Stark war dieser Jahrgang von Tanz im August: Selbstbewusst behauptet die bewegte Kunstform ihre Eigenart – man muss nichts verstehen oder entschlüsseln, und doch lässt sich im Tanz sehr viel erzählen. Marlene Monteiro Freitas etwa parodiert in „Mal. Embriaguez Divina“, zu deutsch „Das Böse. Göttliche Trunkenheit“, die westliche Welt und ihre machtvoll-gewalttätigen Marotten. Aus dem Blickwinkel der in Berlin bestens bekannten kapverdischen Choreographin äußern sie sich in sinnentleerten, skurril-bizarren Aktionen in überkommenen Institutionen. Vom Militär über das Gericht bis zur Oper nimmt Freitas in ihrem Volksbühnen-Gastspiel alles aufs Korn, was den modernen Nationalstaat ausmacht.
Sabbernd und brabbelnd hängt ein Richter über der Kante seiner Bank, mechanisch marschiert ein Soldat, eine von der Tanzsucht ergriffene kirchliche Prozession zieht um die Bühne. Wie im Klischeebild einer „Irrenanstalt“ basteln die neun Performerinnen aus Papier Mauern und Festungen oder kostümieren sich für einen Karneval, den Detonationen und Schüsse untermalen. Oder sie ahmen ein Publikum nach, wenn sie zu „Schwanensee“ hingerissen zuckend klatschen und mit lila Handschuhhänden Entenfüße wedeln. Ein Höhepunkt zum Abschluss des Festivals, trotz einiger Längen.
An Highlights mangelte es nicht in der 35. Ausgabe des internationalen Festivals, das erstmals unter der Leitung von Ricardo Carmona stattfand. Frappierend die Lebendigkeit und Intensität, die in den zweieinhalb Wochen allüberall begegnete – Rauschhaftes, das sich explosiv Bahn bricht, hochkontrolliert entgleisende Körper. Freude, gemischt mit Wut, Verzweiflung und umwerfender Beharrungskraft: die volle Packung Leben. Nach der Pandemie, von der der Tanz als Kunst der Körper, der Nähe und des Verbundenseins besonders betroffen war, ist eine Dringlichkeit zu spüren, die eigene Arbeit wieder vorbehaltlos zu teilen. Und an ihr Anteil zu haben: In den meist ausverkauften Vorstellungen gab es fast immer stehende Ovationen – auch beim Publikum scheint der Funke übergesprungen.
Das diverse Ensemble zitiert höfische Reigen oder Postmodern Dance
as gab es aber auch zu sehen! In „Age of Content“ sampelt das Kollektiv (La)Horde mit dem Ballett Marseille Bewegungen aus Actionfilmen, Videospielen und TikTok-Videos zu einer rasanten, hypervirtuosen Show. Da ruckelt ein Avatar, bevor er in den Angriffsmodus geht; auf einem Auto-Gerippe prügelt sich eine Truppe Martial-Arts-Kämpferinnen; und zu einem Minimal Music-Track werden in rasendem Tempo Ausschnitte aus Musikvideos geboten. Beifallsstürme. Die gab es auch bei Trajal Harrell, der mit „The Romeo“ einen seiner melancholisch-leichtfüßigen Abende mitbrachte, die so fest in der Tanzgeschichte ankern wie in den Subkulturen Schwarzer Communities. In den Laufstegposen des Voguing schwingen üppige Upcycling-Kostüme, dann wieder zitiert das diverse Ensemble höfische Reigen oder den Postmodern Dance, und das alles vor einer Laube, die Shakespeares zeitlos tragisch Liebende heraufbeschwört. Bravo-Rufe.
Gefeiert wurden auch Anne Teresa de Keersmaeker und ihr Ensemble, die mit „Exit Above. after the tempest“ ebenfalls auf Shakespeare Bezug nehmen: In dessen „Sturm“ übergibt der Inselherrscher Prospero am Schluss die Macht an die nächste Generation. Und so lässt auch Keersmaeker den Tänzern Raum für HipHop zwischen streng zeitgenössischer Abstraktion und ihrem in Berlin vertrauten, beherrscht-beschwingten Tanz-Idiom. Eine sensationelle Melange in einem auf lässige Meisterschaft getrimmten Abend.


