Ludwig Börne hatte als Teenager eine seiner schwersten Lebensphasen durchzustehen. „Sie ist 36 Jahre Jahre alt, ich bin 17. Bin ich nicht ein Kind?“ fragte er im März 1803 in sein Tagebuch hinein, „ein breiter Strom fließt zwischen ihr und meiner Liebe“. Der Jahrzehnte später als Wegbereiter der Literaturkritik in den deutschen Feuilletons und für seinen witzigen Schreibstil berühmte junge Mann fühlte sich aufgezehrt, weil abgewiesen. Er komme gerade vom Reiten, notierte er auch. „Das hat mir mein Arzt empfohlen. Es soll gut für den Unterleib sein.“ An seine Angebetete schrieb er am selben Tag: „Sie sind grausam; Sie behandeln mich so kalt. Reicht man doch dem Verurtheilten noch Wein und Kuchen; und was bin ich anders?“

Um Henriette Herz ging es, in jenen Tagen der Paradiesvogel der Berliner Bildungsbürger, um den sich die geistige Creme der Stadt seit zwei Jahrzehnten versammelte, als Europa erst im Bann der sich anbahnenden Französischen Revolution stand, dann ihrer Verwerfungen, schließlich der napoleonischen Kriege. Der junge Börne hatte keinen Kopf für diese gesellschaftlichen Themen, bei denen, was Berlin anging, seine Wirtin im Zentrum des öffentlichen, gehobenen Diskurses stand. Er hatte mit ihr anderes im Sinn: „Lachen Sie über mich? So möge Sie in Ihrer Todesstunde das Gedächtnis verlassen, daß Sie sich dieses Vergehens nicht erinnern.“

Verzweifelt: Ludwig Börne (1786-1837)
Verzweifelt: Ludwig Börne (1786-1837)© Artcolor | Picture-Alliance

Der Student hielt es nicht mehr aus, dass er in ihrer Berliner Wohnung in der Spandauer Straße logierte, Zimmer an Zimmer. Die Monate zuvor waren schlimm genug, jetzt aber, da Henriettes Ehemann im Januar gestorben war, der wiederum fast doppelt so alt gewesen war wie sie, und Börne ihr sofort sein juvenil loderndes Feuer offenbarte, musste etwas geschehen. Vielsagend schrieb er ihr, dass sie sich in diesem Leben wohl nicht mehr wiedersehen würden. Dann fand ihr Mädchen in seinem Zimmer einen Zettel für den Apotheker, Herrn Lezius: „Wollen Sie mir wohl durch Ueberbringerinn eine Quantität Arsenik, versiegelt schicken?“ Er werde von Ratten und Mäusen geplagt, nannte er als Grund.

Henriette Herz: Eros saß immer mit am Tisch

Der Tod von Marcus Herz sollte vieles ändern im Haus, wenn auch nicht im Sinne Börnes. Henriette war als Zwölfjährige von ihrem Vater, dem Direktor des Jüdischen Krankenhauses, verlobt und drei Jahre später verheiratet worden mit dem 17 Jahre älteren Marcus Herz, einem angesehenen Arzt, Schriftsteller und Philosophen. Zuvor, beim Studium in Königsberg, war er Lieblingsschüler Immanuel Kants gewesen. Henriette fand ihn, wie sie später schrieb, zwar „klein und hässlich“, fühlte sich aber bei ihm bestens aufgehoben, fand nur gute Worte über ihn. Er forcierte ihre Bildung, führte sie in die Gesellschaft ein. Sie lernte fünf, sechs Fremdsprachen, auch Latein und Griechisch.

Nach der Eheschließung, gleich mit der Eröffnung des Hausstandes, lud Marcus in seinen Salon regelmäßig Geistesgrößen der Stadt ein, vor allem Wissenschaftler, mit denen er tiefschürfende Gespräche führte, aber eben auch anstrengende. Stets parallel dazu fand im Gesellschaftszimmer Henriettes „Frauenkränzchen“ statt, zu dem sich zunächst Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen und andere kulturschaffende Frauen einfanden. Das Haus Herz nahe der Marienkirche wurde als „Doppelsalon“ stadtbekannt – zwischen dem sich bald die Gewichte verschoben.

Berliner Typen

Henriettes Kreis wuchs schnell aus dem Charakter eines „Kränzchens“ heraus. Er war nicht nur der erste Frauensalon Berlins, er war auch schnell attraktiver als der des Gatten. Statt um neueste Details aus der Chemie, Medizin oder Astronomie, nebenan ausschließlich von Männern abgehandelt, ging es bei ihr um Sturm und Drang, um Revolution, um Gefühle. Bei ihr saßen Männer und Frauen gleichermaßen. So dass auch aus der Herrenrunde einige hereinsahen, auch mal blieben.

Mit dabei: Johann Gottfried Schadow (1764-1850).
Mit dabei: Johann Gottfried Schadow (1764-1850).© picture alliance / Heritage Images | © Fine Art Images/Heritage Images

Man las Goethes Werther, Lessings Nathan, Schillers Kabale und Liebe und diskutierte darüber. Namhafte Literaten und Philosophen selbst waren bald dabei, etwa Jean Paul, Sophie Mereau-Brentano, Friedrich Schleiermacher, Friedrich Schlegel und sein Bruder August Wilhelm, auch Künstler wie Johann Gottfried Schadow. Wobei viele dieser heute so berühmten Köpfe, wohl die meisten, damals noch weitgehend unbekannte Spätjugendliche waren, aber eben auch durch den Salon ihren gesellschaftlichen Aufstieg befördern und sich vernetzten konnten. Henriette war persönlich gut bekannt mit Goethe und Schiller, mit dem umschwärmten Preußenprinz Louis Ferdinand wie später auch mit König Friedrich Wilhelm IV.

Das Emotionale war in ihrem Salon allgegenwärtig. Immer wieder ging es dabei auch um das Verhältnis zwischen Mann und Frau, wobei man sich an eine Gleichberechtigung längst nicht herantraute, die Platzhirsche der Französischen Revolution und die zeitgenössischen Aufklärer schließlich noch genauso wenig. Doch nicht nur inhaltlich standen die Emotionen auf der Tagesordnung, sie bestimmten auch den Umgang der Teilnehmer untereinander. Eros saß stets mit am Tisch. Friedrich Schlegel lernte dort seine spätere Frau Dorothea kennen, Schriftstellerin und Tochter von Moses Mendelssohn. Auch Schadow, gleich jung wie Henriette, blinzelte in dem Salon seiner späteren Gattin zum ersten Mal zu. Letztlich allerdings galten die Blicke der anwesenden Männer, der jungen und ganz jungen zumal, vor allem der Gastgeberin.

Dorothea Schlegel (1763-1839).
Dorothea Schlegel (1763-1839).© picture alliance / akg-images | akg-images

In privaten Briefen, aber auch öffentlich schrieben viele bedeutende Zeitgenossen über Henriettes Attraktivität. Sie selbst machte in ihren Aufzeichnungen ihre eigene Schönheit mehrfach zum Thema, auch ihre Wirkungen auf die Männer. So hatten beide Humboldtbrüder ein Auge auf sie geworfen. Wilhelm, der jüngere, wagte sich vor: „Es ist hier im Walde ein kleines Birkental. Da hab ich Ihren Namen in eine recht schöne Birke gegraben“, gestand er ihr. Er wurde abgewiesen und sprach später schlecht über sie, wie Börne und eine Reihe weiterer Opfer einer Abfuhr.

Manche sagten Schleiermacher eine Liaison mit ihr nach. Etwas ernsthaftes wurde nicht daraus, der Philosoph immerhin fand einfallsreiche Zeilen zum eigenen Trost: „Du bist zu schön. Du bist zu imponierend und zu wenig pikant, es ist nichts an Dir, was ein bisschen liederlich aussähe, und das ist so notwendig für die Schwäche der Männer.“ Karikaturisten verarbeiteten das Gerede über die beiden in Gazetten, etwa indem sie ihn als winzigen, eingeklappten Sonnenschirm darstellten, den sie in der Hand trug. Sie war amüsiert.

Der Frauenheld der Französischen Revolution raubte ihr die Sinne

Hannah Arendt schrieb in den 1930er-Jahren über Henriette Herz: „Sie ist geachtet, weil sie sehr tugendhaft ist. Man nennt sie kalt, weil nichts zu ihr dringt. Sie wehrt sich mit gutem Instinkt gegen jede Leidenschaft“. Allerdings ist in ihrem Lebensrückblick ziemlich viel die Rede von Leidenschaften und deren Begleitumständen, auch in eigener Betroffenheit. Zum Beispiel dort, wo sie über einen besonderen Teilnehmer ihres Salons schwärmte, den Comte de Mirabeau, bekannt als Frauenheld der Französischen Revolution.

Obwohl sie ihm eine „ganz absonderliche Häßlichkeit“ nachsagte (was sie ja auch bei ihrem Mann nicht abstoßend fand). Die „Leidenschaftlichkeit“ seiner Sprache jedenfalls riss sie förmlich hin. So etwas sei ihr sonst „nie weiter vorgekommen“. Geradezu die Sinne geraubt hatte er ihr: „Leider weiß ich nichts mehr vom Inhalte seiner Unterhaltungen mit mir, was vielleicht daran liegt, dass es das Ganze seiner Erscheinung war, was mich in Anspruch nahm.“ Und: „Man wußte auch, daß er alle Frauen, die er gewinnen wollte, für sich gewonnen hatte. Es sprach sehr für das Vertrauen, welches mein Mann mir stets bewies, daß er mir, einer jungen und hübschen Frau, diesen gefährlichen Menschen zuführte.“

Der Comte de Mirabeau (1749-1791).
Der Comte de Mirabeau (1749-1791).© picture alliance / Heritage-Images | Fine Art Images

Vieles wird ein Geheimnis bleiben um das Leben der männermordenden Henriette Herz. Den jungen Börne immerhin konnte sie retten, in dem sie den Bestellzettel für das Arsen zerriss und ihm den Kopf wusch. Der Tod ihres Mannes führte zum Ende auch ihres Salons, sie musste sich nun um andere Dinge kümmern. Ihre gesellschaftlichen Bande pflegte sie weniger spektakulär weiter. Sie schloss sich – wie auch andere aus ihrem „Frauenkränzchen“ – dem Salon der jüngeren Rahel Levin Varnhagen an, eine kaum weniger illustre, nun aufstrebende Runde am Gendarmenmarkt. 1847 starb Henriette mit 83 Jahren. Ihr Grab auf dem Jerusalem-Kirchhof II am Halleschen Tor ziert ein schlichtes, gußeisernes Kreuz, entworfen von Karl Friedrich Schinkel.