Eigentlich sollte der Schwangerschaftsabbruch keine große Sache sein. Doch danach verliert Henriette den Halt. Sie war ohnehin noch nie jemand, der mit durchdachten Entscheidungen gepunktet hat. Oder gar einem strukturierten Lebenswandel. Doch jetzt steckt sie in einer Depression fest. Trauert um das Ungeborene, das ihrem Sein für ein paar Tage einen Sinn gegeben hat. Henriette schafft es kaum aus dem Bett und durch den Tag. Ihre beste Freundin Paula hat ihr deshalb eine gemeinsame Auszeit im Bayrischen Wald verordnet. Fernab der Zivilisation in einer einsamen Ferienhütte. Henriette lässt sich zögernd darauf ein. Bis der Selbstfindungstrip total aus dem Ruder läuft. Urbane Thirtysomethings aus dem Szene-Kiez Neukölln in der Wildnis. Das kann natürlich nur schief gehen.

Donnerstag

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Kammerspielartig erzählt Hannah Lühmann in ihrem Romandebüt „Auszeit“ von einer Frauenfreundschaft. Und vom biografischen Auf-der-Stelle- treten. Lühmann, Jahrgang 1987, ist stellvertretende Ressortleiterin im Feuilleton der „Welt“. Mit ihrem Buch zeichnet die Journalistin ein Porträt ihrer Generation, der um die Dreißigjährigen. Sie wurden in eine Wohlstandsgesellschaft hineingeboren. Mit allen Möglichkeiten, sich persönlich und beruflich zu entfalten. Doch vielen gelingt es einfach nicht. Manche, wie Henriette, entziehen sich dem Zwang, ab einem bestimmten Alter einen zielführenden Lebensplan zu haben, an den sie sich bis zur Rente halten. Henriette ist einen anderen Weg gegangen. Was eher aus Versehen geschehen ist. Weil sie einfach gern viel zu lang an Gewohnheiten festhält. Vor allem an den schlechten.

Beiläufiger Sex mit einem verheirateten Mann

Mittlerweile fühlt sich Henriette jedoch deplatziert in ihrem Leben. Sie reibt sich regelrecht am Ungenügen der eigenen Existenz. Ihre letzten Monate haben wie ein Katalysator gewirkt. Erst kam die Freiwilligenarbeit, um ihr Doktoranden-Stipendium bei einer Stiftung verlängern zu können. Dann der beiläufige Sex mit ihrem verheirateten Chef Tobias, der die Schwangerschaft nach sich zog. Henriette ist irgendwie hängen geblieben im Leben zwischen Studium und Beruf. Hat sich nie ganz aus der studentischen Komfortzone herausgewagt, die längst nicht mehr zu ihr passt. Was sie spürt und weiß. Sie sucht etwas Substanzielles für sich. Doch stattdessen folgt ihrem Endlos-Studium nun noch die Endlos-Dissertation mit dem Thema „Werwölfe“. Die sind Opfer ihres Daseins und Täter zugleich. Genauso wie Henriette bei ihrer Abtreibung.

Ihr Gegenentwurf ist Paula. Eine Macherin. Leicht esoterisch angehaucht, will sie mit Yoga und Reiki Henriette wieder in die Spur bringen. Im ersten Moment wirkt Paula zupackend, pragmatisch. Wie jemand, der nichts zerdenkt und immer bei sich ist. Doch beim näherem Hinsehen bekommt das Bild der spirituellen, dauerfröhlichen Freundin Risse. Während Henriette glaubt, bei Paula füge sich alles mit Leichtigkeit zu einem wohligen Ganzen, führt die ungewollt eine On-Off-Beziehung mit dem Kinderarzt Tom. Als er im Natur-Idyll auftaucht, gerät die sorgsam austarierte Freundschaft zwischen den Frauen aus der Balance. Zunächst gibt es unterschwellige Spannungen. Dann entwickelt die Situation zu dritt eine folgenschwere Dynamik.

Hannah Lühmann: Auszeit. Hanserblau, 147 Seiten, 19 Euro..
Hannah Lühmann: Auszeit. Hanserblau, 147 Seiten, 19 Euro.. © Unbekannt | Hanser

Ich-Erzählerin Henriette hält mit einem fast durchgängigen inneren Monolog, der nur von wenigen kurzen Dialogen unterbrochen wird, die Spannung aufrecht. Sie erzählt ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen, Vergangenheit und Gegenwart, die sie letztlich zusammenführt. Sie schildert das Kennenlernen von Tobias ebenso wie die Freundschaft mit Paula seit Kindheitstagen. Bis zu dem Moment, in dem sie in ihrem Gefühlschaos nach der Abtreibung fast untergeht.

Inmitten von Henriettes atemlosen Assoziationsketten hat man das Gefühl, ihr beim Ordnen der Gedanken zuzuschauen. Was ihr sogar recht gut gelingt, wenn sie ihre vermeintlich permanent falschen Entscheidungen reflektiert. Nur zieht sie lange nicht die richtigen Schlüsse daraus. Kommt nicht zur gleichen Erkenntnis wie Paula: Dass sie sich quält. Mit wahllosem Sex, dem nicht selten Ekel folgt. Den sie wider besseren Wissens geschehen lässt, weil sie nicht „Nein“ zu ihrer Begierde sagen kann. Oder mit der Abtreibung. Dabei hat sie sich anfangs wohl gefühlt mit der Schwangerschaft. Und mit ihrer Doktorarbeit, die sie tief in ihrem Innersten komplett sinnlos findet. Wen scheren im wahren Leben schon Werwölfe?

Henriettes Sehnsucht und Suche nach einem Leben mit Sinn wird empfindlich gestört durch Tom. Nicht nur, weil er plötzlich Paulas Objekt der Begierde ist und sie nun nicht mehr im Mittelpunkt steht. Sondern auch, weil Henriette durch ihn in alte Rollenmuster zurückfällt. Etwas macht, was sie eigentlich gar nicht will. Diesmal mit weitreichenden Folgen.

Der Roman zeigt, wie schwer es sein kann, aus einem Trauma wieder ins Leben zurückzufinden. Und, dass es gar nicht so einfach ist, sich tatsächlich zu ändern. Mit präziser Beobachtungsgabe verleiht Hannah Lühmann ihren Charakteren dabei ein abgrundtiefes Innenleben. Dadurch wirken die Figuren nicht immer sympathisch, aber sehr authentisch. Ein schnörkelloser, atmosphärisch dichter Roman, dem man sogar sein recht banales Ende verzeiht.