„Papas Kino ist tot“: Unter diesem Motto trat Edgar Reitz 1962 bei den Oberhausener Kurzfilmtagen inmitten einer Gruppe junger Filmemacher an, ihre Kunstform zu erneuern. Ihr Manifest gilt heute als Beginn des Neuen Deutschen Films. Und Edgar Reitz, der zu der Zeit noch als Auftragsfilmer arbeitete, wurde zum „Regisseur, der das Kino maßgeblich mit geprägt hat“, wie ihn Berlinale-Leiter Carlo Chatrian bei der Verleihung der Berlinale-Kamera im Haus der Berliner Festspiele ankündigt.
Das Publikum feiert Edgar Reitz gebührend
91 Jahre alt ist der Preisträger und sichtlich gerührt, dass im „Fluidum“ des Festivals Zeit ist, sein Werk zu ehren. Allemal ist vor der Weltpremiere des Dokumentarfilms „Filmstunde_23“ Zeit für minutenlange stehende Ovationen – das Publikum feiert Reitz gebührend. Als einen Erneuerer des Kinos belobigt ihn der irakisch-französische Filmemacher Abbas Fahdel in seiner Rede.
Besonders Reitz’ fiktive „Heimat“-Chronik, die in 60 Filmstunden deutsche Geschichte anhand des Alltags einer Familie im Hunsrück nachzeichnet, sei auch international einflussreich gewesen. Bettina Reitz, Regisseurin, Produzentin und Präsidentin der Hochschule für Fernsehen und Film München, die nur zufällig den gleichen Nachnamen trägt, würdigt Reitz’ „komplexes und substanzielles künstlerisches Verständnis, das ihn zu einem Vorbild für viele in meiner Generation werden ließ“.
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Als Edgar Reitz 1952 zum Studium der Theaterwissenschaft nach München ging, eine Stadt in Trümmern, gab es in Deutschland noch keine Filmhochschulen. Drehen war ein Handwerk, das sich der junge Familienvater Reitz auch aus finanziellen Gründen als Kamera-, Schnitt- und Produktionsassistent ab 1953 von Grund auf aneignete. In München lernte er auch Alexander Kluge kennen, mit dem er 1962 in Oberhausen an die Öffentlichkeit trat.
Da hatte er noch keinen eigenen Film gedreht, aber, wie seine Generationsgenossen, ein dringliches Anliegen: in Opposition zu den Vorgängern oder Vätern zu gehen, die auf die eine oder andere Weise mit dem Naziregime verstrickt gewesen waren. Über den Untaten im Dritten Reich lag drückendes Schweigen. Im Kino liefen im den 50ern vor allem Heimatfilme, die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg mit Bergpanoramen und Liebeskitsch zukleisterten.
Film als allgemeines Intelligenzmittel etablieren
Diesen bleiernen Deckel warfen Reitz, Kluge und Konsorten mit lautem Knall zurück. In anderen europäischen Ländern hatte der filmische Aufbruch längst stattgefunden, mit dem italienischen Neorealismus oder der französischen Nouvelle Vague. Dort galten Regisseure bereits als Autoren, die alle Aspekte der Filmproduktion für ihre künstlerische Vision einsetzten, vom Drehbuch bis zum Schnitt. Um diese Kunst zu erlernen, gründeten Reitz und Kluge 1963 an der Hochschule Ulm das „Institut für Filmgestaltung“.
Wie weit ihre Vision reichte, Film als „allgemeines Intelligenzmittel“ zu etablieren, zeigt der Dokumentarfilm „Filmstunde_23“. Im Jahr 1968 unterrichtete Edgar Reitz an einem Münchner Gymnasium eine Mädchenklasse. Mit förmlichem Betragen und höchst engagiert erklärt er den aufgeweckten jungen Frauen als Filmlehrer, was ein Kameraschwenk ist und wie man mittels Montage zwei Vorgänge erzählerisch verbindet.
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Jede der 13- bis 14-jährigen bekommt im Verlauf des Schuljahres eine handliche Super 8-Kamera überreicht, mit dem Auftrag, einen Kurzfilm zu drehen. Gemeinsam sehen sie 55 Jahre später in einem kleinen Kino in München die Ergebnisse. Dieses Klassentreffen hat Reitz, auf Basis des dokumentarischen Materials aus den 60ern, gemeinsam mit seinem Kollegen Jörg Adolph zu einem kleinen Film mit wundersam großen Zeitsprüngen geschnitten.
Ein Zustand der höheren Gestimmtheit
Bezaubernd sind auch die Ergebnisse der jugendlichen Filmversuche. Auf dem Viktualienmarkt geraten Münchner Originale wie Karl Valentin ins Bild – hier ist zum damals satirischen gemeinten Thema „Alte Leute, die schimpfen“ ein Zeitdokument entstanden, das die vormaligen Klassenkameradinnen begeistert würdigen.
Die Beobachtungen einer jungen Autorenfilmerin, die ihren Bruder beim Fußballspielen zeigte, inspirierten Reitz zufolge seinen Kollegen Hellmuth Costard, bei einem Match mit der Kamera nicht mehr dem Ball zu folgen, sondern einem einzelnen Spieler. Die Mädchen vom Luisengymnasium haben deutsche Filmgeschichte geschrieben – und erfahren das erst ein halbes Jahrhundert später, weil eine von ihnen Reitz bei einem Konzert erkannt hatte und ihn ansprach. Ein Zufall, der ihm in „Filmkunst_23“ einen so wehmütigen wie dankbaren Blick zurück ermöglicht.
Berlinale 2024 – Das sind die Filme im Wettbewerb
Zum Unterrichtsfach ist die Kinokunst seither zwar nicht geworden, was beim Nachgespräch allgemein bedauert wird. Aber damals hat Reitz sein Ziel erreicht: Alle Beteiligten berichten, dass der Filmunterricht nachhaltig auf sie gewirkt und sie im kritischen Denken und in ihrem Ausdruckswillen bestärkt hätten. Wie nebenbei zeigt „Filmstunde_23“ emanzipierte junge Frauen, die sich selbstbewusst der Mittel der Filmsprache bemächtigen.
Ein Augenblick der Erlösung und Überzeitlichkeit
Diesen Emanzipationsprozess nun noch einmal gemeinsam nachzuvollziehen, bezeichnet Edgar Reitz in seiner Dankesrede zur Berlinale-Kamera schwärmerisch als einen „Zustand der höheren Gestimmtheit“: „Kein Glück konnte größer sein als wenn ich meinen Film gemeinsam mit Publikum ansehen konnte und der Film sich vollkommen verwandelte, weil er kollektives Ereignis wurde.“
Festivals preist er als „eigentliche Quelle der Filmkunst“, anders als den Konsum von Bewegtbildern in der Privatsphäre. Kino statt Streaming: So schenkt Edgar Reitz der zuletzt arg gebeutelten Berlinale einen großen Moment der Bedeutsamkeit. Und mit ihm darf man während des Screenings einen „Augenblick der Erlösung und Überzeitlichkeit“ erleben – wenn in der „Filmstunde_23“ „das Ich von Damals und das Ich von Jetzt verschmelzen“. Gewiss, Großvaters Kino lebt.






















