Sie ist Gustav Mahlers Sorgenkind, seine von ihm 1906 in Essen aus der Taufe gehobene und nicht nur deswegen als „Krupp-Symphonie“ verspottete Sechste; es wäre auch ohne die berüchtigten Hammerschläge im Finalsatz ein hartes, gnadenloses Stück. Schon die Tonart a-Moll indiziert ihren Sonderstatus; unter den bedeutenden Symphonikern haben sich nur Mendelssohn, Sibelius und Rachmaninow dieser traurigen, ja tragischen Tonart bedient. Mahlers Sechste hatte es jedenfalls schwerer als ihre Schwesterwerke. Erst die Aufführungen und Aufnahmen von Leonard Bernstein und John Barbirolli führten sie Ende der 1960er-Jahre ins Repertoire.

Solch grandiose Interpretationen sind bis heute natürlich Mangelware. Kent Nagano aber griff nach den Sternen – und kam ihnen nahe. Er führte das von ihm zwischen 2000 und 2006 geleitete Deutsche Symphonie-Orchester Berlin auf eine Höhe, die Mahler-Konzerte selten erreichen. Da dieser Komponist mittlerweile von jedem Provinzorchester und jedem drittklassigen Kapellmeister aufgeführt wird, versinken die Darbietungen allzu oft in Belanglosigkeit und Routine. Mahler ist schon lange das Opfer seiner eigenen Popularität, weswegen ihn Granden wie Carlos Kleiber und Sergiu Celibidache konsequent gemieden haben.

Nagano bewies in der ausverkauften Philharmonie, dass man mit dem so sträflich überspielten Mann nach wie vor unbekannte Klangwelten entdeckten kann. Herrlich holzig und rural die Fagotte, schmerzlich schön die Sforzati der Geigen auf dem höchsten Ton, berauschend wie aus einem geträumten Wald hervordringend die Hörner. Alle Solisten präsentierten sich in Bestform, bewältigten ihre heiklen Aufgaben makellos. Dennoch zerfiel das Ganze nicht in Einzelteile. Der heute 71-jährige US-Amerikaner mit japanischen Wurzeln ließ kaum Raum für Temposchwankungen, bot eine kompakte Lesart, der die irisierenden, ätherischen Passagen nur umso stärker kontrastierten.

Der fatale Holzhammer des Schicksals saust im Finale der Symphonie herunter

Erfahrung von Einsamkeit und Widerspruch der Materie wurden so unmittelbar erlebbar, symbolisiert in den Herdenglöckchen, die als letztes irdisches Geräusch den Bergsteiger erreichen, und in dem fatalen Holzhammer des Schicksals, der im Finale niedersaust. Dem letzten Takt folgten ungewöhnlich lange stille Sekunden des Entsetzens und Entzückens; nur zögernd fanden die Hörer zurück in die reale Welt.

Als Kent Nagano, dem Pose und Eitelkeit fernliegen, vor nunmehr 23 Jahren Berlin eroberte, pflegte ihn die Kritik als dirigierenden Kampfsportler zu bezeichnen, als jemanden, der mit schneidender Präzision und eleganter Kraft ein Orchester zu Höchstleistungen motivieren kann. Dazu ist er noch immer in der Lage; kaum ein anderer Dirigent vermag die Struktur von Musik gestisch derart eindringlich wiederzugeben wie er, kaum einer gebietet, bei aller Vehemenz, über eine vergleichbare Magie. Es ist ein Glücksfall für Berlin, dass Kent Nagano seit seinem Abschied dem DSO als Ehrendirigent verbunden blieb und hoffentlich lange bleiben wird – 70 ist doch kein Alter für einen Samurai.