Es ist soweit: Die erste Chefdirigentin in der Geschichte Berlins wird am Donnerstag ihren Einstand im Konzerthaus geben. Joana Mallwitz wird in der Stadt und weit darüber hinaus viel Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie zum Saisonstart am Pult des Konzerthausorchesters die drei ersten Sinfonien von Kurt Weill, Sergei Prokofjew und Gustav Mahler dirigiert. Die Dirigentin beginnt symbolisch ganz von vorn – was programmatisch eine bezaubernde Einstiegsidee ist. Zuvor war sie Generalmusikdirektorin des Nürnberger Staatstheaters. Seit Montag probt sie am Gendarmenmarkt.

Wenn man sich die Fotos der Neuen vom Konzerthaus anschaut, fällt sofort auf, dass die 37-Jährige fast immer lächelt und etwas Mädchenhaftes offenbart. Joana Mallwitz’ Lächeln fällt einem umso mehr auf, wenn man den Vergleich mit den Berliner Philharmonikern sucht. Kirill Petrenko gehört nicht zu den Chefdirigenten, die man zuerst mit Fröhlichkeit und offenem Zugehen aufs Publikum verbindet. Wobei der Eindruck täuscht, weil Petrenko auf vielen Fotos verschmitzt wirkt, aber das Image der Philharmoniker lebt von der Ernsthaftigkeit des Klassikbetriebs. Und auch von einer gewissen elitären Verschlossenheit. Das Konzerthaus hat sich in der Intendanz von Sebastian Nordmann dem Prinzip der Öffnung verschrieben. Es geht vor allem auch um neue Programmformate jenseits des traditionellen Konzertbetriebs.

Die neue Chefdirigentin ist dementsprechend im Vorfeld auch nicht als Mahler-, Brahms- oder Sonst-wer-Spezialistin eingeführt worden, sondern als eine zugängliche Dirigentin, die die Vermittlungsarbeit nicht scheut. Sie hat bereits „Expeditionskonzerte“ in ungezwungener Atmosphäre und „Night Sessions“ mit Gästen, die nicht aus dem Musikbetrieb stammen müssen, im Konzerthaus angekündigt. Als Chefdirigentin will sie bei Abokonzerten selbst vors Publikum treten und die Einführungen machen. Dafür setzt sie sich mal schnell an den Flügel. Die Einführungen hat sie zuvor schon bei ihren Stationen in Erfurt und Nürnberg gemacht. Das ist umso bemerkenswerter, weil viele andere Dirigenten vor Konzerten als aufgelöst oder unzugänglich gelten.

Bei sieben Orchestern in Berlin ist eine Chefdirigentin etwas besonderes

In Gesprächen ist inzwischen zu hören, dass es doch völlig normal ist, wenn Frauen in Spitzenpositionen kommen. Das müsse nicht immer extra betont werden. Auf die erste Berliner Chefdirigentin sollte man schon hinweisen. Wenn es so normal wäre, dann hätten sich bei sieben großen Orchestern in der Stadt Dirigentinnen schon längst den Chefstab in die Hand gegeben. Aber davon ist Berlin weit entfernt. Joana Mallwitz ist tatsächlich eine Trendsetterin. Das unterscheidet sie von anderen Personalien im Musikbetrieb. Beispielsweise haben die Philharmoniker unter Petrenko in ihrer Saisoneröffnung gerade ihre erste Konzertmeisterin Vineta Sareika-Völkner präsentiert. Die Geigenvirtuosin sah sich bejubelt. Aber genau genommen hinken die Philharmoniker dem Trend hinterher, andere Berliner Orchester waren viel früher viel offener.

Im Klassikbetrieb ist es weniger eine Frage der Quote, sondern der Chancengleichheit und Anerkennung von künstlerischer Leistung. Anders als in der Politik, wo es möglich ist, mit geschönten Lebensläufen oder abgebrochenen Studien Spitzenämter auszuüben, muss sich die neue Chefdirigentin im Einstandskonzert 86 Orchestermusikern und -musikerinnen gegenüber professionell behaupten. Eine dicke Mahler-Besetzung will zusammengehalten und inspiriert sein. Dafür ist eine musikalische Ausbildung seit der Kindheit erforderlich. Joana Mallwitz, Lehrertochter aus Hildesheim, lernte bereits mit fünf Jahren das Violin- und Klavierspiel.

Als 13-Jährige kam sie in der Hochschule in Hannover ans gerade neu gegründeten „Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter“. Das war ihr erster Kontakt mit symphonischer Musik. In ihrer Gruppe gab es nur vier Teilnehmer, einer davon war der Pianist Igor Levit. Es ist nicht zu übersehen, dass jetzt eine neu denkende Generation von Spitzenmusikern den Betrieb übernimmt. Bei aller Offenheit betont Joana Mallwitz in Gesprächen aber immer wieder, dass große Konzertorchester eine hierarchische Angelegenheit sind. Jeder hat seine Aufgabe, auch die Frau am Pult. Darüber spricht Joana Mallwitz ziemlich selbstbewusst.

Die ausgewiesene Operndirigentin muss sich nun im Konzertrepertoire beweisen

Was Joana Mallwitz mit Kirill Petrenko verbindet, ist, dass sich beide zuerst in der Oper einen Namen gemacht. Petrenko kam über Meiningen, die Komische Oper und die Bayerische Staatsoper zu den Philharmonikern. Joana Mallwitz wurde bereits mit 27 Jahren Generalmusikdirektorin in Erfurt und hat danach Nürnberg zu einem kleinen Opernmekka gemacht. Ihr eilt der Ruf einer Ausnahmedirigentin voraus. Jetzt wird sich die ausgewiesene Operndirigentin im Konzertrepertoire beweisen müssen. Bleibt zu hoffen, dass sie bei aller Offenheit der Konzertformate die abgründigen Geheimnisse der Musik zu vermitteln vermag.

Hinter ihrem Lächeln offenbart sich immer wieder selbstironischer Humor. Früher wollte sie Polarforscherin oder Filmkomponistin für Hollywood werden, sagte sie im Interview. Oder mit Pferden in Irland leben. Keinesfalls würde sie dem Nachwuchs raten, Dirigent oder Dirigentin zu werden. Aber wer es tue, sei an der richtigen Stelle. Berlin kann eine rundum sympathische Chefdirigentin begrüßen.