Ein orangefarbener Strich auf dem Pflaster vor dem Humboldt Forum ist der erste Hinweis auf den neuen Themenschwerpunkt: Er zeichnet die Umrisse des einstigen Palastes der Republik nach. Stünde er noch, ergäbe das zusammen mit dem Schloss ein kompaktes T, denn die Breitseite des Palastes richtete sich an der Spree aus. So ein T hätte für Palast- und Schloss-Nostalgiker ein Kompromiss sein können. Die Politik entschied bekanntlich anders und löschte den Palast per Rückbau 2006-2008 von Berlins Stadtplan.

„Weil der Palast aber in den Knochen des Humboldt-Forums steckt und noch immer in den Köpfen der Menschen, stehen wir in seiner Verantwortung“, sagt Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt-Forums. Er plädiert deshalb für eine Erinnerung „jenseits von Idealisierung und Dämonisierung, auch wenn das Thema Emotionen auslöst“. Es gehe nicht um endgültige Wahrheiten, sondern um Denkimpulse für eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes.

Die Ausstellung verfolgt einen interaktiven Ansatz.
Die Ausstellung verfolgt einen interaktiven Ansatz.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Den Auftakt machen die Sonderschau „Hin und Weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart“ und das Theaterspektakel „Bau auf! Bau auf!“ von Ron Zimmering, es folgen Thementage und Workshops. Im Zentrum aber steht das „Projekt Erinnerungsarbeit im Humboldt Forum“, bei dem 70 Menschen mit unterschiedlichsten Bezügen zum Palast der Republik interviewt wurden: die Kellnerin etwa, der das Parteibuch fehlte, um Karriere in den Restaurants des Palastes zu machen, die letzte Volkskammerpräsidentin oder der vietnamesische Vertragsarbeiter, für den der Palast Symbol für die Fortschrittlichkeit der DDR war.

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Sie alle kommen zu Wort in der Ausstellung, in der zusammengetragen wurde, was vom 1976 eröffneten „Haus des Volkes“ noch übrig ist. Das gläserne Eingangsportal steht im ersten Raum, am Boden ist der Grundriss der Schlossinsel eingezeichnet inklusive des abgerissenen Palastes, an den Wänden erinnern bronzeschimmernde Paneele an die verspiegelten Fenster des Gebäudes und warten auf Kommentare und Graffiti von Besuchern: „Die Sofas waren so cool. Und die Aschenbecher!“ – steht da beispielsweise schon oder „Sie als Wessi können doch gar nicht für Ossis sprechen“.

Mit einer Performance wurde bereits im April auf das Thema hingewiesen.
Mit einer Performance wurde bereits im April auf das Thema hingewiesen.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Im zweiten Raum grüßt wie einst im Foyer die Gläserne Blume, allerdings diesmal im eingelagerten Zustand (2016 fiel die Entscheidung gegen Restaurierung und Wiederaufstellung), genauso wie Muster vom dreifarbigen Marmorboden oder Fahnen und Wimpel aus aller Welt. In den Vitrinen sind Geschirr, Uniformen, die berühmten Kugellampen und Speisekarten ausgestellt, grelle Teppichbodenmuster und nobles Nussfurnier. Das Design war keineswegs so einheitlich durchkomponiert wie manchmal kolportiert. Die Bierstube im Untergeschoss zeigte an den Wänden sogar Berliner Barock, darunter eine Ansicht des historischen Schlosses.

Teller, Tasse und Untertasse aus dem Rotbandservice, das zur Ausstattung gehörte.
Teller, Tasse und Untertasse aus dem Rotbandservice, das zur Ausstattung gehörte.© DPA Images | Soeren Stache

Die Ausstellung erinnert auch an die unterschiedlichen Veranstaltungen, Konzerte, Bälle, Kongresse, an die Offenheit des Hauses für die Jugend und an seine Internationalität, aber auch an die Politik, die hier gemacht wurde und an das Überwachungssystem und die Infiltration durch die Staatssicherheit.

Der Palast der Republik im Jahr 1985.
Der Palast der Republik im Jahr 1985.© DPA Images | dpa

Zeitzeugen glauben sich sogar an den Duft von Hyazinthen zu erinnern, dafür steht eine Geruchsprobe bereit. Aber roch es wirklich so? Besucher und Besucherinnen werden immer wieder aufgefordert, mitzumachen und ihre Ansichten einzubringen, damit ein möglichst breites, nichthierarchisches Kaleidoskop der Erinnerung entsteht.

Denn der Abriss des Palastes polarisiert bis heute. Das Humboldt Forum nimmt das zum Anlass, das Zuhören und Erzählen zu üben. Die schon versammelten Stimmen der Erinnerung haben das verdient.

Alle Informationen unter humboldtforum.org.