Kein Donnerstag ohne erbauliche Lektüre auf der Parkbank am Ententeich. Seit 27 Jahren für Josef ein liebgewonnenes Ritual. Weil er Hüfte hat und deshalb zum Yoga geht, muss er nun auf den Mittwoch ausweichen. Doch da ist seine Parkbank schon anderweitig belegt. Gärtner Horst gönnt sich hier immer eine Mittagspause. Aber die Stille ist nicht seins. Daher hat er stets sein Radio dabei. Daraus dröhnen nicht nur poppige Schlager. Dieter Hallervorden höchstselbst veralbert nervige Werbe-Jingle. Dafür hat Josef kein Ohr. Er verlangt seine Ruhe. Die ist jedoch nur von kurzer Dauer. Denn mittwochs wird die Bank von Elisabeth belegt. Weil sie von dort aus das Café Kindermann im Blick hat. Ihr Treffpunkt für Rendezvous. Die potenziellen Kandidaten späht die verwitwete Lady vorab mit einem Opernglas aus. Aufgeregt und angestrengt munter, geht sie Josef von der ersten Minute an auf den Wecker. Verbale Scharmützel inklusive. Bye, bye Idylle! Doch obwohl die beiden zanken wie die Kesselflicker, liegt im entlegenen Parkwinkel ein Happy End in der Luft.
Zwei Elfenherrscher, die sich nicht finden wollen
Der Neustart im Schlosspark Theater steht nach sieben trübseligen Lockdown-Monaten mit der Premiere von „Winterrose“ ganz im Zeichen der Romantik. Die Komödie von Christa, Agilo und Michael Dangle setzt dabei auf die sich langsam entspinnende Liebe zwischen zwei Silver Agern jenseits der Siebzig. Angesichts der endlichen Lebenszeit blitzt da beinahe automatisch ein Hauch von Melancholie auf. Der Pas de deux auf der Parkbank ist aber auch urkomisch anzusehen. Inszeniert von Philip Tiedemann mit einem traumwandlerischen Gespür für menschliche Schwächen, Ängste und Schrullen.
Dass Josef (Jürgen Heinrich) zwei der Enten nach Shakespeares „Sommernachtstraum“ Titania und Oberon genannt hat, kommt nicht von ungefähr. Horst (Georgios Tsivanoglou) vergleicht ihn und Elisabeth (Dagmar Biener) mit den Elfenherrschern, die einfach nicht zueinander finden wollen. Und agiert dabei wie deren Hofnarr Puck. Ein herrlich trocken kommentierender Katalysator für die Streithähne, die noch nicht ahnen, dass sie füreinander geschaffen sind. Was für alle anderen ersichtlich ist. Kleiden sie doch stets farblich aufeinander abgestimmt. Am Anfang bei den zufälligen Treffen sind es nur die Accessoires wie die Blume im Knopfloch und ein Schal. Später, bei den absichtsvollen Begegnungen, sind es ganze Outfits.
Vor Hundebesitzern wird gewarnt
Der grantelnde Parkbank-Philosoph, der fröhliche Parkpfleger und die bissig dampfplaudernde Dating-Queen sind ein hinreißendes Trio. Erst unfreiwillig, dann gezielt lauscht Josef den deftigen Verissen von Elisabeth, die jedem Stelldichein prompt folgen. Da ist das Muttersöhnchen, das den Mami-Ersatz sucht. Oder der Blumen-Liebhaber, der eigentlich nur jemanden mit Gummistiefeln braucht. Vor Hundebesitzern warnt Elisabeth sogar ausdrücklich: „Es dauert nicht lange und er sagt zu dir: „Hol’s, bring’s. Sitz. Platz. Aus!“ Dann aber findet sie einen Mann, der zu ihr passt. Und Josef erkennt, dass er eine Chance verpasst hat. Ob unwiderruflich, wird sich noch zeigen.
Eine wunderschöne, zu Herzen gehende und grandios gespielte Komödie mit Tiefgang. Balsam fürs Gemüt nach der langen Theater-Auszeit.
Schlosspark Theater, Schloßstr. 48, Steglitz, Tel. 78 95 66 71 00, 8.-12.6. 15.-19.6. um 20 Uhr, 13. 20.6. um 18 Uhr, Corona-Hinweise zum Besuch unter www.schlossparktheater.de


