Berlin. Regisseur Ersan Mondtag verteidigt beim Spaziergang den Görlitzer Park als Begegnungsort und hält die Ideen einer Abriegelung für deppert.

Zwischen dem Treptower und dem Görlitzer Park treffen wir uns in der Kiefholzstraße. Ersan Mondtag steckt in den Endproben am Berliner Ensemble, aber dafür wirkt der Regisseur überraschend gelassen. Ziemlich schnell macht er eine Ansage: Er gehöre zu den Menschen, die gern und viel spazieren gingen. Mindestens eine Stunde täglich, sagt er, und mit Kopfhörern, weil er dabei Musik hört. Er brauche die Zeit zum Nachdenken. Und er habe fast immer dieselbe Route. Während unseres Spaziergangs wirkt er nur einmal ungeduldig, weil wir so viel reden und kaum vorankommen. Noch in der Kiefholzstraße findet Fotograf Michele Tantussi das erste Motiv. Ersan Mondtag posiert routiniert.

Genau genommen gehört er als Theatermensch zu jenen, die von Berufs wegen gelernt haben, sich Situationen zu nehmen. Mit Aktionismus und auch Provokation. Die Welt ist eine Bühne. Als junger Performer war Ersan Mondtag einmal mit Burka auf dem Münchner Oktoberfest unterwegs. Am Schießstand wurden die Leute rundum nervös. „Wir wurden verhaftet beziehungsweise bekamen einen Platzverweis. Aber es hatte kein Nachspiel“, erzählt der Regisseur. Die Polizei war zweimal gerufen worden. Das erste Mal, als die Performer mit Burka übers Oktoberfest gingen, ein weiteres Mal, als sie in eine Kirche gingen. „Wir haben uns an den Altar gesetzt und gesungen. Da wurde die Polizei gerufen. Wir sagten denen, dass wir nur in der Kirche sind, um ,Stille Nacht‘ zu singen. Was ist daran denn verwerflich? Die Polizisten wussten auch nicht so recht, wie sie darauf regieren sollten. Einer sagte, das habe jetzt Aufsehen erregt.“

In Performances auf der Straße wurden die Situationen im Alltag durchgespielt

In die Bouchéstraße biegen wir ein. Längst ist der gebürtige Berliner Ersan Mondtag ein etablierter, international gefragter Regisseur. Man könnte auch sagen, er ist jetzt ein Mittdreißiger. Ob er sich solche Provokationen noch vorstellen könne? „Ich hätte keine Angst davor, aber nein, dafür bin ich heute zu alt. Ich habe mich damals als Künstler weiterentwickelt“, sagt er. „Als Student hatte ich noch keine Bühne, also habe ich mir die Straße als Bühne genommen. Dort habe ich Situationen im Alltag durchgespielt.“ Das fehle ihm jetzt manchmal schon, weil man bei solchen Aktionen viel lernen könne. „Man bekommt schnell Aufmerksamkeit, weil plötzlich Hundert Leute stehen bleiben. Aber es ist auch schwer, diese Aufmerksamkeit zu halten. Die bekommt man für drei Minuten, wenn du gut bist, für fünf Minuten. Im Theater kommen die Leute und setzen sich auf ihren bezahlten Platz. Dann hast für drei Stunden ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Man hat mehr Zeit.“

Die tägliche Lieblingsroute von Ersan Mondtag ist kurzzeitig auch eine Art Schleichweg, der auf einen breiten Fußgängerweg führt. Der Weg sei das Ziel, wird gern behauptet, aber der Regisseur hat schon ein Ziel vor Augen: den Görlitzer Park. Der Park schafft es immer wieder in die Schlagzeilen und muss einen üblen Ruf aushalten. Darüber kann Ersan Mondtag nur den Kopf schütteln. „Es ist einfach nur ein Park, in dem ich früher auch meine Drogen gekauft hatte. Ich halte es für völlig überspitzt, was jetzt über den Görlitzer Park diskutiert wird. Der Park ist manchmal dreckig und manchmal nicht. Wenn ich die Diskussionen höre, denke ich, ich sollte künftig vielleicht einen Schutzhelm tragen.“

Am Berliner Ensemble erlebte Büchners „Woyzeck“ in der Regie von Ersan Mondtag Premiere.
Am Berliner Ensemble erlebte Büchners „Woyzeck“ in der Regie von Ersan Mondtag Premiere. © BErliner Ensemble | Birgit Hupfeld

Für ihn sei es einfach eine schöne Spazierroute. Der Künstler betont, dass es ein historischer Berliner Ort ist, der Ost und West verbindet. „Es kommen viele Touristen her, um Partys zu machen. Junge Leute nutzen den Park zum Abhängen. Andere joggen. Die Idee, den Görlitzer Park abzuriegeln wie das Tempelhofer Feld, ist völlig deppert. Es würde in Kreuzberg zu Aufständen führen.“ Unser Weg führt auch an einigen Männern vorbei, die hinter Bänken, halb in den Büschen stehend, uns erwartungsvoll anschauen. Sie merken schnell, dass wir nicht als Kunden unterwegs, sondern ins Gespräch vertieft sind.

An der Deutschen Oper hatte Ersan Mondtag in einer schrillen, bizarren Inszenierung Langgaards selten gespielte Kirchenoper „Antikrist“ auf die Bühne gebracht. Er wolle nur noch Oper machen, sagte er vor der Premiere. „Ich mache nur noch ganz selektiert Theater“, sagt er heute. „Ich plane eine, im Höchstfall zwei Inszenierungen pro Spielzeit. Ich habe meinen Fokus schon auf Oper und andere Projekte in der bildenden Kunst.“ In der vergangenen Spielzeit hatte er die „Dreigroschenoper“ in Krakau und „Phaedra“ in Köln gemacht. Diese Spielzeit macht er nur Büchners „Woyzeck“ am Berliner Ensemble. „Es macht mir zweifellos mehr Spaß, Theater zu machen, seitdem ich es nicht mehr so viel mache“, erzählt er.

In der Oper braucht es viel mehr Planung als im Theaterbetrieb

Der Park ist an diesem Spätsommertag voller Menschen, die Stimmung ist relaxt. Wir reden hingegen über Arbeit oder besser über den Kulturbetrieb. „In der Oper braucht es viel mehr Logistik und Planung, weil man so viele Menschen koordinieren muss, die auch nicht so flexibel sind wie im Sprechtheater“, erzählt der Regisseur. „Es sind bis zu 400 Leute auf und hinter der Bühne und im Orchestergraben, die alle in der Oper eine Vorstellung betreuen.“ Das sei ein enormer Aufwand. In der Oper wären zehnmal so viele Menschen auf der Probe wie im Theater. Am Berliner Ensemble hat er jetzt „Woyzeck“ gemacht, das sei zwar auch ein Ensemblestück. „Ich habe sechs Livemusiker und neun Schauspieler auf der Bühne. Das ist eine große Arbeit fürs Theater, aber mir kommt das gerade wie Urlaub vor. Es ist alles so intim. Was witzig ist. Bevor ich zur Oper kam, hätte mich der ,Woyzeck‘ furchtbar gestresst, weil das Stück so aufwendig ist. Aber jetzt habe ich gerade viel Spaß.“

Düsternis verbreitet hingegen die Homepage des Berliner Ensembles auf ihrer Seite „Content Note“. Nennen wir es besser die Triggerwarnung. „In dieser Inszenierung wird Antisemitismus auf sprachlicher Ebene, Mord auf darstellerischer Ebene und körperliche Gewalt sowie Sexismus auf sprachlicher und darstellerischer Ebene thematisiert“, ist zu lesen. Sind die Informationen nötig, frage ich den Regisseur. „Man muss gar nichts, aber es stört niemanden, wenn darauf hingewiesen wird“, sagt Ersan Mondtag. „Wenn Menschen vergewaltigt wurden und dann bei einer Bühnendarstellung plötzlich Panikattacken bekommen, dann sollte schon im Vorfeld darauf hingewiesen werden, dass sich solche Szenen im Stück befinden.“ Dann könne jeder Besucher entscheiden, ob er in die Vorstellung gehen wolle.

„Wenn allerdings darauf hingewiesen wird, dass auf der Bühne geraucht wird, dann geht mir das zu weit. Das halte ich für Quatsch. In jedem Fall ist es besser, auf bestimmte Darstellungen hinzuweisen, anstatt in der Inszenierung darauf zu verzichten.“ In Ersan Mondtags Inszenierung ist der Arzt der Straftäter, weil er Woyzeck sexuell missbraucht. „Da gibt es eine recht explizite Szene“, erklärt der Regisseur. „Der sexuelle Übergriff findet bei mir zwischen zwei Männern statt, denn es gibt auch Übergriffe und Vergewaltigungen bei Männern. Aber ich sehe mich in dem Fall nicht zuerst als Mann, sondern als Künstler. Die meisten Künstler schauen anders auf die Welt als Menschen, die sich allein über ihr binäres Geschlecht definieren.“ Aber das sei jedem selbst überlassen, fügt Ersan Mondtag hinzu. „Jede Weltsicht basiert auf einer eigenen Realität. Aber mich interessiert das Thema nicht so sehr.“ Dass Büchners „Woyzeck“ bundesweit auf zahlreichen Spielplänen steht, erklärt der Regisseur auch damit, dass das Drama durch den Femizid und die Kriegsdimension aktuelle Themen behandle.

In der Anfangszeit konnte er mit den Kritiken in der Zeitung nicht umgehen

Hinterm Sportplatz im Park biegen wir nach links in Richtung Glogauer Straße ab. Der unbeirrbare Regisseur gibt die Richtung vor. Überhaupt stellt sich heraus, dass es am besten ist, ihm direkte, ja provokante Fragen zu stellen. Ersan Mondtag ist ein Geist des Widerspruchs. Dann läuft er zur Höchstform auf. Er würde auch gern seine Kritiken lesen, sagt er, als wir beiläufig auf den „Hundekot“-Kritikerskandal zu sprechen kommen. Der Skandal offenbarte die tiefe Kluft zwischen Künstlern und Kritikern. „Am Anfang konnte ich gar nicht damit umgehen“, gibt der Regisseur zu. „Den ersten Verriss habe ich in der ,FAZ‘ bekommen. Danach habe ich zwei Wochen lang mein Telefon ausgemacht, weil es mir richtig schlecht ging. Ich war depressiv und fühlte mich verletzt. Ich hatte die Vorstellung, dass jetzt Hunderttausende Menschen das Hämische über mich gelesen haben.“

An der Deutschen Oper Berlin hatte Ersan Mondtags Inszenierung von Rued Langgaards „Antichrist
An der Deutschen Oper Berlin hatte Ersan Mondtags Inszenierung von Rued Langgaards „Antichrist" 2022 ihre Premiere. © Thomas Aurin

Aber heute lese er Kritiken gern, so Mondtag, „weil es mich sehr interessiert, wie meine Dinge auf der anderen Seite wahrgenommen werden. Man lernt ganz viel, gerade auch aus den negativen Kritiken.“ Er nennt einige Kritiker und Kritikerinnen, deren Texte er regelmäßig liest. „Theater wird erst durch die Rezeption zur Kunst“, sagt er. Aber er arbeite auch mit Leuten zusammen, die Schwierigkeiten mit Kritikern und der Kritik generell hätten. „Künstler sind manchmal auch fragile Wesen. Sie stecken ihre Seele in eine Arbeit und sind dann verletzt. Ich sehe das sportlich.“

Er begründet seine sportliche Coolness bemerkenswert abgeklärt. „Ich habe viel Zeit, Geld und Ressourcen, meine Dinge auf die Bühne zu bringen. Es ist ein Teil meines Berufes, dass meine Arbeit von außen beurteilt wird. Kritisiert wird dabei meine Arbeit, nicht meine Persönlichkeit“, sagt er. „Den Unterschied muss man lernen. Ich sitze selber manchmal drin und denke, das Stück ist mir vielleicht nicht so gelungen.“

Am Paul-Lincke-Ufer sind wir angekommen, die Cafés rundum sind gut besucht. Es sind Flaneure, viele Gelangweilte und einige Bettelnde zu sehen. Es rege ihn immer auf, erzählt Ersan Mondtag, wenn er Armut sehe. „Wenn ältere Menschen bettelnd auf der Straße unterwegs sind, das macht mich sehr traurig.“ Wir nehmen den Weg am Ufer entlang, um eine Parkbank zu finden. Dort belauscht ein jüngerer Mann unser Gespräch. Anschließend geht er auf den Regisseur zu und bittet freundlich um ein Selfie.

Der Regisseur reist von Berlin aus zu seinen mehrwöchigen Produktionen

Berlin ist Mondtags Homebase, von hier aus reist der Regisseur zu seinen mehrwöchigen Produktionen. Die Erfahrungen im Ausland hätten schon seinen Blick auf Deutschland verändert. „Jedes dieser Länder hat eigene Diskurse“, sagt er. „Dabei handelt es sich meist um dieselben Konflikte, sagen wir, über die Migrations- und Flüchtlingspolitik oder über Antisemitismus und die Documenta.“ Zuletzt war er viel in Polen unterwegs. „Die Polen haben – wie auch die Italiener und die Franzosen – einen ganz anderen Blick auf Europa. Wenn ich nach Berlin zurückkomme, habe ich immer die Außenbetrachtungen auf diese Konflikte im Hinterkopf. Manchmal sage ich gelassen: ,Eh, das sind wieder die Deutschen!‘ Es gibt schon krasse Empörungswellen, die international zeitversetzt ablaufen.“

Empört zeigte sich der Regisseur bei der Vorbereitung einer Performance zur Eröffnung des Dokumentationszen­trums Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Mondtag wollte etwa ein entlarvendes Zitat von Björn Höcke verwenden. Das ganze Projekt scheiterte. „Ich war seinerzeit wahnsinnig enttäuscht. Aber mit zunehmendem Abstand finde ich die ganze Angelegenheit bedauerlich.“ Die Direktorin Gundula Bavendamm hatte wenig Ahnung, wie Theater funktioniert, glaubt Mondtag. „Und wir hatten wenig Ahnung, wie Stiftungsarbeit unter historischen Voraussetzungen funktioniert. Wenn jemand inhaltliche Forderungen ans Theater stellt, dann ist das aus unserer Sicht Zensur. Dabei ist es ein notwendiger diplomatischer Drahtseilakt. Was wir nicht wissen konnten.“

Nächste Station ist Istanbul, wo Ersan Mondtag Shakespeares „Titus Andronicus“ inszeniert. Die Frage, wie viel Türkisches in ihm steckt, möchte der Regisseur unbedingt beantworten. „Vielleicht ist der ein oder andere beleidigt, wenn ich sage, dass Türken temperamentvoller sind als Deutsche. Aber tut mir leid, das sind sie halt. Wir sind emotionaler, schreien öfter und verzeihen uns schneller. Die Deutschen sind wahnsinnig schwierig, wenn es um Konfliktlösungen geht. Es ist immer viel langwieriger.“ Inzwischen sind wir zum Pavillon am Ufer zurückgekehrt. Die Verabschiedung ist freundlich, herzlich.