Er posiert unter dem großen Bären auf dem Festivalplakat und dreht sich für die Fotografen geduldig in alle möglichen Verrenkungen. Dann nimmt er auch noch den kleinen Plüsch-Bär in den Arm, den es als Berlinale-Mitnimmsel zu kaufen gibt. Festivalchef Dieter Kosslick ist bester Laune. Oder stellt eine solche doch geflissentlich zur Schau. Das sollen diese Bilder vermitteln auf der schon rituellen Pressekonferenz neun Tage vor dem Start der 68. Berlinale am 15. Februar.

Donnerstag
Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Dass im November ein Offener Brief von deutschen Filmschaffenden über seine Nachfolge publik wurde und zu einem unsäglichen Kosslick-Bashing instrumentalisiert wurde – „für mich ist diese Sache durch“, sagt Kosslick fast trotzig. „Das ist Geschichte.“ Eine, die ihn gleichwohl auf der Berlinale verfolgen könnte. Denn überall wird man nun wohl schauen, wie glücklich er sein vorletztes Festival noch leitet.
Das Festival im Zeichen von #MeToo
Die Berlinale wird aber wohl noch von einer ganz anderen Debatte bestimmt werden. Die über #MeToo. Im Zuge der Anschuldigungen über sexuelle Übergriffe im Filmbusisness ist da von anderen Institutionen der Branche in Deutschland bislang nicht viel gekommen. Die Deutsche Filmakademie soll intern um eine einstimmige Haltung ringen. Aber eben nur intern, von einer Haltung ist bislang nichts nach außen gedrungen. Das ist ein bisschen traurig bei einem so großen Organ. Darum schauen jetzt alle auf die Berlinale, dem ersten großen Branchen-Treff seit Aufkommen der Debatte.
Dieter Kosslick hat schon im Interview mit der Berliner Morgenpost (Sonntagsausgabe) kundgetan, dass zu dem Thema viele Veranstaltungen geplant sind, die nicht alle vom Festival organisiert, aber nach Kräften unterstützt werden. Das wird am Dienstag nun vor der versammelten Presseschar wiederholt. Die Berlinale setze sich von je her für die sexuelle Selbstbestimmung und gegen jeglichen Missbrauch ein. Für Betroffene soll es unter dem Motto „Nein zu Diskriminierung“ sogar eine eigene Anlaufstelle geben. Gut möglich, dass die #MeToo-Debatte die eigentlichen Filme diesmal ein wenig überdeckt. Vor allem aber wird sie, und das ist dem Festivalchef vielleicht gar nicht so unwillkommen, die Diskussion um seine Person verdrängen.
Die Bären hat er fest im Griff: Dieter Kosslick,
dpa
Britta Pedersen
Auch quotentechnisch steht die Berlinale gut da. Von den 24 Wettbewerbsbeiträgen stammen immerhin vier von Filmemacherinnen, das sind beachtliche 16,7 Prozent. Rechnet man die Sektionen Panorama, Forum, Gerneration, Shorts und Perspektive Deutsches Kino dazu, kommt man gar auf 37,5 Prozent. Davon könnten sich andere Festivals eine Scheibe abschneiden.
Sonst gibt es eigentlich gar nicht so viel zu sagen auf der Pressekonferenz. Seit Monaten gibt die Berlinale ja gefühlt täglich drei Pressemitteilungen heraus. Alles Wichtige ist also schon gesagt. Ein paar Trümpfe zieht Kosslick aber doch noch aus dem Ärmel.
Da ist die Internationale Jury. Bislang war ja nur der Präsident, Tom Tykwer, bekannt. Jetzt darf er verraten, wer noch in der Jury sitzt: unter anderem der japanische Komponist Ryuichi Sakamoto und die französische Schauspielerin Cécile de France, die 2003 hier Shooting Star war und vergangenes Jahr im Eröffnungsfilm „Django“ mitspielte.
Hommage auf Willem Dafoe
Und die Hommage ist diesmal Willem Dafoe gewidmet. Ein echter Coup. Nachdem 2017 die dem großen Publikum doch eher unbekannte Kostümbildnerin Milena Canonero geehrt wurde, ist nun wieder ein echter Star dabei, der mit Filmen wie „Plattoon“ oder „Mississipi Burning“ schon mehrfach auf der Berlinale war, 2007 sogar in der Internationalen Jury saß und aktuell für einen Oscar nominiert ist.
Überhaupt die Stars. Das ist ja, bei allen aktuellen Debatten, immer wieder die Gretchenfrage aller Festivals: Wie viel Glamour können sie auf den roten Teppich ziehen? Seit die Oscar-Vergabe vorgezogen wurde, wird es für die Berlinale immer schwieriger, A-Prominenz aus Hollywood ins kalte Berlin zu locken. Das Problem hat sich dieses Jahr, in dem die Oscars schon eine Woche nach der Berlinale verliehen werden, noch verschärft. Kosslick verbreitet dennoch Optimismus. Schränkt aber aber ein, wer „bis heute“ kommt. Da hat er aus der Vergangenheit gelernt, wo einige Gäste noch in letzter Sekunde abgesagt haben.
Stars und Sternchen auf dem Teppich
Gleich mit dem Eröffnungsfilm kann Kosslick aber eine halbe Armada an Stars empfangen. Wes Andersons „Isle of Dogs“, ist zwar ein Animationsfilm, aber zahlreiche Stars haben ihnen ihre Stimme verliehen. Und die sollen auch alle kommen: Bill Murray, Tilda Swinton, Bryan Cranston, Jeff Goldblum, Greta Gerwig. In den Tagen darauf werden Kultregisseure wie Steven Soderbergh und Gus Van Sant erwartet und Schauspieler wie Rosamund Pike, Daniel Brühl, Jeff Daniels, Isabelle Huppert, Rupert Everett, Marie Bäumer, Emily Watson, Gael Garcia Bernal und Robert Pattinson.
Ob der noch für Kreischalarm sorgen wird, bleibt abzuwarten. Den könnte eher Ed Sheeran auslösen. Der ist zwar Sänger und kein Schauspieler, die Berlinale zeigt aber die Dokumentation „The Songwriter“ über ihn. Sheeran auf dem Teppich, das wäre ein echter Scoop. Aber das sind genau die Ankündigungen, die Kosslick vage halten möchte, damit die Enttäuschung nicht zu groß ist, falls es doch nicht klappt.
Apropos Teppich. Die Berliner Schauspielerin Anna Brüggemann hat ja auch eine Initiative gegründet, „Nobody’s Doll“, der zufolge Schauspielerinnen nicht mehr leicht bekleidet über den windigen Teppich schreiten sollen. Wie er denn dazu stehe, wird Kosslick gefragt. Der zeigt sich hier wie gewohnt schlagfertig. „Ich werde sicher keine Frau zurückweisen, die ohne High Heels auf den Teppich kommt“, meint er trocken. „Und auch keinen Mann, der in High Heels kommt.“




