In diesem Roman kommt ein Mann vor, der in seiner Zeit als Berliner Senator einen erheblichen Teil des städtischen Wohneigentums verkauft hat – eine Entscheidung, die wenige Jahre später, als die Mieten in der Stadt explodiert sind, absurd wirkt. Es geht auch um die Regionalzeitungen der Hauptstadt, die wirtschaftlich schwer unter Druck stehen und deren einzige Rettung darin liegen könnte, von einem reichen Unternehmer gekauft zu werden. Der Chefredakteur einer dieser Zeitungen verfasst einen täglichen Newsletter, der die hauptstädtische Politik ironisch kommentiert. Und währenddessen ist ein Wohnungskonzern munter dabei, auf dem Wege der Luxussanierung ganze Stadtquartiere für die alteingesessenen Mieter unbezahlbar zu machen.

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Wer sich in den vergangenen 20 Jahren auch nur sporadisch mit der Berliner Stadtentwicklung befasst hat, dem werden bei diesem Anspielungsreichtum die Ohren klingeln. Die Verlockung, dieses Buch als Schlüsselroman zu lesen, in dem sich reale Menschen glasklar dechiffrieren lassen, mag durch die Biografie der Autorin noch gesteigert werden: Wie ihre Hauptfigur Amelie Warlimont hat Eva Ladipo als politische Journalistin in Berlin gearbeitet und ist mit den Eigenheiten des hiesigen Medien- und Immobilienmarktes bestens vertraut. Aber sie weiß auch und hat mit ihrem ersten Roman „Wende“ 2015 schon bewiesen, dass Literatur viel mehr leisten kann als mit der Realität abzugleichende Checkboxen. Die immer wieder aufblitzenden Momente des zweifelnden Wiedererkennens sind in diesem Roman die Glitzerschicht über einer ebenso spannenden wie relevanten Geschichte.
Die erste Verdrängung hatte längst stattgefunden

Besagte Amelie Warlimont lässt den Journalismus gerade ruhen, weil sie zum zweiten Mal Mutter geworden ist und ihrem Mann Stefan, dem newsletterschreibenden Chefredakteur, den Rücken freihalten will – woraufhin dieser erst einmal mit der rothaarigen Magazinchefin fremdgegangen ist. Nun sieht Amelie, das Baby im rutschenden Tragetuch, auf dem Spielplatz in Prenzlauer Berg ihrer dreijährigen Tochter beim Schaukeln zu, weint unter ihrer Sonnenbrille und denkt an eine Geschichte zurück, die sie vor einiger Zeit einmal recherchierte: „Der Arbeitstitel lautete ,Auszug der Armen – Als sich noch niemand für Verdrängung in Berlin interessierte‘. Sie wollte die unbequeme Wahrheit darüber ausbreiten, dass der Mietenwahnsinn, über den sich derzeit alle aufregten, nur für die wohlhabende Mittelschicht neu war. Die Arbeiterschaft wusste schon lange, wie es sich anfühlt, aus dem angestammten Kiez vertrieben zu werden. Vor zwanzig Jahren hatte die erste, noch viel gründlichere Säuberung von Berlin-Mitte und dem Prenzlauer Berg stattgefunden: Damals waren achtzig Prozent der Bevölkerung ausgetauscht worden. Ein stiller, widerstandsloser Rückzug der Armen, der wohl auch deshalb der kollektiven Amnesie anheimgefallen war, weil die Verdrängten von heute die Verdränger von damals waren.“
Einer von denen, die schon damals in den Neunzigern gehen mussten, als zwischen Kastanienallee und Bötzowviertel fast jedes Wohnhaus saniert wurde, ist Olli Leber. Er lebte mit seiner Familie einmal in der Choriner Straße, nun wohnt er mit seiner Mutter in einer Sozialwohnung am S-Bahn-Ring, jener Demarkationslinie, die in Prenzlauer Berg immer noch zuverlässig die besseren Wohnlagen von den schlechteren trennt. Doch selbst von dort droht ihm, der als Bauarbeiter ironischerweise am großen Stadterneuerungsprogramm mitwirken muss, nun der erneute Wegzug. Denn das Quartier ist verkauft worden, seine Sozialbindung ausgelaufen, und was der Neueigentümer, der „Europäische Wohnen“ heißt, zur Profitsteigerung im Schilde führt, kann nichts Gutes für Olli und seine Mutter bedeuten.
Mit Amelie, die er von ihrer früheren Recherche kennt, entwickelt sich zeitgleich mit einer handfesten Affäre auch der Plan, das alles zu verhindern. Eine entscheidende Rolle kommt dabei dem ehemaligen Berliner Finanzsenator Falk Hagen vor, der in ganz anderen sozialen Sphären schwebt und gerade von ganz anderen Sorgen umgetrieben wird: ob nämlich erstens die geplante Traumhochzeit seiner Tochter klappt und wie er zweitens sein bereits ansehnliches Vermögen ins Imposante steigern kann.
Was ist eigentlich und zu welchem Ende führt Gentrifizierung? Welche Entscheidungen verursachen und begleiten sie, was bedeutet sie für die gesellschaftlichen Milieus, für ihre Vielfalt und ihre Durchlässigkeit? Mit diesen Fragen haben sich in den letzten Jahren von Jan Brandt über Eva Sichelschmidt bis hin zu Anke Stelling schon viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller befasst, nicht immer mit überzeugenden Resultaten. Eva Ladipos „Räuber“ gehört zu den unbedingt lesenswerten Beispielen dieses Genres. Sie wechselt, während sie ihre spannende Geschichte entfaltet, permanent die Figurenperspektive, was bei einem Gesellschaftsroman von 550 Seiten nicht nur dramaturgisch einleuchtet, sondern auch psychologisch: In den harten Kontrasten zwischen dem Ex-Senator, der Journalistin und dem Bauarbeiter sind keine Klischees zu entdecken, sondern lebensechte, menschliche Schattierungen.
„Niemand hält sich selbst für einen schlechten Menschen“: Die alte Lebensweisheit, die Patricia Highsmith ihrem Tom Ripley in den Mund legte, beherzigt auch dieser Roman – der mit seinen schnellen Dialogen und gutem Timing übrigens nicht nur packend ist, sondern oft auch sehr lustig. Wer etwas über Berlin und seine Menschen erfahren möchte, sollte ihn lesen.




