Das mache der Brecht mit einem, sagt Christina Tscharyiski im Gespräch. Aber die österreichische Regisseurin gehört sowieso zu jenen, die genau wissen, was sie nicht wollen und klare, auch politische Ansagen machen können. Am Berliner Ensemble probt sie Bertolt Brechts Lehrstück „Die Mutter“, das am Sonnabend Premiere im Neuen Haus hat. „Es ist eine Geschichte der Selbstermächtigung“, erklärt Christina Tscharyiski. „Der Lehrer im Stück sagt, dass das Wissen nie größer und die Technologie nie weiter war als heute. Und die Verwirrung sei größer als jemals zuvor.“ Das könne man auf unsere heutige Zeit übertragen. „Wir leben in einer Informationsgesellschaft und werden mit Informationen überschüttet. Gleichzeitig empfindet der Einzelne trotz demokratischer Wahlen eine Ohnmacht, weil er bei den großen Themen wie Umwelt, soziale Gerechtigkeit oder Afghanistan nichts verändern kann. Bei mir in Österreich sind die Grünen mit in der Regierung, und trotzdem gibt es eine große Enttäuschung.“

Donnerstag
Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
In dem 1932 im Komödienhaus am Schiffbauerdamm uraufgeführten Theaterstück geht es um die Revolutionärin Pelagea Wlassowa aus Twer. Brecht hatte auf einen Roman Gorkis zurückgegriffen. „Es ist die Geschichte einer Frau, die sich selber als Witwe eines Arbeiters und Mutter eines Arbeiters bezeichnet. Sie hat also keine eigene Identität, sondern definiert sich über die Beziehung zu den Männern ihrer Familie“, sagt Christina Tscharyiski: „Dadurch, dass sie sich bildet, lesen lernt, und durch ihre Beziehung zu dem Lehrer erlangt sie Einsicht. Im Zusammenschluss mit Leuten findet sie zu ihrer Macht. Sie erkennt, dass man als Einzelner das System verändern kann.“ Dann folgt eine Ansage der Regisseurin. „Wir müssen erkennen, dass das Einzelkämpfertum, das wir uns im Neoliberalismus angewöhnt haben, die Gesellschaft nicht weiterbringt. Wir leben jetzt in einem digitalen Kapitalismus.“
Früher gab es stolze Arbeiter, heute sind viele unsichtbar
Aber Brechts Lehrstück, das aufklären und aufrütteln will, ins Heute zu übersetzen, ist nicht ganz leicht. Das Publikum ist ein anderes. „Wir haben uns gefragt, wer die Arbeiter heute sind?“, sagt Christina Tscharyiski. Die Inszenierung nutzt deshalb Fremdtexte, soziologische Artikel, die sich mit dem Prekariat heute und der Kulturszene befassen. „Wir fragen, wie sich Berufe durch die Digitalisierung verändert haben. Früher gab es stolze Arbeiter, heute hat man das Gefühl, das viele, die in den Zwischenberufen leben, in der Gesellschaft unsichtbar geworden sind.“
Die Regisseurin hat auch ihre Botschaft: „Wenn zu lange Politik an den Menschen vorbei gemacht wird, haben viele das Gefühl, dass ihre Sorgen rund um die Grundbedürfnisse gar nicht gehört werden. Dann kommt es zu Formen der Radikalisierung, was eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt.“
Immer wieder geht es um feministische Themen
Christina Tscharyiski ist 1988 in Wien als Tochter eines Theaterfotografen geboren worden. In Wien gehöre die Teilhabe am Theaterleben mehr zur Identität als anderswo, sagt sie. Sie studierte unter anderem Soziologie und absolvierte Regieassistenzen in Theater und Oper. Seit 2013 ist sie mit Erfolg als Regisseurin unterwegs, am Berliner Ensemble hat sie bereits Elfriede Jelineks „Schwarzwasser“ inszeniert. Immer wieder geht es bei der Theatermacherin um feministische Themen.
Sie sei selbst eine Mutter, sagt Christina Tscharyiski zwischendurch, und wir sprechen über ihren fast vierjährigen Sohn. Für Brechts Frauenbild, das in seiner Biografie zweifellos komplizierter ist als in seinem Lehrstück, findet die Regisseurin überraschend lobende Worte. „Das Besondere ist, dass die Radikalität an eine Frau gebunden ist. Die Mutter ist eine Identifikationsfigur, an die man sich als Zuschauer anbindet. Sie macht über Jahre hinweg eine irrsinnige Reise.“ Alle anderen Figuren im Stück seien eher Zuspielerrollen, die im Brechtschen Sinne Behauptungen aufstellen. Die Regisseurin arbeitet gern in reinen Frauenteams. „Es sind Arbeitsbeziehungen, die sich in den letzten Jahren gefunden haben. Außerdem bin ich der Meinung, dass immer noch zu wenig Frauen am Theater arbeiten. Ich habe eine Möglichkeit, tollen Künstlerinnen Jobs zu verschaffen.“
Frauen verändern auch die Themen an den Theatern
Die Themen am Theater werden sich verändern, glaubt sie, desto mehr Frauen mitentscheiden. „In meiner Zeit als Regieassistentin hat man in den Ensembles immer Männer zwischen 40 und 60 gesucht, denn in den Stücken spielten sie meist die Hauptrollen. Das waren deren Geschichten. Bei den Frauen ab 40 sagte man hingegen, es sei schwierig, Rollen für sie zu finden.“ Das habe sich total verändert. „Man merkt, dass mehr Autorinnen aufgeführt werden und immer mehr Frauen inszenieren und zu den Leitungsteams an den Theatern gehören.“
Während der Pandemie, sagt Christina Tscharyiski, sei es ein großes Thema an den Theatern gewesen, ob man zur Unterhaltung oder zur Bildung gehöre? „Ich werde immer sagen, wir gehören zur Bildung“, betont sie. Das scheint für sie nicht verhandelbar zu sein.




