Es gibt kaum einen Popstar, der bei Konzerten so nahbar ist wie Sarah Connor. Sie holt nicht nur Fans auf die Bühne, um ihnen einen unvergesslichen Moment zu bescheren, sie steigt auch schon mal in den Pulk hinunter, um Zuschauer zu umarmen. Womit sie ihrer Security zuweilen einen gehörigen Schrecken einjagt. Eines ist gewiss: Die 43-Jährige ist eine echte Naturgewalt. Stimmlich und menschlich.

Letztes Jahr stand die Wahl-Berlinerin nach 844 Tagen pandemiebedingter Zwangspause endlich wieder auf der Bühne, startete mit über 50 Konzerten und der Fortsetzung ihrer „Herz Kraft Werke“-Tour voll durch. Und die Fans bekommen noch lange nicht genug von ihr. Am Freitagabend macht sie unter dem Motto „Sommer Open Air 2023“ auch Station in der Waldbühne. Dabei sah es noch zu Beginn des Jahres erst so aus, als könnte Sarah Connor ihre Deutschlandtournee nicht antreten, denn sie hatte sich kurz vor dem Jahreswechsel beim Skifahren eine brutale, dreifache Verletzung am Knie zugezogen: „Mein Kreuzband ist gerissen, mein Meniskus und Knieinnenband sind angerissen“, verriet sie auf Instagram.

Die Musikerin musste quasi wieder laufen lernen und ihrem Knie alles neu beibringen. Vier Monate intensive Physiotherapie standen bei ihr auf dem Programm, um bis zum Tourstart wieder fit zu sein. Aber bekanntlich steckt hinter ihrem sympathischen Lächeln eine echte Kämpferin. Wenn ihr etwas wichtig ist, kann Sarah Connor nämlich außerordentlich hartnäckig sein. 1980 als Sarah Lewe im niedersächsischen Delmenhorst geboren, stammt sie aus einer deutsch-amerikanischen Familie. Ihr Großvater väterlicherseits war Pianist für Jazz und Rhythm and Blues. Der Vater selbst kommt aus New Orleans und soll ihr die Liebe für den Soul in die Wiege gelegt haben.

Mit 17 Jahren sang sie im Background-Chor von Michael Jackson

In jedem Fall ist Sarah Connor ein Riesentalent und weiß schon sehr früh, dass sie eines Tage Musikerin werden will. In einem „Spiegel“-Interview 2003 sagte sie: „Mir ging es ja von Anfang an ums Musikmachen.“ Und dafür tut sie von klein auf einfach alles. Bereits mit sechs Jahren singt sie in einem Gospelchor, belegt Streetdance-, Hip-Hop- und Jazztanzkurse, besucht die Musikschule. Die Eltern zahlen den Klavierunterricht, sie selbst den Gesangsunterricht. Im Gymnasium belegt sie als Schwerpunkt das Fach Musik. Mit 17 singt sie einmalig im Background-Chor von Michael Jackson. Sie nimmt Demo-Tapes auf und nimmt den Künstlernamen Sarah Gray an, kassiert aber von den großen Plattenlabels Absagen. Im Jahr 2000 unterschreibt sie schließlich ihren ersten Plattenvertrag, bricht daraufhin die Schule ab und heißt fortan Sarah Connor.

2001 ist die damals 21-Jährige die Pop-Überraschung des Jahres. Selbst in den USA wird man auf sie aufmerksam. Die Single „Let’s Get Back To Bed, Boy“ platziert sich nicht nur prompt in den Hitlisten, sondern ist auch der Auftakt zu einer rasanten Karriere. Ein Charterfolg jagt den nächsten. Als frischgebackener Star strahlt Sarah Connor auf roten Teppichen in die Kameras und lässt ihr Liebesleben in der Doku-Soap „Sarah und Marc in Love“ gleich mit abfilmen. Mit Marc Terenzi, dem ehemaligen Frontsänger der US-Band Natural, war die Musikerin von 2004 bis 2010 verheiratet. Aus der Ehe stammen zwei Kinder.

Nach dem Ehe-Aus mit Marc Terenzi wurde es eine Weile ruhiger um Sarah Connor. Seit 2010 sind sie und ihr Manager Florian Fischer ein Paar. Seit 2017 sind sie verheiratet. Aus Sehnsucht nach einem normalen Leben besuchte die heutige Vierfach-Mutter zwischenzeitlich als Gasthörerin Philosophie-Vorlesungen an der Freien Universität. Ein echter Gamechanger war aber ihre Teilnahme 2014 bei der Vox-Reihe „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“. Weil sie großen Spaß daran hatte, die deutschsprachigen Lieder ihrer Kollegen zu interpretieren, entschloss sie sich, auf Deutsch statt auf Englisch zu singen. Das Ergebnis war die Single „Wie schön du bist“ im Mai 2015, ihr erster Top-Ten-Hit seit sechs Jahren.

Die Interpretin hat die Kontrolle über die eigenen Texte übernommen

Seitdem ist Sarah Connor unter die Songwriter gegangen. Dabei hatte man ihr noch zu Anfang ihrer Karriere gesagt: „Schreib bloß keine eigenen Songs. Du singst, du siehst gut aus. Du musst deine Songs nicht selbst schreiben.“ Davon hat sie sich emanzipiert. Längst schon hat sie die Kontrolle über ihre Musik und ihre Texte. Der Erfolg ihrer Alben „Muttersprache“ und „Herz Kraft Werke“ gibt ihr Recht. Hatte sie früher mal für Skandälchen gesorgt, weil sie aus Nervosität 2005 eine Zeile der Nationalhymne umdichtete oder versehentlich 2002 ein ziemlich transparentes Kleid bei „Wetten dass …?“, gerät sie mittlerweile in die Schlagzeilen, wenn sie in ihren Lieder Klartext spricht.

Bestes Beispiel ist der Coming-Out-Song „Vincent“, dessen erste Zeile für mächtigen Ärger sorgte. Mancher Radiosender störte sich an dem Satz „Vincent kriegt kein’ hoch, wenn er an Mädchen denkt“. Einige verkürzten den Song, andere verbannten ihn aus dem Programm. Eine vorgestrige Haltung, die bei Sarah Connor auf keinerlei Verständnis stieß. „Vincent“ wird wohl auch in der Waldbühne auf der Setlist stehen. Und wie immer dürfte der Jubel des Publikums groß sein. Ihre zahlreichen englischsprachigen Hits singt die Powerfrau – künstlerisch erwachsen geworden – indes meist nur noch als Medley.

Waldbühne, Glockenturmstr. 1, Charlottenburg, Tickets 01806/ 57 00 99. Am 25.8., 19.30 Uhr