„Ein Fest für Beethoven“ hat Georg Quander sein Sommerfestival mit Oper, Sinfoniekonzerten und Liederabenden überschrieben. Der frühere Staatsopern-Intendant inszeniert bei der Kammeroper Schloss Rheinsberg diesmal selbst: Beethovens einzige Oper „Fidelio“ hat am 4. August Premiere. Darüber hinaus hat der 70-jährige Festivalchef genügend Probleme mit der Pandemie, allein schon was die Anreise der jungen Sänger aus verschiedenen Ländern betrifft.
Herr Quander, die Kammeroper lebt von den jungen Sängern. Wie läuft es bislang?
Georg Quander Wir haben in diesem Jahr wieder ein wunderbar gemischtes internationales Ensemble. Sänger aus Großbritannien konnten zeitweilig nicht kommen, weil ihr Land als Virusvariantengebiet eingestuft war. Sie mussten wir ersetzen. Dann hatten wir ein Problem mit der Einreise unserer russischen Sänger. Eine Woche später war dort alles wieder anders. Ein Teil kam nachgereist und musste in Quarantäne. Sie haben sich im Gästehaus in ihre Zimmer eingeschlossen, bekamen ihr Essen vor die Tür gestellt. Nach Freitestung dürfen sie jetzt auch mitmachen.
Die Sommerfestivals gehen bei ihren Neustarts überall verschieden mit den Auflagen um. Was gilt in Ihren Spielstätten?
Wir nehmen mit, was wir dürfen. Aber wir müssen einen Meter Abstand halten zwischen den Gästen. Das bedeutet, maximal die Hälfte der Kapazität ist möglich. Die Konzerte, die im historischen Spiegelsaal stattfinden sollten, haben wir in den Schlosshof verlegt. Dort stehen uns 250 bis 260 Plätze zur Verfügung. Ähnlich viele sind es beim „Fidelio“, der auf der Bühne am Kavalierhaus stattfindet. Die drei Kurzopern von Darius Milhaud werden von unserer neuen Bundesakademie für junges Musiktheater am 31. Juli im Schlosstheater aufgeführt. Dort sind maximal 170 Gäste zugelassen.
Das Heckentheater bespielen Sie nicht?
Nein. Fürs Heckentheater hatten wir unsere erste Opernproduktion „Fra Diavolo“ vorgesehen, aber die erste Hälfte unsere Sommerprogramms hatten wir abgesagt. Keiner konnte vorhersehen, dass die Inzidenzen so schnell sinken würden. Es ist insgesamt ein unerfreulicher Zustand. Man weiß nie, wo das Virus zuschlägt.

Ist das Publikum zurückgekommen? Und wer findet sich gerade in Rheinsberg ein?
Das Publikum kommt zurück. Wir sind fast immer ausverkauft, allerdings bei dem begrenzten Platzangebot. Es ist ein treues Publikum, das sich gern begeistern lässt. Im Moment ist es vorwiegend ein älteres Publikum. Das wird sich bei den Opernaufführungen ein wenig ändern. Und natürlich bei unserem Jungen Musiktheater. Das wird von ganz jungen Leuten gemacht, und die ziehen immer auch ein jüngeres Publikum an.
Sie inszenieren gerade Beethovens „Fidelio“. Stardirigent Daniel Barenboim, dessen Intendant Sie von 1991 bis 2002 an der Staatsoper Unter den Linden waren, sagte einmal, dass „Fidelio“ in Deutschland falsch verstanden werde. Es ist kein politisches Stück, sondern handelt von einer unglaublich mutigen Frau, die alles tut, um ihren ihren Mann aus dem Kerker zu holen.
Das stimmt vor allem für die frühe Fassung von 1805, die wir in Rheinsberg spielen. Bei der 1814er-Fassung ist es etwas anders. Die frühe Fassung basiert auf dem französischen Libretto von Jean Nicolas Bouilly, der ein Politiker der Französischen Revolution war. Sein Textbuch greift eine wahre Geschichte aus den Revolutionswirren auf. Es geht um die Frau, die ins Gefängnis geht, um ihren Mann zu befreien. Das wird in der frühen Fassung sehr realistisch durchgehalten. In der späten Fassung ändert sich das, weil der Freiheits- und Erlösungsbegriff ein anderer wird. Es ist mehr ein utopischer Ansatz.
Nennen Sie ein Beispiel.
Nehmen wir die Goldarie des Kerkermeisters Rocco. Die zweite Strophe ist in der Frühfassung noch eine Anklage. Es wird davon gesungen, dass sich die Reichen mit dem Gold alles kaufen, ihre Schweinereien zudecken und sich dafür schämen sollten. Der Rocco hat in der Frühfassung ein schärferes Profil. In der Spätfassung ist die Arie geglättet.
Rückblickend erscheint uns die Klassik eher wie eine Schublade. Aber genau genommen waren es bewegte Zeiten mit ständigen Veränderungen.
Zwischen 1805 und 1814 hat sich die Welt in Mitteleuropa total verändert. 1805 herrschte bei fortschrittlich denkenden Menschen wie Beethoven noch die Hoffnung, dass mit Napoleon die positiven Gedanken der Revolution in ganz Europa verbreitet werden. 1814 sind wir nach Jena und Austerlitz, nach der Völkerschlacht bei Leipzig und dem furchtbaren Russlandfeldzug mit Hunderttausenden Toten. Napoleon galt vielen nur noch als böser Usurpator. Der Wiener Kongress bringt die Restauration. Bei Beethoven spielt in der späten Fassung der König plötzlich eine größere Rolle. Rocco lässt die Gefangenen unerlaubterweise in den Hof, was in der frühen Fassung noch ein ganz normaler Hofgang ist. Begründet wird der Hofgang mit dem Namenstag des Königs.
Was ist Ihre Regieidee?
Mir ist es wichtig, dass es sich beim „Fidelio“ um eine realistische Geschichte handelt. Wir spielen die ganzen Szenen richtig aus. Beethoven hat alles auf den Punkt komponiert. Es wird immer gern behauptet, er hatte von Oper keine Ahnung und die Stimmen falsch gesetzt. Das stimmt alles nicht.
Warum inszenieren Sie Ihren „Fidelio“ auf der Open-Air-Bühne vorm Kavalierhaus?
Die Bühne wurde in diesem Jahr völlig neu gestaltet. Die Tribüne ist höher und wir haben einen richtigen Orchestergraben. Das Spiel findet um das Orchester herum statt. Es eine eher moderne Bühne, die wie aus Betonklötzen besteht. Die Idee ist, dass das Publikum von oben in das Gefängnis hinein schaut. Es ist ein Labyrinth der Gänge, und es gibt verschiedene Schauplätze. In der Kostümierung gehen wir in die Zeit von Beethoven zurück. Bei den Kostümen orientieren wir uns an Francisco de Goya.
Ihre erste Kammeroper leiteten Sie 2019, dann kam die Pandemie dazwischen. Die Ausläufer beherrschen auch diesen Festivalsommer. Werden Sie weiter machen?
Ich mache weiter, mein Vertrag geht sowieso bis 2023. Ich habe bereits feste Planungen für die kommenden Jahre. Ich hoffe, dass sich die Verhältnisse normalisieren und man nicht ständig alles umwerfen muss.
Das Wetter ist vergleichsweise gut für Open-Air. Gibt es noch die Siegfried-Matthus-Halle als Ausweichspielstätte bei Regen?
Die Siegfried-Matthus-Halle gibt es, aber es ist uns in 16 Monaten Verhandlung mit dem Hotel nicht gelungen, sie zu bekommen. Es ist ein schwierigen Management dort. Das Maritim ist hier ja praktisch Pleite gegangen. Das Objekt wurde von einer anderen Kette übernommen. Mit der werden wir das Gespräch wieder aufnehmen. Im Moment überlegen wir, bei Regen im Schlosstheater eine halbszenische Variante mit Klavier anzubieten, da stehen allerdings viel weniger Plätze zur Verfügung.
Für Berliner stellt sich immer die Frage: Wie komme ich nach Rheinsberg und vor allem spätabends wieder zurück?
Die Niederbarnimer Eisenbahn ist bereit, jeweils eine halbe Stunde nach Vorstellungsende einen Sonderzug nach Berlin einzusetzen. An wenigen anderen Tagen bieten wir einen Busshuttle an.


