Es sind Bilder, die Geschichten erzählen: Eine Frau im Ledermantel, die lässig am U-Bahnhof Rosenthaler Platz posiert, in ihrer rechten Hand eine Zigarette, in der linken eine Luger-Pistole. Eine andere Frau, die vor den sorgsam gestutzten Rabatten eines hochherrschaftlichen Landsitzes steht und einen Fächer schwingt, den Mund zum Lachen weit geöffnet. Zwei Frauen vor an einem Tisch, auf dem sich Kunstkataloge und in die Dreidimensionalität verlagerte Stillleben stapeln. Zwei weitere Frauen Arm in Arm vor der nächtlichen Neonkulisse einer großen Metropole.

Das Licht, die Farben, vor allem die Freiheit und die Souveränität der Frauen, verbunden mit all den Fragen, die man an die dargestellten Szenen richten möchte: Das ist es, was die Bilder der britischen Künstlerin Roxana Halls so eigenwillig und faszinierend macht. Im Haus Kunst Mitte an der Heidestraße in der Europacity hat ihr Kuratorin Anna Havemann eine erste umfassende Retrospektive gewidmet – und dabei bereitwillig die Schwierigkeiten in Kauf genommen, die mit der Einfuhr von Werken aus dem Brexit-Land inzwischen verbunden sind.
Zwölf Künstlerinnen werfen in ihren Arbeiten Fragen nach Genderzugehörigkeit, Geschlechterrollen, Diskriminierung und Rassismus auf
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Ausgangspunkt war die Ausstellung „Bodies in trouble“ im Haus, für die Anna Havemann zwölf Künstlerinnen versammelte, die in ihren Arbeiten Fragen nach Genderzugehörigkeit, Geschlechterrollen, Diskriminierung und Rassismus aufwarfen. Darunter Roxana Halls, die in ihren Arbeiten auch immer wieder ihre Verbundenheit mit Berlin thematisiert – dem heutigen, vor allem aber auch mit der Metropole der 1920er-Jahre, in der das Spiel mit geschlechtlicher Identität einen wesentlichen Teil des kulturellen Lebens ausmachte.

Die Retrospektive ist eine von zwei Ausstellungen, die während des Sommers auf zwei Stockwerken im Haus Kunst Mitte besichtigt werden können. Die andere mit dem Titel „To Be – Named“ umkreist mit verschiedenen internationalen Positionen Fragen nach der Bedeutung von Namen, unter anderem mit hochaktuellem Bezug auf die Debatte um die Mohrenstraße in Mitte. Eine gute Gelegenheit, auch einen spannenden Ort kennenzulernen, der in der retortenhaften Atmosphäre der Europacity einen wohltuenden Ruhepol bildet. Das Haus an der Heidestraße 54, erbaut 1870, wurde 2002 vom Künstler Manfred Bartling erworben, der hier mit seiner Ehefrau einen Ort für Künstlerinnen und Künstler einrichtete und die Stiftung mit dem programmatischen Namen „Asyl der Kunst“ gründete.

Als er, bereits verwitwet, im April 2020 im Sterben lag, übertrug er die Leitung der Stiftung an Anna Havemann, ausgebildete Kunsthistorikerin und eine Enkelin des DDR-Bürgerrechtlers Robert Havemann. Mit erheblichem Einsatz und finanzieller Unterstützung der Reemtsma-Stiftung ließ sie die Räume entrümpeln, die Treppenhäuser ausbessern und eine Alarmanlage installieren. Auch machte sie sich um die Bewahrung von Bartlings künstlerischem Erbe verdient, für dessen Gemälde und Grafiken sie Depots im Haus einrichtete. Noch immer ist viel zu tun, der Hof bräuchte zum Beispiel dringend eine Renovierung – aber die Mittel der Stiftung, die keine öffentliche Förderung erhält, sind schmal, die Einkünfte aus den Eintrittsgeldern an der nicht mit viel Laufkundschaft gesegneten Heidestraße überschaubar. Umso eindrucksvoller ist, was Anna Havemann schon aus diesem Ort gemacht hat: Der Rundgang durch die verwinkelten Räume, die jetzt Ausstellungsfläche sind, ist im Vergleich zum traditionellen Museumsbesuch ein Erlebnis ganz eigener Art – privater, näher, zugänglicher. Als würde die Kunst dem Gast das Wohnzimmer öffnen.


