Ihre Läufe rasen stahlhart wie ein ICE – das kann sie am besten. Sie zeigt es gleich zu Beginn in Antonio Vivaldis Concerto in F-Dur, später mitunter auch in Bachs Brandenburgischem Konzert Nummer Drei. Anne-Sophie Mutter spielt im Jahr ihres 60. Geburtstags in der Philharmonie. Mitgebracht hat sie „Mutter‘s Virtuosi“, ein Streichensemble aus zwölf jungen Musikerinnen und Musikern, die aktuelle oder ehemalige Stipendiaten der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung sind.
Die Nachwuchsmusiker spielen weitgehend ohne dirigentische Leitung, werden nur zuweilen bei Anfängen leicht von der Stargeigerin koordiniert. Die einfühlsame, an Klängen, Technik und Zusammenspiel orientierte Haltung der Ensemblemitglieder überzeugt vollauf. Auch die Unterschiedlichkeit der Musikerpersönlichkeiten, die sich bereits im Vivaldi-Beginn rasch herausschält, ist ein großer Gewinn für das Ensemble.
Da ist der Geiger Mohamed Hiber, der in vielen Stücken als Konzertmeister fungiert. Sein musikantischer, erfrischend niederschwelliger Zugriff auf sein Instrument steht in interessantem Gegensatz zu dem zweiten Konzertmeister Timothy Chooi, der die hohe Spannung und Konzentration auf Musikalisches auch in seinem Körper nach außen trägt – ebenso wie die Chefin selbst.
Fast vergessen geglaubte geschmackliche Marotten blitzen im Spiel auf
In einem langsamen Satz wie dem aus Bachs Violinkonzert Nr. 1 a-Moll BWV 1041 wird die Interpretation mit Anne-Sophie Mutter als Solistin zum Drahtseilakt: Das Orchester spielt mit einem Sound wie einem gut abgehangenen Stück Schinken und bietet Mutter eine hervorragende Plattform, die diese auch für große Linien zu nutzen weiß. Allerdings blitzen fast vergessen geglaubte geschmackliche Marotten der berühmten Geigerin – ein schmalziges Gleiten über Tonsprünge, wenig abgerundete Phrasenenden – zuweilen wieder auf.

Dennoch: Anne-Sophie Mutter spielt ein gutes Konzert mit vielen Überraschungen für das gespannte Publikum. Dabei hilft Mutters unverwüstliche Virtuosität, und es helfen die passenden Stücke dazu. Eines stammt von ihrem einstigen Ehemann, dem 2019 verstorbenen Dirigenten André Previn. Im zweiten Satz seines Nonetts von 2014 liefert sich Mutter mit dem Kontrabassisten ihres Ensembles Dominik Wagner einen expressiven musikalischen Zweikampf, der viel über ihre Experimentierfreude und ihren hemdsärmelig musikantischen Zugriff sagt.
Vielleicht hat Anne-Sophie Mutter das Violinkonzert A-Dur des französischen Haydn-Zeitgenossen Joseph Bologne, Chevalier de Saint-George, auf dessen virtuosen Aspekt hin entdeckt. Bologne war der uneheliche Sohn eines französischen Plantagenbesitzers und seiner schwarzen Sklavin in der Karibik und machte später in Paris Karriere und Bekanntschaft mit vielen Größen der europäischen, zumal französischen Komponistenszene. Von dort übernimmt er das Artistische der spätbarocken Violinkultur, mit schnellem Passagenspiel und kokett quiekenden, irrsinnig hohen Spitzentönen, die Anne-Sophie Mutter mit einer Prise Humor zelebriert. Wegen ihrer Farbigkeit und Vielgestaltigkeit würde es sich in vieler Hinsicht lohnen, diese Musik häufiger zu spielen.


