starke Blutung entwickelte. Welche Genugtuung: Nun hat sie dort Sex zu den Klängen einer Doors-CD, ein gelebtes Leben später. Die Erinnerung in eine andere Form vögeln – das ist ein selbstironischer Subtext, der Ernaux’ präzise gesetzten erzählerischen Abstand zu ihren Erlebnissen aufzeigt. Seltsam kitschig klingt es denn auch, wenn dieser „unerhörte Zufall“ als „so etwas wie das Zeichen einer mysteriösen Begegnung“ inszeniert wird. Aber das ist nur ein Ausrutscher in der sonst glasklaren Prosa, mit der Ernaux sich auf einen Angehörigen jener kleinbürgerlichen Klasse einlässt, der sie selbst durch ihr Studium und ihr Schreiben entkommen ist. Fort von den erstarrten Formen, in Alltag wie Sprache, das ist ihr erklärter Antrieb als Autorin. Als „Rächerin“ jener Klasse der Besitzlosen, Fabrikarbeiter und Ladenbetreiberinnen, deren Erfahrungen in der bourgeoisen Literatur zu wenig vorkommen, bezeichnete sie sich kürzlich in ihrer Nobelpreisrede. Klassismus ist Ernaux’ Lebensthema.

Auch an A. beobachtet sie „die Reflexe und spontanen Gesten, die von einem dauerhaften, ererbten Geldmangel herrühren“. Er macht ihr bewusst, dass sie die Welt ihrer Herkunft hinter sich gelassen hat und nun ihn in die bürgerlichen Sitten einführt. Ihre Vergangenheit erlebt sie mit A. noch einmal, führt „das Theaterstück meiner Jugend“ auf und fühlt sich wie eine „fiktive Figur“. Als sich das Wiederholungsgefühl verstetigt, weiß sie, dass das Verhältnis vorbei ist und A. seine Rolle als „Zeitöffner“ gespielt hat. Die Ich-Erzählerin beginnt, „Das Ereignis“ zu schreiben, ein Buch, das 2008 erschienen ist. Der junge Mann – er ist die Hebamme eines literarischen Werks.