Für ein Jugendorchester der Klassik-Welthauptstadt Wien ist die „Symphonie classique“ von Sergej Prokofjew ein angemessener Einstieg. Und das auch dann, wenn dem Publikum im Konzerthaus am Gendarmenmarkt hier eher ein idealisierendes und standardisierendes Abbild von „Klassik“ zu Ohren kommt als ein individuell künstlerisch empfundener Musikstil. Das Jugendorchester-Festival Young Euro Classic kann nun mit dem Wiener Jeunesse Orchester unter Leitung seines Chefdirigenten Herbert Böck aufwarten – und so mit einem ausgewachsenen sinfonischen Klangkörper, nachdem einige andere Jugendorchester nicht anreisen konnten und kurzfristig durch Berliner Kammerensembles ersetzt werden mussten.
Das Klassikleben nach Corona sortiert sich neu
Der Abend am Donnerstag ist definitiv zu lang. Das Klassikleben nach Corona sortiert sich neu: Es gibt viele Experimente mit Programmen, die aufgrund der Hygienebestimmungen ohne Pause stattfinden müssen. Da ist es eindeutig eine Fehleinschätzung des Dirigenten Böck, dass man die fehlende Pause einfach noch mit ein bisschen mehr Musik zuschüttet und fast zwei Stunden am Stück spielt – ohne Rücksicht auf die Aufnahmefähigkeit des Publikums. Diese richtig einzuschätzen, wird eine der großen Herausforderungen für Kulturveranstalter der nahen Zukunft.
Weshalb etwa spielt man nach der tragisch umflorten „Unvollendeten“, der vorletzten Sinfonie des Wieners Franz Schubert, noch eine irre laute, skurrile Show-Musik wie Prokofjews Orchestersuite aus der Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“? Vermutlich, weil man der Wirkung der eigenen Kunst fremd gegenübersteht. Schubert, das sollten Wiener wissen, verfehlt seine Wirkung selten – auch wenn die interpretatorische Bilanz des Jugendorchesters unter Böck durchwachsen ist.
Geradlinigeres Programm wäre wünschenswert
Dabei könnte das Berliner Publikum so viel mehr von dem seidenmatten Wiener Streicherklang wahrnehmen, der hier vom österreichischen Nachwuchs präsentiert wird – eigentlich nämlich hätte, besser geprobt, die „Unvollendete“ der wahre Exportschlager dieses klangbewussten Jugendorchesters werden können. Das merkwürdig konfuse Violinkonzert des österreichischen Alt-Komponisten Kurt Schwertsik ist es sicherlich nicht. Spanisches Flair soll durch angedeutete Folklore-Motive und einige schrille Orchestereffekte aufkommen – in einem ansonsten intransparenten Satz, dem weder Dirigent Böck noch Geigensolist Daniel Auner Schwerpunkte und „Hinhörer“ entlocken können.

Donnerstag
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Man hätte dem hochmotivierten und spielerisch sicherlich formidablen Wiener Jeunesse Orchester ein geradlinigeres Programm gewünscht – die Bedürfnisse des Publikums sind oft auch die der Künstler.




