Annie ist 23 und sie ist ungewollt schwanger. Sie studiert, als Erste aus ihrer Familie, hat Großes vor. Sie will das Kind nicht: „Das Ding muss weg“, sagt sie nüchtern. Aber im Frankreich des Jahres 1963, in dem diese Geschichte sich zuträgt, sind Abtreibungen gesetzlich verboten. Und tabuisiert. Annie ist trotzdem entschlossen. Sie will selbst über ihren Körper und ihre Zukunft bestimmen. Und erlebt ärztliche Arroganz, gesellschaftliche Demütigungen und eine zunehmende persönliche Verzweiflung. Nachzulesen ist das alles in dem autofiktionalen Buch „Das Ereignis“. Geschrieben hat es die französische Autorin Annie Ernaux; vor wenigen Monaten wurde sie mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Es ist ihre Geschichte.

Donnerstag
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Dieses Buch ist ein Bericht, eine Formulierung von Geschehnissen, die zum Zeitpunkt der schreibenden Annäherung fast 40 Jahre zurück liegen. In Frankreich wird das Buch im Jahr 2000 veröffentlicht. Fürs Theater ist es eigentlich nicht geschrieben, es gibt keine klassischen Dialoge, keine ausgearbeiteten Figuren, dafür viel Innerlichkeit. Aber es gibt diese kraftvolle Sprache, diesen präzisen Ton, der zwar gänzlich unsentimental und nüchtern erscheint, aber trotzdem mit voller Wucht zu treffen vermag.
Das berichtende Ich ist auf drei Rollen verteilt
Die Regisseurin Laura Linnenbaum vertraut über weite Strecken des Abends auf diese Wucht des Textes. Fürs Berliner Ensemble hat sie (gemeinsam mit der Dramaturgin Amely Joana Haag) eine Bühnenfassung entwickelt und im Neuen Haus in Szene gesetzt. Das berichtende Ich kommt dabei zu dritt: Nina Bruns, Pauline Knof und Kathrin Wehlisch sind dreimal Annie, mit einem jeweils unterschiedlichen Blick auf sich selbst. Nina Bruns ist die junge Annie, mittendrin in dem, was da gerade passiert, noch ohne Distanz, ganz aufs Handeln konzentriert: Die Realität ist in ihrem Unterleib.
Pauline Knof hat da schon mehr Distanz, sortiert die Erinnerungen im Erzählen. Und Kathrin Wehlisch gestattet ihrer Annie viel Reflexion über das Schreiben selbst und weitet die Perspektive ins Politische, thematisiert Klassen- und Herkunftsfragen. Das funktioniert in der Aufteilung sehr gut und alle drei spielen hervorragend. Der Text ist klar genug, er kommt mit sehr wenig Regie aus und wirkt immer dort am stärksten, wo er möglichst wenig illustriert wird. Er braucht das Stroboskop-Licht eigentlich gar nicht, das zwischendurch trotzdem kurz zum Einsatz kommt.
„Das Ereignis“: Ein archaischer Grundton
Anfangs stehen die Frauen noch in cremefarbener Kleidung auf der Bühne, doch die Reinheit machen sie selbst zunichte: Dunkle, feucht wirkende Erde bedeckt den Boden und bald auch ihre Körper, ihre Gesichter. Bald tragen sie nur noch Unterwäsche, eingerissene Strumpfhosen. Sehr wenige konkrete Gegenstände bebildern das Gesprochene: etwa ein Tisch und eine Waschschüssel aus Emaille, wenn die „Engelmacherin“ zur Tat schreitet. Die feuchte Erde und das sehr körperliche Spiel erzeugen eine Art archaischen Grundton. Es gibt an diesem Abend Momente, die in ihrer sprachlichen Deutlichkeit schwer zu ertragen sind, es gibt bisweilen aber auch eine zarte Komik der Reflexion, es gibt Wut und sehr schöne Szenen der Solidarität, wenn alle drei Ichs ihre erdigen, erschöpften Leiber aneinanderdrücken.
Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Kartentel.: 284 08 155. Nächste Termine: 28.02., 01.03. und 14.03.




