„Danke, dass ihr euch an uns erinnert“, sagt Glen Hansard, als er das Publikum in der Verti Music Hall begrüßt, mit seiner unnachahmlich sonoren Stimme. Alle Livebands haben gelitten, als in den Corona-Jahren 2020 bis 2022 Konzerte gar nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich waren. Für den Sänger und Gitarristen aus Dublin mit seiner jahrelangen Straßenmusiker-Vita gilt das aber besonders. Von Hansard ist dieser beinahe philosophische Satz überliefert: „In der Gegenwart eines Publikums findet der Song einen anderen Weg.“ Das bedeutet im Umkehrschluss: Abgefilmte Auftritte in menschenleeren Sälen sind ein Irrweg.

Aus dem Off grüßt Van Morrison

Jetzt ist Hansard wieder unterwegs, um sein neues Studioalbum zu promoten, „All That Was East Is West Of Me Now“. Seine siebenköpfige Band brilliert zu Beginn des Sets vor allem dadurch, dass sie ganz viele Noten weglässt. Bei „Sure as the Rain“, mit einem zwischendurch ins Französische wechselnden Text, werden die Instrumente nur flüchtig hingetupft; Fender Rhodes E-Piano, Kontrabass, behutsam geklöppeltes Schlagzeug., ein bisschen Geige. Das erinnert an Hansards knorrigen Landsmann Van Morrison und dessen Caledonia Soul Orchestra Mitte der 1970er-Jahre.

Goldenes Songwriter-Handwerk, ein glasklarer Livesound und ein Sänger, der die Intensität zweieinhalb Stunden lang mit jedem weiteren Stück hochschraubt: Hansards Qualitäten sind schnell beschrieben. Dazu kommt, dass der 53-Jährige sich den Charme des Straßenkünstlers bewahrt hat. Die Musik ist alles, die Präsentation wird auch für größere Venues wie die Halle in Friedrichshain nicht durch eine aufwändige Lightshow oder Videoanimationen aufgepeppt. Die Stromrechnung an diesem langen Konzertabend bleibt überschaubar, die konsequent schummerige Beleuchtung suggeriert mit jeder Glühbirne „Wohnzimmerkonzert“.

„The Commitments“: sein erster Filmaufritt gleich ein Klassiker

Bekannt geworden ist Glen Hansard durch seine Auftritte in zwei irischen Musikfilmen. 1991 war er der Gitarrist in „The Commitments“, jener fiktiven Dubliner Soulband, die nach einem kurzen Höhenflug an internen Streitigkeiten zerbricht. Und 2008 katapultierte ihn in der Independent-Film „Once“ auf die Weltbühne. Hansard spielte darin einen Straßenmusiker, ein Stück aus dem Soundtrack, „Falling Slowly“, wurde mit einem Oscar ausgezeichnet. Der Song funktioniert auch 15 Jahre später noch live, wenngleich seine damalige Duett-Partnerin Markéta Irglová in Berlin nicht mit dabei ist.

Nach einer Handvoll neuer Songs mit ungewohnten Klangfarben („Down on our Knees“ beginnt fast wie eine Hommage an Joy Division) biegt Hansard in RIchtung des gefühligen „Once“-Soundtracks ab, legt die E-Gitarre wieder weg und greift zur Akustischen. „When your mind‘s made up“ beginnt als Piano-Ballade, die zu einer voll instrumentierten Folkrock-Hymne anschwillt. Frei nach Elbow hat Glen Hansard offene Arme für die gebrochenen Herzen („Bird of Sorrow“), wieder und wieder singt er sein tröstliches Mantra: „Love‘s gonna find you again/ just you be ready then“. Wenn die Liebe dann anklopft, lass sie auch rein.

Bitte aufstehen, sagt Hansard den Fans in Berlin

Nur mit der Bereitschaft des Publikums ist das in der komplett bestuhlten Verti Music Hall so eine Sache. Hansard braucht mehrere Anläufe und Ansprachen. Die Verletzungsgefahr beim Aufstehen werde doch stark überschätzt, sagt er sinngemäß. Weil die Ironie überhaupt nicht zündet, folgt ein direkter Appell: Es wäre großartig für uns, wenn ihr aufsteht und euch zur Musik bewegt.

Als im Anschluss zwei der explosivsten Stücke aus dem Hansard-Universum kommen („Bearing Witness“ und „Revelate“), wird der Künstler endlich erhöht. Den Rock‘n‘Roll-Faktor erhöht dabei ein Gast aus dem Publikum. Ein Junge (sieben, vielleicht acht Jahre alt) kommt auf die Bühne, Hansard hängt dem Kleinen seine Stromgitarre um, und das Kind lässt es krachen. „That was fun“, kommentiert der Musiker zufrieden. Es geht eben nichts über eine unberechenbare Live-Situation.

Wandelt musikalisch auf den Spuren seines Landmanns Van Morrison: Glen Hansard. Foto: Marcelo Hernandez
Wandelt musikalisch auf den Spuren seines Landmanns Van Morrison: Glen Hansard. Foto: Marcelo Hernandez© Funke Foto Services | Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services