Roter Teppich in der Philharmonie, Blitzgewitter. Viel Prominenz aus Showbusiness und Politik, darunter auch die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, hat sich beim Eröffnungskonzert eingefunden. Die Vorfreude ist mit Händen zu greifen an diesem Freitagabend, der in zahlreichen Kinos übertragen wird. Denn endlich ist es soweit: Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko geben den Startschuss für die neue Klassiksaison. Mit einem glanzvollen Reger-Strauss-Doppel, wie es für Chefdirigent Petrenko typisch ist.

Halbvergessene Frühmoderne trifft hier auf spätromantisches Philharmoniker-Kernrepertoire, Max Regers üppige „Mozart-Variationen“ op. 132 stehen direkt vor Richard Strauss‘ auftrumpfender Tondichtung „Ein Heldenleben“ op. 40. Was beide Werke gemeinsam haben, ist der Hang zum Kitsch und zum Überbordenden. Und zur demonstrativen Gelehrsamkeit. Ausgangspunkt bei Reger ist das bekannte A-Dur-Thema aus Mozarts Klaviersonate KV 331. Der Komponist präsentiert sie in mal lieblichen, mal opulenten Orchesterfarben. Er variiert sie durch allerlei harmonische Kniffe und Modulationen, um am Ende zu einer großen Fuge auszuholen.

Und was macht Petrenko? Er setzt auf intimen Wohlklang und feierliche Farbenpracht. Er kostet die nostalgischen Momente der Partitur aus. Und er lässt die Philharmoniker so nuanciert spielen, dass man ihnen gern und aufmerksam zuhört. Erst in der Fuge machen sich Längen bemerkbar, was einerseits an Reger liegt und seinen vielen Wiederholungen. Und anderseits an den Philharmonikern, die ab der Fugenmitte auf nüchterne Routine umschalten.

Die Tondichtung hat Strauss den Vorwurf des Größenwahns eingebracht

Ganz in seinem Element ist das Orchester dafür in Strauss‘ „Heldenleben“. Ein Werk, das gut zum diesjährigen Philharmoniker-Saisonschwerpunkt „Heroes“ passt – und dem Komponisten häufig den Vorwurf des Größenwahns eingetragen hat. Denn natürlich stilisiert sich Strauss in dieser Tondichtung selbst zum Helden. Am deutlichsten erkennbar ist das im Abschnitt „Des Helden Friedenswerke“, in dem Strauss aus früheren eigenen Werken zitiert. Und am ausgedehnten Violin-Solo in „Des Helden Gefährtin“. Die abrupten, unberechenbaren Charakterschwankungen erinnern hier sehr an Strauss‘ Beschreibungen seiner Frau Pauline. Konzertmeisterin Vineta Sareika-Völkner entschärft dieses Pauline-Porträt allerdings auf angenehme Weise. Ihr Spiel hat Würde und Liebreiz, Ausdrucksstärke und Wärme.

Die neue erste Konzertmeisterin Vineta Sareika-Völkner im Konzert der Berliner Philharmoniker.
Die neue erste Konzertmeisterin Vineta Sareika-Völkner im Konzert der Berliner Philharmoniker. © Monika Rittershaus

Auffällig auch, wie schlank und gradlinig Petrenko den Helden Strauss zu Beginn präsentiert – ohne freilich auf explosive Effekte und beträchtliche Lautstärken zu verzichten. Es ist eine Strauss-Deutung, die von viel Selbstbewusstsein und technischem Können zeugt. Der Höhepunkt des Abends kommt aber noch: die kriegerischen Auseinandersetzungen in „Des Helden Walstatt“. Der Schrecken, den Petrenko hier entfesselt, lässt nicht nur an Schostakowitschs Sinfonien denken, sondern auch an den aktuellen Ukraine-Krieg. Ursprünglich ging es Strauss wohl nur um die Auseinandersetzung zwischen Anhängern unterschiedlicher Kunstauffassung – bei Petrenko klingt es jetzt nach Kampf auf Leben und Tod. Eine Extremsituation, nach der die Philharmoniker nur mit Mühe zum Heldentum zurückfinden.

Eine Extremsituation, die umso mehr erschüttert, als Petrenko dem Helden Strauss zuvor durchweg freundliche Charakterzüge verliehen hat. Im Abwartemodus befinden sich die Philharmoniker im anschließenden Abschnitt „Des Helden Friedenswerke“. Und bieten damit dem Zuhörer zum ersten Mal Gelegenheit, über Strauss‘ Komposition nachzudenken. Klar, sein „Heldenleben“ ist plakativ und platzt aus allen Nähten. Und trotzdem fasziniert es immer wieder, wie er hier Wagners Leitmotivik mit Brahms‘ kontrapunktischem Denken verbindet. Und darüber hinaus sinfonische Form und Sonatenhauptsatz à la Liszt miteinander verschmilzt. Bei Petrenko ist das hörbar. Weil es ihm bei aller spektakulärer Dramatik auch ums Handwerkliche geht.

Den größten Jubel erntet die neue Konzertmeisterin Vineta Sareika-Völkner

Den größten Jubel ernten an diesem Abend übrigens weder Strauss noch Petrenko. Sondern Konzertmeisterin Vineta Sareika-Völkner als „Des Helden Gefährtin“. Für Sareika-Völkner ist es die erste Saisoneröffnung, im Februar 2023 hat sie die Nachfolge von Konzertmeister Daniel Strabrawa angetreten. Sie ist die erste Konzertmeisterin in der Geschichte der Berliner Philharmoniker. Dass Sareika-Völkner nun ausgerechnet mit einer Paradestelle der Konzertmeister-Literatur auftritt, die für eine Frau geschrieben ist, aber so gut wie nie von einer Frau aufgeführt wird – das ist der zusätzliche Coup im Eröffnungskonzert. In den kommenden Tagen wird Sareika-Völkner gemeinsam mit den Philharmonikern und Petrenko auf Konzertreise gehen, mit Stationen in Salzburg und Luzern, Paris und Luxemburg.

Parallel dazu nimmt wie gewohnt das Musikfest Berlin die Philharmonie in Beschlag – diesmal mit den Komponistenschwerpunkten Gustav Mahler, Sergej Rachmaninov und George Benjamin. Erst zwei Wochen später mischen die Berliner Philharmoniker beim Musikfest mit: Am 9. September spielen sie erstmals unter der Leitung von Jörg Widmann, ihrem diesjährigen „Composer in Residence“. Eine Woche später ist dann wieder Petrenko an der Seite der Philharmoniker zu erleben, mit einem mutigen Xenakis-Hartmann-Kúrtag-Programm.