Beim vierten Song gibt es kein Halten mehr. Marius Müller-Westernhagen rockt die restlos ausverkaufte Waldbühne mit „Ich bin fertig“, diesem Trennungssong im herrlich schnoddrigen Ton, der vor über 30 Jahren in den Radios rauf und runter lief. Und die rund 22.000 Zuschauer rocken mit. Ertrinken dabei in musikalischer Glückseligkeit. Viele fühlen sich auf einen Schlag um drei Jahrzehnte jünger, sind zurück in den Neunzigern. Singen mit, tanzen, klatschen, johlen. Was Westernhagen sichtlich gut tut. Denn in Deutschlands schönster Open-Air-Arena zu spielen, macht sogar ihn, den gestandenen Star, ziemlich nervös. Vor allem, weil Berlin die Stadt ist, in der er seit Jahren wohnt, wie er zugibt. Da will er offenbar sein Bestes geben.

Das gelingt ihm auch. Dabei sah es erst danach aus, als würde der Abend ins Wasser fallen. Ein heftiger Wolkenbruch hatte den Start seines Konzerts verzögert. Nach der Absage seines Stuttgarter Konzerts fünf Minuten vor dessen Beginn wegen eines kurzfristigen Auftrittsverbots seines Arztes war die Sorge bei manchem Zuschauer groß, dass den Berliner Gig dasselbe Schicksal ereilen würde. Doch dann erscheint Marius Müller-Westernhagen mit einer satten Verspätung von 40 Minuten im strahlend weißen Anzug auf der Bühne, fegt die Bedenken mit einer knappen Verbeugung weg - und wird mit jubelndem Applaus begrüßt.

Marius Müller-Westernhagen singt den Song „Fertig“.
Marius Müller-Westernhagen singt den Song „Fertig“.© DPA Images | Bernd Thissen

Marius Müller-Westernhagen in Berlin: Die erste Tour nach sechs Jahren Auszeit

„75Live“ heißt die aktuelle Konzertreise von Marius Müller-Westernhagen, feierte er doch letzten Dezember eben jenen 75. Geburtstag. Die acht Konzerte diesen Monat sind seine ersten nach sechs Jahren Auszeit vom Tour-Geschehen. Der Auftritt in der Waldbühne markiert das Finale der ersten Tourhälfte, bevor es im August mit neun Zusatzkonzerten weitergeht.

Begleitet wird Marius Müller-Westernhagen neben drei Background-Sängerinnen von seiner siebenköpfigen US-amerikanischen Band, allesamt Blues- und Rock-Spezialisten. Allen voran R’n’B-Virtuose Carl Carlton an der Gitarre. Auch Westernhagen selbst greift immer wieder zu seiner Akustikgitarre, bei „Mit 18“ auch zur Mundharmonika.

„75Live“ heißt die aktuelle Konzertreise des Superstars der 90er-Jahre.
„75Live“ heißt die aktuelle Konzertreise des Superstars der 90er-Jahre.© DPA Images | Bernd Thissen

Zum Auftakt stimmt er „Alphatier“ vom gleichnamigen 2014er-Album an. An diesem Abend ist er das sicherlich. Allerdings auf eine eher lässige, teilweise hübsch selbstironische Weise. Denn vom Provokateur der frühen Jahre, vom Typen, der in „Theo gegen den Rest der Welt“ einen Malocher und Loser spielte, hat sich der Musiker schon lange verabschiedet. Wie auch vom Superstar der 90er-Jahre. Damals Deutschlands Rockstar Nummer 1. Davon will Westernhagen längst nichts mehr wissen. Auf dem Peak seines Erfolges, als er Stadien füllte, war er nämlich nicht sonderlich glücklich. Ihn störte, dass nicht mehr die Musik im Fokus stand, sondern das Drumherum. Also die Marke „Westernhagen“ mitsamt all der Gigantomanie, die nun mal zu Stadien-Konzerten gehört.

Heute scheint der Musiker mit sich im Reinen. Die Konzerte sind immer noch groß, aber überschaubar. Und die Chemie zwischen dem gebürtigen Düsseldorfer und seinem Publikum stimmt. Viele sind Fans der ersten Stunde. Klar, dass sie egal bei welchem Song textsicher mitsingen, während sich Westernhagen verausgabt. Er singt, röhrt, schreit und flüstert. Seine markante, raue Stimme klingt kräftig wie eh und je. Die Musik auch. Und er selbst ist so vital und fit, tanzt und groovt, dass man kaum glauben mag, dass er vor wenigen Tagen ein Konzert absagen musste.

Marius Müller-Westernhagen weiß um die Erwartungen des Publikums. Es will Hits. Und er spielt sie alle. Wie „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ oder „Es geht mir gut“. Zum Runterkommen gibt es zwischendurch die Ballade „Luft zum Atmen“, die er mit seiner Frau Lindiwe Suttle performt, die im aufsehenerregenden weißen Look erscheint. Selbst ihrem Mann entfährt bei ihrem Anblick ein „Wow!“ Nach ihrem Song gibt es einen herzigen Kuss. Mit ihrer starken Soulstimme duettiert Lindiwe Suttle auch bei der Ruhrpott-Hymne „Wieder hier“ mit Marius Müller-Westernhagen. Es ist der letzte Song vor zwei Zugabenblöcken mit seinen größten Hits. Darunter „Lass uns leben“.

Aber der 75-Jährige spielt nicht nur Oldies, sondern auch ein paar wenige Songs vom seinem aktuellen 2022er-Album „Das eine Leben“. Sein mittlerweile 23. Longplayer. Einer der besten ist „Wahrheit“ mit tiefsinnigen Lyrics, mitreißender Melodie und vielschichtigem Arrangement. Dazu laufen schöne Visuals über die Leinwand. Danach scherzt Westernhagen: „War doch gar nicht so schlimm, oder?“ Offensichtlich ist aber natürlich auch, dass es die Zuschauer nur bei den Hits von den Plätzen reißt.

Kein Wunder, haben es doch acht Alben seiner 17 Millionen Mal verkauften Tonträger bis an die Spitze der Charts schafften. Mit seinen Songs, die zum kollektiven musikalischen Gedächtnis von Generationen gehören, ist Westernhagen einer der erfolgreichsten deutschen Musiker. Ein Pfund, mit dem er wuchern kann bei seiner fulminanten Werkschau, einer Zeitreise von den späten Siebzigern bis zur Gegenwart. Seine zuweilen bissigen Texte, in denen er schon mal über „Dicke“ herzog, hat er trotz einiger Proteste nie dem moralinsauren Zeitgeist angepasst. „Sexy“ performt er nach wie vor ungefiltert. Respekt dafür. Die Zuschauer lieben den Song ganz klar so wie er ist. Und die ganze Waldbühne tanzt dazu.