„Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.“ Unzählige Ost-Berliner strömten noch am Abend des 9. November 1989 nach West-Berlin, nachdem Günter Schabowski mit seinem gestotterten Satz die sofortige Öffnung der deutsch-deutschen Grenze verkündet hatte. „Unverzüglich“ habe auch sie sich von ihrer Hinterhofwohnung in Moabit aus auf dem Weg gemacht, erzählt Fotografin Bettina Flitner – in umgekehrter Richtung.
Immer wieder zog es sie in den Tagen nach dem 9. November in den Ostteil der Stadt. „Da habe ich schnell gemerkt, dass das Narrativ der grenzenlosen Freude über die Maueröffnung nicht durchgängig stimmte“, erinnert sich die gebürtige Kölnerin. Sie habe auch zweifelnde Menschen gesehen, die Angst gehabt hätten vor dem, was sie erwartete. „Ich wollte genauer wissen, was in den Leuten vorging“, sagt die 61-Jährige im Rückblick.
„Was fühlen Sie jetzt?“ – diese Frage stellte Flitner in den Monaten nach dem Mauerfall Menschen aus Ost und West, als sie den brachliegenden Grenzstreifen im ehemals geteilten Berlin erkundete. Knapp 25 Jahre später ging sie in Mestlin in Mecklenburg-Vorpommern mit ihrer Kamera auf Spurensuche mit der Frage „Was ist die DDR für dich?“. Entstanden sind zwei Fotoessays, die ein vielschichtiges Panorama der Umbruchphase in Ostdeutschland seit 1989 ergeben. Rund 50 dieser Fotografien sind aktuell unter dem Titel „Niemandsland und Musterdorf“ im Museum in der Kulturbrauerei zu sehen.
Zu den Fotografien gehören auch Zitate der Porträtierten

Flitners „Reportage aus dem Niemandsland“ war damals ihre erste fotografische Arbeit. Zuvor waren die Bewegtbilder ihr Metier gewesen. Ausgebildet an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, entschied sie sich in den ersten Nachwendemonaten spontan, nicht mit einem Kamerateam, sondern allein und nur mit ihrem Fotoapparat loszuziehen. „Das war für mich viel stimmiger. Mir war klar, dass ich so viel mehr von den Menschen erfahre“, erklärt sie.
Genau erinnert sie sich noch, wie sie an der Wildenbruchstraße in Neukölln durch ein Loch in der Mauer stieg. „Ich dachte, ich wäre mit einer Zentrifuge in einer anderen Welt und einer anderen Zeit gelandet“, erzählt sie. Bei einem ihrer Streifzüge durchs Niemandsland traf sie eine Frau aus dem Ostteil der Stadt mit ihrer Tochter. „Sie fragte mich, ob ich ihren Sohn gesehen hätte. Als ich verneinte, sagte die Mutter: ,Dann ist der doch schon wieder im Westen‘.“ Dieser Dialog sei für sie der Auslöser gewesen, ihre Fotos um Zitate der Porträtierten zu ergänzen. Diese Bild-Text-Kombination wurde zum Markenzeichen der Fotokünstlerin.
„Ob sich was für uns ändert? Nö, eigentlich nicht“, steht als Zitat unter einem Foto von Teenagern, die auf einem Betonsegment der Mauer sitzen. Ein Ehepaar, das Bettina Flitner auf dem Grenzstreifen antrifft, zitiert sie mit dem Satz: „Aus dem Osten? Nee. Wir wohnen seit 30 Jahren in Kreuzberg. Wir waren noch nie drüben. Da gehen wir auch jetzt nicht hin. Was sollen wir denn da?“ Noch bis heute berührt ist die Fotografin vom Zusammentreffen mit einer alten Frau aus Prenzlauer Berg, die sie auf den Treppenstufen eines wenige Tage zuvor abgerissenen Wachturms ablichtete. Zitat unter dem Foto: „Ich hab’ 500 Mark im Monat. Früher hat das Essen 30 Pfennige gekostet. Jetzt kommt’s aus dem Westen und kostet ab nächste Woche 4 Mark. Dann hör‘ ich auf zu essen und spar’ auf die Beerdigung.“
Einige der einstigen DDR-Bürger wollten nichts mehr erzählen
Als Bettina Flitner 2014 wieder eine Fotoreportage über Menschen im Osten machte, mietete sie sich für einige Wochen im einstigen „sozialistischen Musterdorf“ Mestlin ein. „500 dieser Vorzeigedörfer mit städtischem Standard wollte die DDR-Staatsführung einst einrichten, entstanden ist nur dieses eine“, weiß die Fotografin.
Sie klingelte an den Türen und fragte die Einwohner, was sie denn noch aus der DDR hätten. „Auf Dachböden und in Schränken haben sie Dinge wiederentdeckt, Sportabzeichen ebenso wie Fahnen. Mit den Dingen kam auch die zuvor weggeräumte Geschichte, die weggesperrte Erinnerung zurück“, erzählt Bettina Flitner. Manche Bewohner hatten wohl einen so klaren Schlussstrich unter die DDR-Vergangenheit gezogen, dass sie nichts mehr aus dieser Zeit erzählten – mit dem Ergebnis, dass bei einigen jungen Leuten im Ort ein ziemlich schräges Bild der Jahre vor 1990 existierte. So gab der 17-jährige Kevin, der sich von Bettina Flitner auf seinem Simson-Moped ablichten ließ, zu Protokoll: „Es gab keine Autos, nur Pferde und Kutschen. Aber die Leute waren freier, hat mein Opa gesagt. Und alles war billiger.“
Die Schwarz-Weiß-Fotos vom Mauerstreifen und die Farbfotos aus Mestlin präsentiert das Museum in der Kulturbrauerei in zwei verschiedenen Räumen. Das ist folgerichtig, denn es sind zwei in sich abgeschlossene Fotoserien, entstanden zu unterschiedlichen Zeiten. Folgerichtig ist aber auch, beide Serien in einer Ausstellung zu zeigen. „Die Frage, was von der DDR bleibt und was das für die Gestaltung der Zukunft bedeutet, ist nach wie vor ein aktuelles Thema“, sagt Museumsdirektor Mike Lukasch, „und mit diesen beiden Fotoreportagen wollen wir dazu anregen, die Diskussion darüber zu führen“.
Museums-Info
- „Niemandsland und Musterdorf. Fotoreportagen von Bettina Flitner 1990/2014“ Museum in der Kulturbrauerei, Knaackstr. 97 in Prenzlauer Berg, Tel. 467 77 79 11, Di.–Fr. 9–18 Uhr, Sbd.+So. 10–18 Uhr, bis 14. Januar 2024, Eintritt frei, www.hdg.de
- Rundgänge Eine Ausstellungsbegleitung gibt es am 24. Juni um 14 Uhr.


