Madita Oeming gilt als Pionierin der deutschen „Porn Studies“. Die Wissenschaftlerin plädiert für Gelassenheit im Umgang mit Pornos. Ihr Buch „Porno: Eine unverschämte Analyse“ erscheint am Dienstag bei Rowohlt. Ein Gespräch mit der Amerikanistin.

Frau Oeming, warum braucht es dieses Buch?

Madita Oeming: Weil in Deutschland eine große Schere zwischen der breiten Nutzung von Pornos und fehlendem Dialog sowie Wissen darüber existiert. Diese Lücke will ich schließen.

Großer Kinoerfolg dieses Sommers ist der Film „Barbie“. Würde Barbie heute Pornos gucken, oder nur ihr Partner Ken, oder sogar beide gemeinsam?

Tragischerweise haben weder Barbie noch Ken Genitalien, die sie stimulieren können. Wenn ich an den Film denke: Da ist ja im Grunde die Welt von Barbie als Matriarchat entworfen. In meiner Vorstellung von Barbieland als eine frauenregierte Welt wäre weibliche Lust niemals so unsichtbar gemacht und stigmatisiert worden wie bei uns in den vergangenen 200 Jahren. Deshalb würden alle Barbies Pornos gucken, die auch von Barbies gemacht wären, und ohne Schuldgefühle dazu masturbieren.

Wie erklären Sie sich unser Schweigen über Pornografie, obwohl es täglich bis zu 100 Millionen Nutzer und Nutzerinnen gibt?

Ich sehe verschiedene Gründe: Wir gucken Pornos meistens alleine. Durch die rasante Verbreitung im Internet müssen wir uns keinen peinlichen Situationen wie etwa früher in der Videothek aussetzen. In dieser Anonymität nutzen wir teilweise Inhalte, bei denen es uns unangenehm wäre, andere würden davon erfahren. Tendenziell sind unsere Pornofantasien extremer als unsere gelebte Sexualität. Es besteht gewissermaßen eine „moralische Inkongruenz“. Wir sehen uns Dinge an, bei denen wir das Gefühl haben, die sind falsch, bei deren Betrachtung wir ein schlechtes Gewissen haben, etwa auch, diese Industrie zu unterstützen. Und da wir nicht darüber reden, denken wir, nur wir tun das und seien deshalb nicht ganz „normal“. Wofür wir uns noch mehr schämen. Ein Teufelskreis.

In Ihrem Buch zeigen Sie, dass die Pornokategorien Lesbisch und Schwarz bei dem mehrheitlich weißen hetero-männlichen Publikum besonders beliebt sind. Wie geht das zusammen?

Darüber kann ich nur spekulieren. Es fehlt an fundierten Studien. Sexuelle Fantasien sind komplex. Das, was uns fremd ist, kann einen besonderen Reiz ausüben, geradezu fetischisiert werden. Heteromänner könnten lesbische Sexszenen besonders spannend finden, weil es fern ihres eigenen Erlebens ist. Oder weil sie es entspannend finden, sich nicht mit einem Pornopenis messen zu müssen. Andererseits suchen Menschen oft sich selbst im Porno, um sich identifizieren zu können. Es gibt keine einheitlichen Regeln, denen Pornoguckgewohnheiten folgen. Vereinfachte Annahmen wie: alle Männer suchen nach maximal unrealistischen Pornoszenen, in denen Frauen nur erniedrigt werden, greifen jedenfalls zu kurz. Ich wünschte mir an dieser Stelle eine Anerkennung der Vielfalt und Individualität von Pornofantasien fernab von Genderstereotypen.

In Ihrem Buch nimmt das 19. Jahrhundert einen sehr prominenten Platz ein. Weshalb?

Weil ich denke, dass da einfach sehr viel schief gelaufen ist in Sachen Sexualität. Auch diese Angst vor der Masturbation. Da sind wir beim Samenverschwenden, aber eben auch bei der weiblichen Lust als vermeintlich gefährliche, unkontrollierbare Macht. Das ist etwas, das in unserer Gesellschaft verankert ist, und wovon wir endlich wegkommen müssen.

In einer Empfehlung für Männer auf Freundinnensuche forderte der AfD-Europapolitiker Maximilian Krah kürzlich: „Guckt keine Pornos“. Was halten Sie von dieser Aussage?

Ich wusste gar nicht, ob ich über dieses TikTok-Video lachen oder weinen soll. Es ist nichts Neues, dass sich rechte Gruppierungen aus einem Festklammern an veralteten Geschlechterrollen und konservativen „Werten“ heraus überwiegend anti-Porno positionieren. Interessanterweise überschneiden sie sich darin mit radikalfeministischen Gruppen. Sie teilen ein Feindbild, wenngleich aus sehr unterschiedlichen Gründen.

Porno - eine unverschämte Analyse, Rowohlt, 256 Seiten, 20 Euro.
Porno - eine unverschämte Analyse, Rowohlt, 256 Seiten, 20 Euro.© Rowohlt

Bedeutet für Sie Pornogucken im Internet überspitzt gesagt das Ende der Phantasie beim Solosex, sprich: ohne Bilder funktioniert es nicht mehr?

Nein, das würde ich nicht sagen. Das erscheint mir ein zu kulturpessimistischer Blick. Ich sehe in Medien immer auch Inspiration. Gerade bei Pornos beschreiben viele Menschen, dass sie dadurch neue Ideen finden, Fantasien entdecken, und auch Anregungen finden für ihre Paar- oder Solosexualität. Allerdings: In dem Moment, in dem ich ohne Visualisierung gar nicht mehr in die Erregung komme, sollte ich mir über mein Nutzungsverhalten Gedanken machen und vielleicht mal eine Weile auf Pornos verzichten. Aber das ist eher eine Frage des Individuums als des Mediums. Dass Porno per se die Fantasie kaputtmacht, kann ich so nicht unterschreiben.

In Ihrem Buch findet sich ein Kapitel namens „Wichsen ist gesund“. Das klingt heftig. Wollen Sie provozieren?

Das Wort mag provokant sein, ja. Aber ich mag es in seiner Drastik. Es wird überwiegend mit Männern verbunden, ich finde aber, wir sollten uns das auch für weibliche Masturbation aneignen. Das übliche Bild vom masturbierenden Mann ist das der Triebabfuhr, das Schnelle, der Porno. Bei Frauen hingegen sehen wir wenn dann das langsame Streicheln unter der Bettdecke. Davon müssen wir wegkommen. Frauen wichsen auch. Und haben auch ein Recht dazu. Deswegen benutzte ich das Wort für alle. Die Aussage, dass Masturbation gesund ist, ist wiederum keine steile These. Vielmehr ein gut belegter Fakt. Solosex ist die ungefährlichste Form von Sexualität und sie sollte einen festen und positiv besetzten Platz in unserer Gesellschaft bekommen. Nicht als Ersatzbefriedigung, sondern als valider Teil unserer Sexualität.

Sie zitieren im Buch Studien, die besagen, dass über die Hälfte der 14- bis 20-Jährigen in Deutschland bereits Kontakt zu Pornoseiten hatte. Wie sollten Eltern und Schulen darauf reagieren?

Mit einer Bildungsoffensive! Verbote und Gesetze können das nicht leisten. Wir können das Internet nicht derart regulieren. Stattdessen sollten wir Jugendlichen Pornokompetenz vermitteln. Für einen kritischen, aber auch lustvollen Umgang mit Pornos. Ihnen vor allem den Unterschied zwischen Pornosex und ihrem eigenen Erleben deutlich machen. Also die Gemachtheit von Pornos verdeutlichen, um Medienkompetenz zu vermitteln. Die Tatsache, dass erst ab einem Alter von 18 Jahren pornografische Inhalte gezeigt werden können, erschwert das im Vergleich zu anderen Medien. Aber es geht auch ohne Bilder. Außerdem braucht es eine umfassende, lustfreundliche, queerinklusive sexuelle Bildung, damit Jugendliche nicht in Pornos nach den Antworten suchen müssen. Und Eltern sollten Gesprächsangebote machen und vor allem möglichst wertfrei damit umgehen, statt Scham zu reproduzieren.

Ab welchem Alter sollte das passieren?

Sobald Jugendliche unbeaufsichtigt auf das Internet zugreifen können, zum Beispiel auf einem eigenen Smartphone, sollten sie zumindest Bescheid wissen, dass es Pornos gibt, sie ihnen begegnen und sie überfordern können. Und dass die Gefühle, die sie beim Betrachten haben, von Ekel bis Erregung, ganz normal sind und es gut wäre, mit einer erwachsenen Vertrauensperson darüber zu sprechen. In Befragungen zeigt sich, dass sich Jugendliche solche Inhalte oft zuschicken, auch ungefragt. Darauf sollten sie vorbereitet sein. Das kann man alles altersgemäß gestalten. Ich halte das Thema ab 12 für relevant, spätestens ab 14. Das ist das durchschnittliche Alter des Erstkontakts mit Pornos.

Buchpräsentation am 4.9. im Pfefferberg Theater, Schönhauser Allee 176, Mitte, 20 Uhr, Eintritt 14 Euro