Am Anfang ist ein Wesen. Mit üppiger Haartolle und mausigen Ohren über dem schnabeligen Krokodilskiefer. Gemessenen Schritts tritt die hybride Kreatur auf die Bühne und lässt ihre eindeutig menschlichen Unterarme durch die Luft rotieren, in einem nur ihr selbst vertrauten Tanz-Masken-Ritual.

Donnerstag
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Entworfen hat den ausladenden purpurfarbenen Rock und das opulent in Falten geknautschte Oberteil zum hoch aufragenden Kopfputz der Tänzer, Mode- und Kostümdesigner Thomas Bradley, für Emanuel Gats „Sunny“. Gats Choreographie aus dem Jahr 2016 hat das Staatsballett zum Start der ersten offiziell gemeinsamen Spielzeit des Intendanz-Duos Sasha Waltz und Johannes Öhman einstudiert. Ursprünglich eingeplant als Teil des letzte Woche an der Staatsoper uraufgeführten Abends „Ekman | Eyal“, aber wegen Überlänge ausgelagert, gastiert das Staatsballett mit „Sunny“ nun erstmals an der Volksbühne.
Weg von den geraden Achsen und repräsentativen Posen der Klassik führt „Sunny“ das Ensemble, das Waltz und Öhman zur Hälfte dem Zeitgenössischen verschrieben haben. Der Kostümprolog mit seiner Anmutung zwischen Nō-Theater, höfischem Karneval und archaischem Tanzritual wiederum führt aus dem Alltag in die Außerwelt des Theaters. Träumerisch ausgeblichen klingt Awir Leons Cover-Version von Bobby Hebbs titelgebendem Song-Klassiker „Sunny“, wenn die übrigen je vier Tänzerinnen und Tänzer auf die Bühne kommen, um gemeinsam mit dem von Paul Vickers verkörperten Wesen Gat zu interpretieren.
Bei „Sunny“ sind nur in Unterwäsche gekleidete, sehr unterschiedlich trainierte Körper
Wie ernst es dem Staatsballett mit einem auch vom tänzerischen Hintergrund diversen Ensembles ist, sieht man an den nur in Unterwäsche gekleideten, sehr unterschiedlich trainierten Körpern: Dana Pajarillaga hat die Schnellkraft einer Athletin, Tara Samaya strahlt Power und Bodenhaftung aus, Harumi Terayama wirkt weich und zurückhaltend. In die klassische Aufrichtung streben Yo-Chi Lee, Ross Martinson oder Paul Vickers, der sein Kostüm bald an einen Haken im Bühnenhintergrund hängt, wo es zum Wandschmuck wird. Johnny McMillan hat sich große Muskelpakete aufgeladen, während Lucio Vidal, am Staatsballett ein rein zeitgenössischer Tänzer, die schmale Statur eines Ballerino zur Schau stellt.
Den Neun sieht man im knapp 60 Minuten kurzen „Sunny“ beim Ko-Kreieren zu. Einiges Schrittmaterial hat Emanuel Gat vorgegeben, aber die Aufgabe der als Individuen in einer Gruppe agierenden Tänzer ist die Abstimmung im Moment. Synchronität entsteht nicht durch das Abzählen von Takten in der Musik, sondern durch Blickwechsel und körperliche oder stimmliche Zeichen. In einer Szene umschreiten die locker auf der Vorderbühne gruppierten Tänzer einander – abwartend agierend, aber mit offen zugewandtem Lächeln. In einer Reihe aufgestellt, steuern sie zu einem anderen Zeitpunkt rasante, je individuelle Bewegungen mit Kommando-Rufen, und durch „Stop“- oder „Go“-Signale bestimmen sie später, eine Schrittfolge zu unterbrechen oder von vorne zu beginnen. Erscheint das Zusammenspiel zu Beginn gebremst, wachsen bald die Tanzlust und Experimentierfreude.
„Sunny“ zeigt Konstellationen von Soli, Duetten und einer Gruppe
In „Sunny“ entwickelt Gat kein lineares Stück, sondern eine Abfolge von Konstellationen, die die Tänzer in Soli und Duetten oder als Gruppe zeigen. Ausdehnen und Zusammenziehen scheinen Prinzipien der Choreographie zu sein, mitunter folgen tänzerische Phrasen einem atmenden Auf und Ab. Der Musiker Awir Leon verstärkt die Anmutung des Pulsierens durch ein Anschwellen und Abklingen der Sounds, eine rhythmisierte Abfolge mal technolastiger, mal melodiöser Tracks. Diese Variationen halten die Aufmerksamkeit aufrecht.
Einschnitte in der Abfolge sind auch die beiden Kostümwechsel. Mit einer je eigenen Kreation von Thomas Bradley warten die Tänzer im zweiten Drittel auf: Jenna Fakhoury trägt ein grandioses rotes Kleid mit einer großen Stoffausstülpung, Johnny McMillan einen silbern glitzernden Taucher-Fisch-Anzug, andere Federschmuck, einen Blütenkopf oder einen Schleier. Im letzten Drittel haben die Neun grellbunte Sportkleidung an – und wieder wirken die bewegten Körper anders als zuvor. Die Kostüme haben also einen gewissen Aussagegehalt.
Erratisch hingegen ist Gats Lichtregie, welche die Tänzer abrupt in traubenrotes Dunkel oder grelles Weiß stürzt. Irgendwo in der Mitte zwischen dem Arbiträren und dem Stimmigen schwingt auch die zeitgenössische Truppe des Staatsballetts: nach wenigen Wochen Proben erreicht sie nicht den Bewegungsfluss und die virtuose Steuerung von Schwarmverhalten, wie sie Emanuel Gats schon mehrfach in Berlin gastierende eigene Kompanie kultiviert hat. Aber beim Finden des neuen Weges geht man gerne mit.
Volksbühne Berlin, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Termine: 3.1., 4.1., 5.1. 2020, 20 Uhr.




