Er bekomme Gänsehaut, sagt Berndt Schmidt, wenn er an den Abend denke. Der Friedrichstadt-Palast hat nach Monaten der Schließung und der vorgezogenen Sanierung das Haus wieder fürs Publikum geöffnet. Auf der großen Bühne fand am Sonnabend die erste Vorführung zur Revue „Arise“ statt, deren offizielle Premiere am 22. September stattfinden soll. Der Intendant spricht über die öffentliche Inbetriebnahme seines Hauses.
Herr Schmidt, wie ist Ihre Bilanz nach dem ersten Probelauf?
Berndt Schmidt Ich weiß gar nicht, ob es das jemals gab, aber wir hatten Standing Ovations vor der Vorstellung und danach. Ich hatte mich vor der Vorstellung ans Publikum gewandt und auf den doppelt historischen Tag hingewiesen. Nach 516 Tagen Dunkelheit und Schließzeit konnten wieder Gäste ins Haus kommen. Der zweite historische Moment ist, dass „Arise“, unser neues work in progress, zum ersten Mal zu sehen war. Wir seien wieder da, sagte ich. Daraufhin stand das Publikum auf. Es war unheimlich berührend. Eine Theaterveranstaltung ist immer eine Interaktion zwischen dem, was auf der Bühne passiert, und dem Publikum im Saal. Das wird oft genug gesagt, manchmal dahingeplappert. Aber es ist wahr. Das haben wir jetzt in der Zeit der digitalen Übertragungen erfahren, der Live-Moment ist durch nichts zu ersetzen.
Was sind es für Dinge, die Sie in den nächsten Wochen verändern oder nachjustieren müssen?
Wenn wir Fachleute bei den Proben im Saal sitzen, dann klatschen wir ab und an, damit die Künstler und Künstlerinnen wissen, hier wäre jetzt ein Klatschmoment. Aber es ist etwas anderes, wenn das Publikum drin sitzt, berührt oder auch nicht berührt wird. Beim Applaus des Publikums stehen die Künstler mit einer ganz anderen Spannung auf der Bühne. Wir schauen jetzt, wie die Interaktionen funktionieren. Lachen die Leute an Stellen, von denen wir glauben, dass sie traurig sein müssten. Oder umgekehrt. Dann müssen wir noch einmal rangehen. Die Beleuchtung muss richtig gesetzt werden, es geht um Textverständlichkeiten über die Mikros. Wir müssen uns fragen, ob die Geschichte dem Zuschauer verständlich wird. Wir sind ja kein Musical, sondern erzählen vieles mehr bildlich.
Von „Arise“ ist bislang bekannt, dass es um einen Fotografen und dessen Muse geht. Und dass Tom Neuwirth, den viele als Conchita Wurst kennen, an zwei Liedern mitgearbeitet hat. Vielleicht ist die Zeit reif für ein bisschen mehr Werbung.
Conchita Wurst hat zwei Songs geschrieben, die ich toll finde. In der Geschichte geht es um Zeit, um Charaktere, um Licht. Es geht um einen Fotografen, der in ein tiefes Loch fällt und sich da wieder rausholt – daher der Titel „Arise“. Aber es ist kein Sprechstück, in dem Informationen transportiert werden. Man muss sich einiges zusammenreimen. Die Revue ist ein Riesenuhrwerk mit ganz vielen technischen Verwandlungen. Wir sind jetzt in einem Prozess, der noch Zeit braucht. Weshalb wir die Premiere auch später angesetzt haben.

Was glauben Sie nach der ersten Publikumsaufführung, wie viel Prozent der Show wird noch umgearbeitet?
Wir haben jetzt eine Liste, da stehen sicherlich hundert Sachen drauf. Es geht um Textverständlichkeit, um Licht, auch um Kürzungen. Trotzdem hat die Show am Sonnabend sehr gut funktioniert. Das Publikum war begeistert. Es geht wirklich nur um Feinschliff.
Wie viele ihrer Mitarbeiter, die ja auch lange in Kurzarbeit waren, sind an der neuen Show beteiligt? Und da es sich um ein internationales Team handelt: Gibt es Probleme mit den Reisebeschränkungen?
Viele unserer Mitarbeiter waren bis August vergangenen Jahres in Kurzarbeit. Ab September hatten wir die Lüftungssanierung. Während der Baumaßnahme hätte der Palast ohnehin nicht spielen können. Deshalb konnten wir kein Kurzarbeitergeld beantragen, weil es das nur für unberechenbare oder unbeeinflussbare Situationen in Unternehmen gibt. Ab September waren unsere Leute wieder im Haus und haben ihr volles Gehalt bekommen, selbst wenn einige noch nicht ausgelastet waren. Aber dass wir jetzt die Produktion mit 180 Beteiligten auf und hinter der Bühne zeigen können, das ist schon ein mittleres Theaterwunder. In der Pandemie gibt es jede Menge Komplikationen. Die Cast muss regelmäßig PCR-getestet werden. Alle tragen Masken. Artistinnen aus Brasilien haben wir monatelang nicht nach Deutschland bekommen. Häfen in Indien oder in China, wo Stoffe für unsere Kostüme lagerten, standen unter Quarantäne.
Revuetheater leben überall auch vom Tourismus. Worauf setzen Sie für den Neustart des Friedrichstadt-Palastes?
Wir können unter den jetzigen Rahmenbedingungen des Senats etwa die Hälfte der Plätze besetzen. Es sind 959 von 1900 Plätzen besetzt. Es gibt eine 2000er-Grenze für Veranstaltungen in Innenräumen. Dann gäbe es allerdings eine Maskenpflicht. Wir haben uns für das Restaurantmodell entschieden: Wenn die Leute in Bewegung sind, müssen sie zumindest eine medizinische Maske tragen. Am Platz können sie die Maske abnehmen. Was den Tourismus betrifft: Berlin ist zur Zeit mit Direktflügen nur schwer zu erreichen. Die deutsche Hauptstadt ist so schwer zu erreichen wie ein Bauerndorf in Albanien. Etwa 40 Prozent unserer Gäste kommt von außerhalb Berlins. Wir haben noch eine schwierige Zeit vor uns.
Es bleibt ein Verlustgeschäft. Normalerweise müsste der Friedrichstadt-Palast als größte Bühne des Landes rund 80 Prozent des Budgets aus Eigenumsätzen erwirtschaften, der Rest sind öffentliche Zuwendungen. Bei anderen Staatstheatern ist das Verhältnis genau andersherum. Wie kommen Sie finanziell über die Runden?
Wir würden es zur Zeit nicht ohne Staatshilfen schaffen. Es gibt auch den Sonderfonds des Bundes für Kulturveranstaltungen, bei dem wir Mittel beantragt haben. Wenn ich die Hälfte der Plätze verkauft habe, wird die andere Hälfte finanziell draufgelegt. Das ist der Plan, bekommen haben wir noch nichts, aber wenn, dann hilft das natürlich.
Bei der Sanierung des alten Lüftungssystems kündigten Sie vor Monaten Experimente an. Der Luft sollten Ionen beigemischt werden, um schädliche Aerosole zu neutralisieren. Was ist daraus geworden?
Es gab viele Ideen, um Corona beizukommen. Die Ionentechnik klang erst einmal gut, aber wir sind davon abgekommen. In Holland wird das in OP-Räumen eingesetzt, um Krankenhauskeime zu verhindert. Aber für den großen Raum wurde davon abgeraten. Unsere moderne Lüftungsanlage ist als Frischluftanlage steuerbar. Bis zu acht Mal pro Stunde wird im Saal das komplette Luftvolumen mit Frischluft ausgetauscht. Das ist das Beste, was man im Moment machen kann.
Die nächste Voraufführung ist am Dienstag. Was muss bis dahin bereits korrigiert werden?
Sonntags darf man nicht proben, Montag ist der freie Tag der Cast. Wir werden aber technisch und soundtechnisch bereits einige Sachen ändern.
Wird die Premiere am 22. September wieder vor voll besetztem Haus stattfinden können?
Vor ein paar Wochen hatte ich die Hoffnung. Ich dachte, bis dahin steigt die Impfquote aufgrund des Impfangebots für alle. Ich hatte gehofft, dass bis dahin die meisten Beschränkungen gefallen sind. Es gibt Länder wie England, Dänemark oder die Schweiz, die das so handhaben. Die hierzulande herrschende politische Planlosigkeit und Kurzfristigkeit des Horizonts bereitet der Veranstaltungswirtschaft schon große Sorgen.


