Berlin ist die Hood der bösen Musik-Jungs. Aber gegen die erste Liga der US-Rapper erscheinen Bushido und seine Freunde wie Protagonisten aus der Fruchtzwerge-Werbung. „50 Cent“ zeigte in der Mercedes-Benz Arena den leichtgewichtigen Deutsch-Rappern wo der Hammer hängt und feierte ein Hochamt des Gangsta-Raps im New York Style. Mit Beats, Blingbling, Butts und Texten, die bei Jugendschützern Schnappatmung auslösen, sollte man sie hier wörtlich wiedergeben.
Schon zum Warmup bringt der Veranstalter schweres Kaliber auf die Hauptstadtbühne. Urgestein Busta Rhymes lebt – und ist auch als Vorprogramm gemeinsam mit dem zwei Köpfe kürzeren Spliff Star im Wortsinn noch immer ein Pfundskerl. Mit „I know what you want“ und anderen Oldies wird Richtung Nullerjahre zurückgerappt und korrekt vorgeglüht für den Chef des Abends. Preußisch pünktlich erscheint Curtis James Jackson III alias „50 Cent“ aus dem Kunstnebel-Glaskäfig und macht Friedrichshain zur Bronx. Den Künstlernamen hat der 48-Jährige von einem verblichenen New Yorker Gangster, der für eher kleines Geld tötete.
Konzert in Berlin: „50 Cent“ ist gut in Form
Mit Kugeln kennt sich „50 Cent“ ebenfalls aus. Vor dem Haus der Großmutter wurde er neunmal angeschossen, das war 2000 und seine Mutter war damals schon tot, ermordet von einer Drogenbande.
Für einen Invaliden der Schwerstkriminalität wandelt „50 Cent“ noch erstaunlich lebendig über die High-Tech-Bühne in Berlin, die mehr Feuer spuckt als der Ätna. „50 Cent“ ist gut in Form, die Arme allerdings merkwürdig aufgepumpt wie bei Popeye nach der vierten Dose Spinat. „Final Lap“ heißt die Tour, mit über 50 Konzerten auf vier Kontinenten. Bei „50 Cent“ konnte schon immer jeder Tag sein Letzter sein.
Basecap, fette Goldkette mit Kreuzsymbol, schwarze Sneaker, Cargohose von Versace – der Meister hatte sich standesgemäß schick gemacht für ein Publikum, das man so in Berlin nicht alle Tage sieht. Fraglich, warum „50 Cent“ nach so langer Abstinenz wieder tourt. Anlass sei das 20-jährige Jubiläum seines Debüt-Albums „Get rich or try dying“ behauptet das Management im PR-Flyer. Wahrscheinlicher ist ein Zusammenhang mit der Privatinsolvenz vor acht Jahren, obwohl 30 Millionen verkaufte Alben und ein eigenes Schnaps- und Champagnerunternehmen eigentlich gereicht haben sollten.
Viele Songs von „50 Cent“ werden nur angespielt
Auf den riesigen Videoscreens gibt‘s „50 Cent“ von allen Seiten, wobei der Zeitverzug nervt. Aber „50 Cent“ kann es noch, selbst die obligatorische Halskette glänzt und glitzert noch wie frisch poliert in der Auslage beim Jewelry-Shop in der 47. Straße.
Die Setlist? Rapklassiker wie Candy Shop und Window Shopper, gefeiert mit kreisenden Rapperhänden und mit Gigawatt aus kühlschrankgroßen Verstärkern in die Magengruben des Auditoriums gewummert. Vieles wird nur angespielt, der Meister hat offenbar wenig Zeit oder noch Termine mit seinen Sängerinnen, die leider vergessen hatten, sich ordentlich anzuziehen. Die Stimmung in der Halle ist zu Beginn besser als die Stimme – und der Tonmann braucht bis zur Hälfte des Abends um alles harmonisch abzumischen. Gegen Ende schiebt er endlich die Volume-Regler Richtung Anschlag. So muss das. Und so fühlt sich auch der Jungbanker aus Charlottenburg in seinen Designer-Sneakern wie ein „Bro“ und träumt auf dem Weg nach Hause vom Drive-by-Shooting.
Leider hört er den Wecker am nächsten Morgen nicht mehr, weil „50 Cent“ zum Eintrittspreis von bis zu 150 Euro mit ordentlich Dezibel die Gehörgänge sediert hat. Und woher kommt nochmal der süßliche Geruch in den Klamotten? Egal. Ist ja Berlin und war ein Riesenspaß.



