Am Ende, als er ganz unten angekommen ist, bleibt ihm nur die zitternd ausgestreckte Hand, das Betteln um Almosen. Joachim Meyerhoff alias Vernon Subutex kniet auf einer Pappe und rezitiert, die Stimme nur noch eine brüchige Schwundstufe des anfangs volltönenden Organs, das Ende des ersten Bandes von Virginie Despentes’ Trilogie. Er sei eine „junge Geigenvirtuosin“, ein „von der Vorstellung seiner Entjungferung besessener Teenager“, eine „arrogante, überempfindliche Nutte“, „die Kuh im Schlachthof“, ein „Kind, das in seinem Kinderwagen schreit“, „die Hündin, die an ihrer Leine zerrt, die Gefängniswärterin, die die Gefangenen um ihre Sorglosigkeit beneidet, der verlassene Bräutigam, der die Fotos seines früheren Lebens vorbeiziehen sieht, ich bin ein Penner auf einer Bank hoch oben auf einem Hügel, in Paris.“

Eine Landkarte der französischen Gesellschaft

Ich bin viele: Diese Schlusspassage ist auch deshalb so eindringlich, weil sie das Bauprinzip des gesamten Romans in den Blick nimmt und auf diese Weise reflexiv wird. Denn „Das Leben des Vernon Subutex“ ist ein riesiges Tableau von Figuren, das in seiner Gesamtheit, von der orthodoxen Muslima über Transpersonen bis hin zum koksenden Zyniker, ein Panorama der französischen Gesellschaft ergibt. Und im Zentrum steht der Plattenhändler Subutex. Solange die Menschen noch analoge Tonträger brauchen, sieht er sich als strahlenden Helden, dem die Frauen zu Füßen liegen. Aber die Digitalisierung raubt ihm sein Geschäftsmodell, seine Nemesis heißt Napster. Einige Zeit noch kann er sich an sein altes Leben klammern, indem er seine Sammlungsstücke verkauft, dann verliert er die Wohnung, quartiert sich bei Freunden ein und landet schließlich auf der Straße.

Nach seiner Didier-Eribon-Adaption „Rückkehr nach Reims“ und der Bühnenfassung von Édouard Louis’ Roman „Im Herzen der Gewalt“ eröffnet Thomas Ostermeier die Schaubühne nach vielen Monaten des Lockdowns mit einer weiteren Verneigung vor der soziologisch so hochdifferenzierten französischen Gegenwartsliteratur. Und gerade beim „Subutex“ stellt sich die Frage, wie man das eigentlich vom einen Medium ins andere überträgt, denn Despentes’ Roman findet seine Intensität nicht im Dialog, sondern in der personalen Erzählhaltung, im Blick ins Innere seiner Figuren. So wird eine Inszenierung, will sie einigermaßen werktreu sein, fast notgedrungen bei der Rezitation landen, beim Monolog wechselnder Charaktere. Kann sie dann mehr sein als eine ausdekorierte Lesung?

Mit fettigem Haar in der versifften Wohnung

Sie kann, das zeigt sich an diesem sehenswerten Abend, jedenfalls über weite Strecken. Und das liegt vor allem am wunderbaren Joachim Meyerhoff, an seiner kraftvollen, melodisch subtil vom norddeutschen Sprachrand erzählenden Stimme. Schon in Jan Bosses fantastischer Inszenierung von Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ hat er sich 2017 als monologischer Großmeister empfohlen, er tut es auch hier.

Donnerstag

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Zu Beginn sehen wir ihn mit schulterlangem, fettigem Haar in seiner Matratzengruft, er sortiert die letzten seiner Schallplatten wie Fossilien eines glänzenden Zeitalters. Nina Wetzel hat Paris als ein mit vielen Bildschirmen ausgestattetes Gerüst auf die Drehbühne gestellt, auf den Monitoren sehen wir im raschen Wechsel flackernde Szenen aus Frankreich, Blade AliMBaye als Alexandre Bleach oder auch den morbiden Tanz von Zeichentrickskeletten (Video: Sébastien Dupouey). Über allem schwebt ein riesiger Neonrevolver. Die Bühne kann sich schnell vom versifften Wohnklo in ein Restaurant und vom Restaurant in einen Dämmerschuppen verwandeln, in dem das Bandtrio lautstarken Rock von den Dead Kennedys bis hin zu Portishead intoniert - wer darum bittet und Tinnitus fürchtet, bekommt am Eingang zum Theatersaal vom Personal Ohrenstöpsel überreicht.

Wie betäubt sieht Vernon Subutex seinem Niedergang zu: „Das Leben ist oft ein Spiel in zwei Sätzen“, heißt es im Roman: „Im ersten schläfert es dich ein und lässt dich glauben, dass du führst, und im zweiten, wenn du entspannt und wehrlos bist, serviert es dir seine Schmetterbälle und macht dich alle.“ Mit Faszination an der eigenen Verwahrlosung erzählt Meyerhoffs Subutex von den chinesischen Trockensuppen, von denen er sich neuerdings ausschließlich ernährt. Er ist der larmoyante, zynische, alte weiße Mann, der den Verlust eigener Privilegien durch Nichtbeachtung bestrafen zu können meint und ihn so beschleunigt.

Die Scham über die eigene Mutter

Und so sind es weniger die beklagten Schmetterbälle, die wir hier zu sehen bekommen. Eher ist es ein Erdbeben in Zeitlupe, das beunruhigend viel mit unserer Gegenwart zu tun hat. Auf Subutex’ Reise in den Abgrund begleiten ihn Bastian Reiber als kokainsüchtiger Spekulant Kiko, der seine Eure-Armut-kotzt-mich-an-Attitüde in einer herrlich komischen Suada zur Schau stellt. Oder Emilie (Julia Schubert), die ihr Partyleben aufgegeben und sich in einer Angestelltenexistenz eingerichtet hat. Oder, eine der stärksten Nebenrollen, Hêvîn Tekin als Muslima Aïcha, die traumatisiert von ihrer Mutter erzählt, einer verstorbenen Pornodarstellerin. Die kluge Gegenwartsdiagnostik aus Despentes’ Roman wird hier oft überzeugend spürbar, auch wenn sich der Abend im letzten Drittel in die Länge zu ziehen beginnt und seine Botschaft vom brüchigen Boden, auf dem wir alle stehen, nur noch variieren kann.

Schaubühne am Lehniner Platz, Charlottenburg. Wieder am 9.6.