Seit dem von Toscanini geleiteten Gründungskonzert 1936 versteht sich das Israel Philharmonic, damals noch Palestine Symphony Orchestra genannt, als Global player. Dirigenten wie Bernstein und Mehta haben das Ensemble aus Tel Aviv tatsächlich unter den weltweit führenden Klangkörpern positionieren können. Das Profil eines spezifisch jüdischen Orchesters ging dabei mehr und mehr verloren. Aufführungen symphonischer Werke von Josef Tal, Menachem Avidom oder Paul Ben-Haim schlugen sich diskographisch kaum nieder, und auf Tourneekonzerten präsentiert man Israels führende Komponisten nur ungern. So hat Lahav Shani, der neue Chefdirigent des Orchesters, vor zwei Jahren zwar die 1. Symphonie von Paul Ben-Haim aufgenommen, aber verfügbar ist die Produktion nur als digitaler Download. Und beim Musikfest Berlin begnügte er sich mit dem zehnminütigen Mittelsatz. Warum nur?
Für die beiden Ecksätze wäre genügend Zeit gewesen, denn das Konzert endete trotz zweier Zugaben bereits um 21,40 Uhr, war also eine halbe Stunde kürzer als vergleichbare Veranstaltungen. Eine bedauerliche Entscheidung, auch deswegen, weil der Münchener Paul Frankenberg, der sich 1933 aus Deutschland retten konnte und fortan Paul Ben-Haim nannte, mit seiner Ersten 1940 eine beachtliche symphonische Tradition in Israel begründete. Das unter dem Titel „Psalm“ vorgenommene Arrangement des langsamen Satzes war das bedeutendste Stück dieses Abends, nahm durch seinen idiomatischen, dezent sakralen Charakter spontan gefangen – und weckte Neugier auf mehr, ohne sie zu befriedigen.
Eine Mixtur aus Instrumentalmusik, Gesang und elektronischen Samples
Wir wurden stattdessen von „Many waters“ berieselt, ein erst kürzlich uraufgeführtes Opus für Sopran, Orchester und elektronische Klänge aus der Feder Betty Oliveros. Das Stück gibt sich geheimnisvoll, ist eine Mixtur aus Instrumentalmusik, menschlicher Stimme und elektronisch zugespielten Samples. Es stützt sich auf einen hebräischen Text, den das Programmheft in latinisierter Umschrift wiedergab, nicht aber – dem Wunsch der Komponistin folgend – auf Deutsch. Wir sollen also nicht verstehen, worum es geht, und das haben wir auch. Nur der mehrmalige ekstatische Ausruf ,Hoshana!‘ besaß einen vage nachvollziehbaren Appell. Vor arioser Schönheit immerhin schreckte Olivero nicht völlig zurück, so dass es möglich war, dem makellosen, eleganten Gesang Hila Baggios mit einer gewissen unklaren Anteilnahme zu folgen.
Bei den „Symphonischen Tänzen“ Rachmaninows hingegen ist alles klar. Das letzte Werk des melancholischen Russen beginnt und endet überaus beeindruckend, hängt aber in der Mitte ziemlich durch, weil die Valse triste, an der er sich hier versucht, nicht annähernd die beabsichtigte Suggestivkraft erlangt. Es bleibt viel effektiver Leerlauf, aber auch den verstand der agile Lahav Shani und mit seinem Orchester bravourös zu entfalten. Manchmal allerdings drifteten sie in einen akustisch intransparenten Bereich ab; anders als bei Tschaikowsky gibt es in diesem Stück kein einziges forte fortissimo – man sollte Rachmaninow nicht noch stärker russifizieren, als er ohnehin schon ist.


