Eine Pandemie, eine virulente Klimakrise und einen Krieg in Europa später ist bei Matthes & Seitz ein neuer Essay zur Lage erschienen: „Identitätspolitik“ des Berliner Dramaturgen und Professoren für Theatergeschichte Bernd Stegemann setzt thematisch fort, womit sich Stegemann schon länger auseinandersetzt.

„Die Moralfalle“, ebenfalls aus dem Hause Matthes & Seitz, stand 2018 im Kontext der kurzlebigen Protestbewegung „Aufstehen“, für deren schnelles Ende es keines Virus bedurft hätte. Stegemann hatte als Berater und „Stratege“ jener Gruppierung fungiert, deren Diskurspole Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht bildeten. „Identitätspolitik“ schlösse nahtlos daran an, hätten sich die globalen Konfliktlagen im Verhältnis zu 2018 nicht stark verdichtet. So verhandelt „Identitätspolitik“ nun monothematisch, was Stegemanns vorangegangene drei Bücher bereits prägte: die substanzielle Kritik an zeitgenössischer linker Politik und ihrer zunehmenden Blindheit für soziale Fragen zugunsten der Förderung, so wörtlich, „feudaler“ Strategien und „totalitärer“ Mittel der Identitätspolitik.

Unter Identitätspolitik ist jener Paradigmenwechsel linker Politik zu verstehen, nach dem nicht mehr Aushandlungsprozesse das Mittel zur Wahl von Konfliktlösungen bilden, sondern Legitimation durch Zugehörigkeit: Identitätspolitik setze die Interessen von immer mehr und kleiner werdenden Einzelgruppen durch, die bis dato unter Mehrheitsentscheidungen unberücksichtigt geblieben seien. Damit hebele sie die demokratische Basis des Egalitätsparadigmas aus. „In einer ersten Definition könnte man festhalten: Identitätspolitik ist Politik der ersten Person“, so Stegemann, sie sei „die älteste Form von Politik“ im Sinne der Interessenvertretung einer Gruppe. Erschöpfte Politik sich jedoch in bloßem Lobbyismus, wäre Europa aus tribalistischen Zusammenkünften nicht herausgekommen. Diesen Vergleich nimmt Stegemann zum Ausgangspunkt zu erläutern, was Identitätspolitik im Alltag der westlichen Gesellschaften anrichte.

Die Identitätspolitik entspricht dem Regime der Selbstoptimierung

Bernd Stegemann: Identitätspolitik. Matthes & Seitz, 110 Seiten, 12 Euro.
Bernd Stegemann: Identitätspolitik. Matthes & Seitz, 110 Seiten, 12 Euro.© Verlag

Es ist ein düsteres Bild vom Mentalitätszustand des politischen Diskurses. Den Kern seiner Kritik verortet Stegemann in dem Vorwurf, linke Identitätspolitik leiste dem ausbeuterischen Kapitalismus Vorschub: „Sie entspricht dem neoliberalen Regime der Selbstoptimierung.“ Den Zusammenhang von fehlendem Klassenbewusstsein, Moral und ihrer kapitalistischen Instrumentalisierbarkeit hatte Stegemann schon in „Die Moralfalle“ betont. Auch damals hatte er die populistischen Aspekte dieser Gedanken, soziale Probleme gegen Migrationsprobleme auszuspielen, entweder fahrlässig übersehen oder billigend in Kauf genommen. In „Identitätspolitik“ bleiben sie subkutan, blitzen aber immer wieder durch die Oberfläche seiner Gesellschaftskritik.

Stegemanns jüngste Erläuterungen sind prägnant formuliert, allein die Hypothesen wiederholen sich und bringen keine neuen Erkenntnisse. Über die Feststellung, dass die partikularistischen Individualinteressen das Soziale diffundieren ließen, kommt seine Argumentation im Grunde nicht hinaus. Das ist richtig, aber nicht neu und kein Ansatz zur Bewältigung des Problems. Zwar beruft er sich im Verlauf seiner Erläuterungen immer wieder auf die Aufklärung und beschwört den Universalismus, den Antagonisten der Identitätspolitik und einzig tragfähigen Garanten von Gleichheit als Voraussetzung demokratischer Grundwerte, der auch für partikulare Gruppen gelte. Doch misslingt ihm im Ganzen der eigentlich so wichtige Versuch, die Gründe für die systematischen Fehler und Ideologismen der Identitätspolitik aufzuzeigen. Er verharrt zu sehr in den Beschreibungen ihrer Erscheinungsformen von Black Lives Matter bis zur Letzten Generation, vermischt Phänomene und Strategien.

Das Buch ist eine Bestandsaufnahme der Identitätspolitik, die am Ende wieder bloß als ein politisches Motiv erscheint. Eine geistesgeschichtlich argumentativ angereicherte Ausführung dieser Weltanschauung und ihrer Folgen schwebt hinter Stegemanns Zeilen, bleibt aber in der frustbereicherten Schilderung ihrer Phänomene stecken. Er entlarvt sie nicht als Formen einer Ideologie, auf deren Fundamenten sie ruht: auf der Zersplitterung der Fähigkeit der Gesellschaftsmitglieder, von der eigenen Besonderheit derart zu abstrahieren, dass ihnen einsichtig wird, dass die Besonderheit genau das ist, was alle miteinander teilen. Das, was uns Menschen wesentlich gemeinsam ist, ist unsere Unterschiedlichkeit. Die Leugnung dieser Identität aber, egal, aus welchen Motiven, führt unweigerlich zum Konflikt, wenn jeder sich dem anderen gegenüber als ausschließlich besonders behauptet.

Die Widersprüchlichkeiten sind Grundlage jedes Zusammenlebens

Der logische und im Kern, da hat Stegemann Recht, totalitäre Fehler, den das Konzept der Identitätspolitik begeht, besteht darin, die Unterschiedlichkeit zu bewerten und dadurch das Egalitätsversprechen zu brechen, das es nach eigener Auskunft – zumindest für seine Peer-group – befördern wollte. Dass Stegemann dies nicht herleitet und die Interessen der sich benachteiligt fühlenden Einzelnen gegen die Interessen sozial benachteiligter Gruppen ausspielt, verleitet ihn dazu, denselben Fehler wie die linke Identitätspolitik zu begehen: Er bewertet Unterschiedskonzepte nach Gruppenzugehörigkeit, wendet also doppelte Standards auf den Vorwurf der doppelten Standards an, anstatt auf den Kategorienfehler der Identitätspolitik hinzuweisen: die Verwechslung von Identität und Gleichheit, von Identifikation und Identität oder auch, wie Susan Neiman in ihrem ebenfalls jüngst erschienenen Essay „Links ≠ Woke“ auf den Punkt gebracht hat, von Macht und Gerechtigkeit.

So kann Stegemann vor allem nicht aufzeigen, worin wirklich die fatalen Fehler der linken identitätspolitischen Strategie liegen und worin sie anschlussfähig werden an die rechte Identitätspolitik, die korrekter unter dem Namen Nationalismus und Faschismus läuft, nämlich die Unfähigkeit zur Ambiguitätstoleranz, der Weigerung, anzuerkennen, dass Widersprüchlichkeiten Grundlage jedes Zusammenlebens sind.