Das Boston Symphony Orchestra fungierte einst als Katalysator der amerikanischen Moderne. Bedeutende Komponisten symphonischer Musik wie Aaron Copland, Roy Harris, Walter Piston, Samuel Barber und William Schuman feierten ihre ersten Erfolge in Massachusetts. Der langjährige Chefdirigent Sergej Kussewizky und sein Schüler Leonard Bernstein befreiten die USA vom Makel epigonaler Provinzialität, sorgten für einen epochalen Wandel. Davon blieb nichts übrig. Das BSO ist seit fünfzig Jahren nur noch eines von vielen Spitzenensembles ohne echte Identität. Natürlich spielt es auf einem ganz anderen Niveau als zu Zeiten Kussewitzkis – und just darin liegt ein Teil des Problems: technische Perfektion und verblüffende Instrumentaleffekte sind an die Stelle tiefgründiger Interpretationen getreten.

Pianist Jean-Yves Thibaudet beim Boston Symphony Orchestra in der Berliner Philharmonie.
Pianist Jean-Yves Thibaudet beim Boston Symphony Orchestra in der Berliner Philharmonie.© Berliner Festspiele | Fabian Schellhorn

Dieser Tendenz folgt zwangsläufig das Repertoire. Für ihre aktuelle Europa-Tournee wurden ausschließlich Werke programmiert, die höchste Anforderungen an die Musiker stellen und zugleich durch ihren Sex Appeal, ihre klangliche Fassade leichte Erfolge erwarten lassen. Beim Berliner Musikfest waren das Gershwins Klavierkonzert und Strawinskys „Petruschka“. Zu Beginn gab es „Makeshift Castle“ der New Yorker Komponistin Julia Adolphe, ein im letzten Jahr uraufgeführtes, mysteriös schillerndes Tongemälde, das sich im ersten der beiden Sätze zu einer bezwingenden Melodielinie aufraffen will, dann aber wieder in wogende und verwehende Klangschichten eintaucht; unterschwellig bedrohlich, doch überwiegend wohltuend für Ohr und Seele, leider auch überwiegend rhythmisch eindimensional und insofern mit fünfzehn Minuten Spieldauer ausführlich genug.

George Gershwins Concerto in F wurde leider nur routiniert gespielt

Als Kontrast erklang in der Philharmonie dann George Gershwins Concerto in F, eine klassische Apotheose des Ragtime, die Jean-Yves Thibaudet im Stile eines Gentleman anging, mit lässiger, fast ein wenig unterkühlter Grandezza. Man hörte, dass Thibaudet in Los Angeles lebt, nicht in Harlem. Dem Dunstkreis verräucherter Jazzhöhlen vollends entkommen wirkte das Orchester. Resultierte Thibaudets faszinierende Deutung aus einer künstlerischen Entscheidung, so schien bei den Bostonern und ihrem Chef Andris Nelsons eine gewisse Ratlosigkeit im Spiel zu sein. Sie brachten das quecksilbrige Stück routiniert über die Runden, aber ist das genug? Wir hätten uns mehr Engagement und Leidenschaft gewünscht.

Ganz anders der Befund in Sachen Strawinsky. „Petruschka“ ist ein Fest ungewöhnlicher rhythmischer und instrumentaler Einfälle, gleichermaßen genial wie mechanistisch, mithilfe blockartiger Segmente zusammengesetzt. Hier eine subtile Ebene zu finden, eine geistige Dimension, das kommt gar nicht in Frage und war ja vom Komponisten ausdrücklich nicht gewollt. Weswegen seine frühen Ballette immer genauso klingen, egal wer sie aufführt, mehr oder weniger gekonnt, was die Virtuosität betrifft, mal eleganter, mal rustikaler, aber unvermeidlich immer auf die tatsächlich erstaunlichen Effekte fokussiert. Wirklich eigene Akzente zu setzen, ist hier weder Andris Nelsons noch anderen Dirigenten vergönnt. Und vielleicht greifen sie gerade deshalb so gern zu Strawinsky & Co.