Als erstes dankt Pete Townshend dem Wettergott. Hände und Blick zum blauen Himmel gerichtet, sagt er: "There is no rain." Und alle hoffen mit ihm, das es trotz Gewitterankündigung so bleiben wird. Denn schließlich soll der imposante, druckvolle und hochenergetische Sound, den The Who und das Filmorchester Babelsberg entfesseln, durch keinerlei Nebengeräusche gestört werden.
Unter der Leitung von Dirigent Keith Levenson eröffnen die Musiker den Abend mit Liedern aus „Tommy“, der bahnbrechenden Rockoper aus der Feder von Pete Townshend von 1969. Und Roger Daltreys unverwechselbare Stimme schwebt dabei über den satten Arrangements.
Live-Konzerte mit The Who sind äußerst rar geworden
The Who noch einmal in der Waldbühne erleben zu dürfen, ist sensationell. Live-Konzerte mit den verbliebenen Gründungsmitgliedern Roger Daltrey (79) und Pete Townshend (78) sind nämlich äußerst rar geworden. In den 1960er- und 1970er-Jahren war The Who nicht nur eine der einflussreichsten Rockbands überhaupt. Auch live waren die Musiker wahre Naturgewalten, die ihre Konzerte stets mit dem Zertrümmern ihrer Instrumente beendeten.
Heute wird das teure Equipment nicht mehr aggressiv zerschreddert, denn die beiden Endsiebziger sind bedeutend lässiger und entspannter geworden als zu Hochzeiten der Band. Dass sie auf ihrer aktuellen Tour "Hits Back!" jedes Konzert mit einem anderen, ortsansässigen Orchester performen, zeigt indes, dass sie musikalisch flexibel und innovativ geblieben sind.
Filmorchester Babelsberg und die Band begleiten
Aber die beiden werden nicht nur vom Filmorchester Babelsberg begleitet, sondern auch von ihrer phänomenalen Band. Allen voran Townshend jüngerem Bruder Simon an der Gitarre und Drummer Zak Starkey. Der Sohn von Beatle Ringo Starr spielt seit 1996 bei The Who Schlagzeug. Außerdem mit dabei: Loren Gold und Emily Marshall an den Keyboards, Jon Button am Bass und Backup-Sänger Billy Nicholls sowie Lead-Geigerin Katie Jacoby und Lead-Cellistin Audrey Snyder.
Der Abend ist dreifach unterteilt. Das Set mit "Tommy", dem Konzeptalbum von 1969, markiert zu Beginn einen der kreativen Höhepunkte von The Who. Mit über 20 Millionen weltweit verkaufter Exemplare auch eines der erfolgreichsten Rockalben übhaupt.
Die 14.000 Zuschauer in der Waldbühne gehen ab
Was ankommt. Beim treibenden "Who Are You" gehen auch die 14.000 Zuschauer merklich ab. Die Beats krachen, die Gitarren singen hochgradig verzerrt, und der Jubel ist grenzenlos. So klingt Rock! Das lautstarke "Yeah!" aus dem Auditorium garniert das bestens aufgelegte Gespann Daltrey und Townshend mit einer Auswahl der interessantesten "Fucking Screams" aus ihrer sechs Dekaden andauernden Live-Experience.
Im Mittelteil ohne Orchester gibt es einige der älteren Hits. Darunter mit der Ballade "Behind Blue Eyes" einen der größten und schönsten Das Orchester steigt schließlich im dritten Satz beim Album-Klassiker "Quadrophenia" von 1973 wieder ein. Der anderen ikonischen Rockoper, gekrönt von einem transzendenten "Love, Reign O'er Me" mit einem extrem starken Daltrey. Den Schlusspunkt setzt "Baba O’Riley". Der Song wurde ursprünglich für die zweite, allerdings gescheiterte Rockoper namens "Lifehouse" komponiert, erschien dann aber 1971 auf dem Album "Who’s Next".
Roger Daltrey sorgt immer noch für Gänsehaut
Im Fokus stehen bei allem natürlich die beiden Frontmänner Roger Daltrey und Pete Townshend. Daltrey, der auch zur Gitarre und zum Tambourine greift, mit seinem markanten, explosiven Gesang voll nachhallender Kraft. Damit sorgt er immer noch für Gänsehaut.
Was Townshend angeht, der zuweilen auch seinen bluesigen Gesang anstimmt, ist die raue Wucht seiner Leadgitarren-Breaks schlicht brillant und unübertroffen cool. Auch, wenn seine Posen heute physisch nicht mehr so exzessiv sind wie einst. Keine fliegenden Scherentritte, kein Rutschen auf den Knien über die Bühne. Aber durchaus noch die ikonischen mit dem Windmühlen-Arm geschlagenen Powerchords auf der Gitarre.
Einmal mehr beweisen The Who mit ihrem Konzert, dass sie immer noch eine der besten Rockbands der Welt sind. Und zwar bei strahlend blauem Himmel. Kein Wunder. Die Götter der Musik dürften vom Himmel herabgeblickt und begeistert gestrahlt haben.


