Das Royal Concertgebouw Orchestra ist extra aus Amsterdam angereist, um das Musikfest Berlin 2023 einzuläuten. Und das nicht zum ersten Mal: Letztes Jahr hatten sie Mahlers Sechste Sinfonie im Gepäck und den jungen Klaus Mäkelä an der Seite, ihren designierten Chef. Diesmal spielen sie Mahlers Siebte unter ihrem 72-jährigen Ehrengastdirigenten Iván Fischer. Ein Name, der dem Berliner Klassikpublikum vertraut sein dürfte. Schließlich war der ungarische Maestro von 2012 bis 2018 Chefdirigent des Konzerthausorchesters am Gendarmenmarkt. Gerngesehener Gast ist er darüber hinaus auch bei den Berliner Philharmonikern – nicht zuletzt als Mahler-Interpret.

Umso interessanter nun, das Royal Concertgebouw mit den Berlinern Philharmonikern, die tags zuvor ihre Saison eröffneten, zu vergleichen: Die Holzbläser der Niederländer wirken kerniger, die Blechbläser herber. Und die Streicher generell dunkler und bodenständiger. Der Reiz an Fischers Mahler-Deutung besteht darin, diesem direkteren Orchesterklang entgegenzuwirken. Er dämpft die Dynamik, lässt die Streicher schlank und mit wenig Vibrato spielen.

Jörg Widmanns Orchesterliedern fehlt der doppelte Boden

Es entsteht eine Transparenz und Leichtigkeit, die man weder bei Mahlers Siebter noch vom Concertgebouw erwarten würde. Faszinierend auch, wie Fischer zwischen den fünf Sätzen der Mahler-Siebten vermittelt, wie er überzeugende Zusammenhänge schafft trotz großer charakterlicher Gegensätze. Fischers Trick ist die Betonung des Tänzerischen: von schwungvoll bis elegant, von wiegend intim bis rustikal. Dadurch schafft er lebendige Vielfalt und Einheitlichkeit zugleich.

Etwas enttäuschend dagegen die Auszüge aus Jörg Widmanns Orchesterlieder-Zyklus „Das heiße Herz“ von 2018. Es ist eine Musik, die sich stilistisch stark an Mahlers Musik anlehnt. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass Widmanns lautmalerischen Effekten und Kitschmomenten der doppelte Boden fehlt. Insgesamt wirkt das wie eine lustbetonte Spielerei mit Klangfarben und Zitaten – ohne zu einer eigenen Sprache zu finden. Das Beste daran: Michael Nagys fein nuancierte, warmherzige Baritonstimme.